Bloß nicht loslassen. Gleich zu Beginn seines neuen Films „Mission Impossible: Rogue Nation“, der am Donnerstag in die Kinos läuft, rennt Tom Cruise in seiner Paraderolle als Ethan Hunt einer startenden Militärmaschine hinterher, schwingt sich auf den Flieger und hält sich von außen an der Tür fest, just als diese in den Steigflug geht.
Das wäre der Moment, wo jeder vernünftige Mensch noch schnell abspringen würde. Das ist der Moment, wo auch das Kino ganz klar den Boden der Realität verlässt. Die Tür will sich auch nicht gleich öffnen, gefühlte Ewigkeiten hängt der arme Agent für die unmöglichen Operationen da draußen.

Tom Cruise ist 53 Jahre alt und hat es sich nicht nehmen lassen, diesen Stunt selbst auszuüben. Sicher, es gab Sicherheitsseile, die man nachträglich wegretuschiert hat, aber selbst mit diesen war das ein heikles Unterfangen, das obendrein acht Mal gefilmt werden musste, bis es im Kasten war. Er habe auch gehörig die Hosen vollgehabt, gibt der Star, immerhin, zu. Aber bloß nicht loslassen: Das ist auch im übertragenen Sinn seine Devise.
Es ist fast genau 20 Jahre her, als der erste „Mission Impossible“-Film in die Kinos kam. Dies ist nun der fünfte Agentenfilm, den sich Master Cruise selber schenkt. Eine Art eigene James-Bond-Reihe, weil man ihn für die echte ja nie gefragt hat. Und auch an die klammert sich der Star, so wie er sich an das Flugzeug klammert. Auch wenn er, da mag er seinen durchtrainierten Körper auch noch so oft in die Kamera stellen, langsam in das Alter kommt, wo man sich schon fragen muss, ob man ihm solche Stunts noch abnehmen soll.
Die Luft nach oben wird dünn
Kommt hinzu, dass er mit jeder neuen Mission die alte auch übertreffen muss. Und da er im letzten, vierten Teil schon von außen an einem der höchsten Bauten der Welt in Dubai herumkraxelte, während ein Sandsturm aufzog, wird die Luft nach oben allmählich dünn, die Möglichkeit, das noch zu toppen, eng.
Deshalb muss er im neuen Teil eigentlich gegen alle kämpfen. Gegen das Pentagon, dass seine komplette Einheit IMF (Impossible Mission Force) auflöst. Gegen den CIA-Chef (Alec Baldwin), der seine Agenten abzieht. Gegen eine unbekannte Schöne (Rebecca Ferguson), die immer überraschend da auftaucht, wo er gerade operiert.

Und gegen eine obskure Geheimorganisation namens Syndikat, die letztlich ganz ähnlich arbeitet, wie das die IMF tat – nur zum umgekehrten Zweck: Sie wollen durch skrupellose Anschläge eine neue Weltordnung schaffen. Eine Art westlicher IS. Dabei löschen sie alle ehemaligen Mitglieder der IMF aus. Und stellen Ethan Hunt als den oberbösen Drahtzieher hin.
Seine Haut und Ehre retten muss Ethan Hunt einmal mehr quer über den Globus. Er hat eine wahnsinnige Auto- und Motorradverfolgungsjagd durch den Souk von Casablanca, im Rückwärtsgang die Treppen herab, wobei die engen Gassen seltsamer-, aber auch glücklicherweise menschenleer sind.
Österreichs Kanzler wird abgeschossen
Weil James Bond mal bei den Bregenzer Festspielen zum Einsatz kam (damals bei Puccinis „Tosca“), darf Hunt diesmal auch an den Schnürböden der Wiener Staatsoper herumturnen (bei Puccinis „Turandot“), um den österreichischen Bundeskanzler (just in der Hauptarie „Nessun dorma“ – „Keiner schlafe“) gleich vor drei Attentätern zu retten.
Der Regent wird danach leider trotzdem getötet. So danken es die Filmemacher den Österreichern, dass sie sie in ihr Nationalheiligtum gelassen haben. Den dritten „MI“-Film wollte Cruise ja eigentlich in Berlin drehen, vielleicht war es doch gar nicht so schlimm, dass daraus nichts geworden ist.

Am Ende landet Hunt schließlich in London, der Schalt- und Waltstelle von 007, und muss auch noch den dortigen Premier außer Gefecht setzen. Da reicht allerdings ein Betäubungspfeil. Aber spätestens hier muss man doch amüsiert schmunzeln: weil nach den Kürzelriten der Filmreihe der neueste Film zu „MI5“ verknappt wird, was just die Abkürzung des britischen Geheimdienstes ist. So nah ist Ethan Hunt James Bond noch nie gekommen, so klar war die Kampfansage an diese andere Action-Ikone nie.
Vielleicht schaut Tom Cruise deshalb die ganze Zeit so verbissen drein in seinem Film. Das liegt nicht nur an der Konzentration vor den Stressstunts. Bislang ist Cruise ja stets zweigleisig gefahren: hier die Popcorn-Filme wie „MI“ oder auch „Jack Reacher“, den er ebenfalls zur Reihe ausbauen will, da die hehren Charakterdramen wie „Von Löwen und Lämmern“ oder dem Stauffenberg-Drama „Operation Walküre“.
Es fehlt an Leichtigkeit
Bei all seinen letzten Filmen aber, auch bei den Unterhaltungsfilmen, schrieb immer der Stauffenberg-Autor Christopher McQuarrie das Drehbuch, in „Jack Reacher und „MI5“ führt der Cruise-Intimus sogar Regie.
Tom Cruise überlässt nichts mehr dem Zufall, er vertraut der „Mission Impossible“-Marke nicht mehr allein, auch nicht den Co-Stars Ving Rhames, der zum fünften Mal, Simon Pegg, der zum dritten Mal, oder Jeremy Renner, der zum zweiten Mal dabei ist. Es geht inzwischen um die Marke Cruise, die in die Jahre kommt.

Sein letzter Actionreißer „Edge of Tomorrow“ hat an den Kassen nicht das eingespielt, was man erhofft, erwartet hat. Das kratzt am Superstar-Ego. Mission Imagepolierung. Deshalb fällt es dem fünften „MI“ bei allem Effektespektakel ein wenig an Leichtigkeit, an Lässigkeit, all dem, was seine Figur in den früheren Teilen doch auch immer ausgemacht hat. Und daran krankt der neue Film letztlich mehr als an den immer absurderen Actioneinlagen.
James Bond, so warb der Verleih vorab kämpferisch, sollte sich schon mal warm anziehen. Nach „Rogue Nation“ darf man sagen: Nein, muss er nicht. Er wird den Vergleich wohl auch in Strandbekleidung bestehen.





