Oper

Tansel Akzeybek eröffnet die Bayreuther Festspiele

Der Berliner Tenor Tansel Akzeybek debütiert als erster türkischstämmiger Sänger in Bayreuth. Er singt den jungen Seemann zum Auftakt.

Eigentlich ist Tandel Akzeybek ein Berliner Junge

Eigentlich ist Tandel Akzeybek ein Berliner Junge

Foto: Krauthoefer

Als Wagnertenor macht er bei den Proben gerade ganz neue Erfahrungen. "Ich habe das Gefühl, dass ich an mir arbeiten muss, beispielsweise bei den Konsonanten", sagt Tansel Akzeybek: "Das gehört in Bayreuth einfach dazu." Er singt den jungen Seemann und den Hirten in Wagners "Tristan und Isolde". Mit der Oper werden am 25. Juli die Bayreuther Festspiele unter Leitung von Christian Thielemann eröffnet, es ist Akzeybeks Debüt. Der Mittdreißiger ist zugleich der erste Sänger mit türkischen Wurzeln auf dem Grünen Hügel.

Eigentlich ist Akzeybek ein Berliner Junge. Als Kind von Gastarbeitern wurde er in Neukölln geboren. Als er sechs Jahre alt war, kehrten seine Eltern nach Izmir zurück. Dort ist er auch aufgewachsen. Seit 2012 gehört er in Berlin zum Solistenensemble der Komischen Oper. Auch an diesem Haus hat er als erstes deutschtürkisches Ensemblemitglied Geschichte geschrieben.

"Das ist ein positiver Nebeneffekt", sagt er, "aber kein erklärtes Ziel von mir." Er wünscht sich vielmehr, dass es zur Normalität gehöre, dass es auch türkische Opernsänger gibt. Auch wenn er andere Erfahrungen an Opernhäusern gemacht hat. Da gäbe es im Ensemble, im Chor oder auch unter den Pianisten und Dirigenten keine Türken. "Ich unterhalte mich mit den Putzfrauen", so Akzeybek.

Ein Opernhaus in Izmir

Jetzt ist er für ein paar Tage nach Berlin zurückgekehrt, um Vorstellungen von Offenbachs "Schöner Helena" an der Komischen Oper zu singen. Man dürfe nicht vergessen, betont er im Gespräch, dass die Türkei eine eigene Opernkultur besitzt. Operntruppen aus Italien und Frankreich kennt man in Istanbul seit dem 19. Jahrhundert. Erste Häuser entstanden aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Akzeybek wurde es erst mit 17 Jahren bewusst, dass seine Heimatstadt Izmir ein eigenes Opernhaus besitzt.

Eigentlich wollte er als Junge nur seine Stimme mit der Gitarre begleiten. Aber sein Vater brachte ein Keyboard nach Hause, damit er als Hochzeitssänger auftreten konnte. Bereits mit 15 Jahren ist er mit Volks- und Popliedern unterwegs, eher um die Mädchen zu beeindrucken, und beschließt, Musiklehrer zu werden. Ein Cousin seiner Mutter hilft ihm, sich auf die Aufnahmeprüfung vorzubereiten, und bemerkt Akzeybeks ungewöhnlich hohe Stimme.

Erste kleine Solorollen

Er bekommt Gesangsunterricht, die Karriere beginnt. Nach drei Jahren am Konservatorium wird er in den Chor des Opernhauses geholt, aber nur, "weil Tenöre gesucht wurden", sagt er bescheiden. Ein Jahr später, mit 21 Jahren, singt Akzeybek kleine Solorollen in Verdis "Rigoletto" und Bizets "Carmen".

Dass er nach Deutschland zurückkehrte, geht auf eine zufällige Begegnung während seines Militärdienstes zurück. Akzeybeks Dienst bestand unter anderem darin, bei Staatsbesuchen die türkische Nationalhymne oder italienische Canzoni zu singen. Ein Hornist, der einst als Aushilfe bei den Berliner Philharmonikern tätig war, riet ihm, sein Studium im Westen fortzusetzen. "Er meinte, ich hätte irgendwas Europäisches in der Stimme."

Man denkt lieber an die Sommerpause

Im Nachhinein sieht er es als ein Geschenk des Himmels, denn "in der Türkei haben wir leider eine Kultur, in der man, sobald man eine feste Stelle kriegt, zum Rentner wird", sagt er mit leichter Ironie. "Man denkt lieber an die Sommerpause. Du musst nicht jedes Jahr dein Bestes geben."

Da Akzeybeks Schwester in Lübeck wohnt, meldete er sich dort an der Hochschule an. Schon während des Studiums bekam er ein festes Engagement ans Theater nach Dortmund. Es folgte eine Stelle in Bonn, dann holte ihn die Komische Oper ins Ensemble. Hier macht er Rollendebüts in Werken von Monteverdi bis Bernstein. In dieser Spielzeit verkörperte er zum ersten Mal den Paris in der "Schönen Helena" und den Rinuccio in "Gianni Schicchi", komische Rollen, für welche seine leicht lyrische Stimme geeignet ist.

Bewegung gehört zum Singen

Obwohl er bereits mit Inszenierungen vertraut war, die ihm viel darstellerische Leistung abforderten, gibt er zu, dass er unter dem Regieintendanten Barrie Kosky noch einiges mehr geben muss. Inzwischen sei es eine Herausforderung, wenn er nur auf der Bühne stehen und singen soll. "Ich brauche Bewegung", sagt er. "Das Tanzen und Spielen öffnet den Körper. Man denkt nicht so viel nach, sondern man spielt einfach, und die Stimme macht mit."

In der kommenden Spielzeit freut er sich auf Auftritte in Graz und Riga, wo er als Graf Almaviva in Rossinis "Barbiere di Siviglia" seine Vertrautheit mit dem italienischen Stil ausleben kann. An der Komischen Oper übernimmt er die Titelrolle von Offenbachs "Fantasio", und außerdem ist er der Tamino in Mozarts "Zauberflöte".

Seine Ehefrau ist eine japanische Pianistin

Dass Akzeybek in seiner Geburtsstadt lebt, hat nicht nur mit der Oper zu tun, sondern auch damit, dass seine Ehefrau, eine Pianistin aus Japan, gerne hier ist. "Wenn die Frau glücklich ist", sagt er charmant, "dann muss man da bleiben." Darüber hinaus gehört Akzeybek zu einem Opernhaus, das sich um die deutsch-türkische Gemeinschaft bemüht. Dazu zählt auch die zweisprachige Kinderoper "Ali Baba" von 2012, in der Akzeybek natürlich mitwirkte.

Dem Tenor ist es wichtig, dass sich junge Deutsch-Türken integrieren wollen und zeigen, dass sie mehr als nur Döner verkaufen können. "Es ist schön, auch etwas weiterzugeben", sagt er. "Im Kinderchor gibt es viele Mitglieder mit türkischem Hintergrund. Vielleicht bin ich ein Vorbild, das sie anregt, sich mit Klassik zu beschäftigen."

Eine gewisse Last auf den Schultern

Die Stimme des jungen Seemanns in "Tristan und Isolde", das muss man noch hinzufügen, eröffnet die Wagner-Oper von hinter den Kulissen. "Es ist etwas Besonderes für mich", sagt Akzeybek mit einem tiefen Atemzug, "dass ich die Bayreuther Festspiele mit meiner Stimme eröffne. Es ist natürlich eine gewisse Last auf meinen Schultern – aber eine, die ich gern trage."

Komische Oper: Paris in Offenbachs "Schöner Helena" am 12. Juli Bayreuth: Junger Seemann und Hirte in Wagners "Tristan und Isolde" ab 25. Juli

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