Baustelle

Beim Staatsoper-Richtfest spricht niemand über die Pannen

Beim Richtfest der Staatsoper wird viel Zuversicht verbreitet. Von den höheren Kosten ist keine Rede.

Alle sind von Amtswegen auf gute Laune eingestellt, lediglich die Richtkrone, die hoch über der Staatsopern-Baustelle an einem Kran hängt, schwankt im Wind unschlüssig hin und her. Unter den Linden wird am Donnerstag Richtfest gefeiert.

Es ist traditionell ein Fest des Bauherren für die beteiligten Bauarbeiter – und viele haben sich dazu eingefunden. Aber in Berlin sind Richtfeste vor allem auch dazu da, der Öffentlichkeit mitzuteilen, dass nicht alles schiefläuft auf den hoch subventionierten Baustellen.

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Eine komplexe Baustelle

Andreas Geisel (SPD), Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, will auch gleich ehrlich sein, sagt er. Man habe schon überlegt, ob man ein Richtfest feiern sollte. Geisel redet natürlich nicht über die Pannen, überhaupt redet an diesem Tag keiner über die von 239 Millionen auf mehr als 390 Millionen Euro gestiegenen Sanierungskosten, der Senator spricht würdevoll davon, dass es „eine komplexe, schwierige Baustelle“ ist. Und außerdem: „Wir machen die Staatsoper für die nächsten hundert Jahre fit“, so der Bausenator. „Es kommt der Tag, an dem alle Berliner stolz sein werden.“

Geisel ist auch der Gastgeber, der die Bauarbeiter und Gäste begrüßt. Bei den Firmen hält er sich zurück. Es gäbe fünf Din-A4-Seiten voller Baufirmen, sagt er entschuldigend. Einzeln begrüßt er dagegen Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm, den Architekten HG Merz, den Generaldirektor der Opernstiftung Georg Vierthaler und seine Amtsvorgängerin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Auch die anwesenden Parlamentarier werden begrüßt. Nur einer blieb vermisst: Michael Müller, der Regierende Bürgermeister, der zugleich Kultursenator ist. Wenn die Staatsoper für Berlin so wichtig ist, wie es alle Redner versichern, dann wäre das Richtfest eine Chefsache gewesen. Es war terminlich nicht möglich, heißt es am Donnerstag aus der Senatskanzlei.

Dafür wird auf der Rednertribüne zwischen Opernhaus und Intendanzgebäude allen Ernstes eine Krawatte angekündigt. Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD), Markenzeichen Hemdsärmlichkeit, hat sich nämlich für diesen Anlass extra eine Krawatte umgebunden. Er steigt mit einem Scherz in seine Rede ein. Wenn die Oper die komplexeste Kunstform ist, dann könne doch auch kein Bau ohne Dramen auflaufen, meint er. Renner blickt jedenfalls „entspannt nach vorne“. Man sei auf der Zielgeraden.

Tatsächlich schwören die Bauherren Stein und Bein, dass im Sommer 2016 die Intendanz- und Probenräume übergeben werden und im Herbst der Spielbetrieb im Opernhaus wieder aufgenommen wird. Allmählich möchte man es glauben. Bereits 2010 war das Opernensemble in die Ausweichspielstätte Schiller-Theater gezogen. Drei Jahre waren dort anvisiert. Aber wegen Pleiten beteiligter Firmen, Planungspannen und Schwierigkeiten mit dem morastigen Grund und der maroden Bausubstanz sind die Sanierungsarbeiten am Stammhaus vier Jahre hinter Plan.

Ein Ausschuss untersucht

Renner wendet sich auch an die Opposition unter den Mitfeiernden. Wenn man schon nach hinten gucken möchte, dann muss man daraus auch etwas lernen. Bei folgenden Bauprojekten sei man in Berlin überlegter zugange. Es ist eine Anspielung darauf, dass die Opposition im Abgeordnetenhaus einen Untersuchungsausschuss zur Sanierung der Staatsoper eingerichtet hat. Ein Jahr lang sucht man nach den Gründen für die Bauverzögerungen und explodierten Kosten. Möglicherweise wird man dafür in einer anderen Geschichte fündig. Gern verweisen die Bauherren jetzt auf den um fünf Meter erhöhten und damit akustisch verbesserten Saal. Ursprünglich sollte nach einem Architekturwettbewerb anstelle des historisierenden Richard-Paulick-Saales aus den 50er-Jahren ein hochmoderner Saal von Architekt Klaus Roth gebaut werden. Aber in Berlin empörten sich traditionsbewusste Bürger: Der Paulick-Saal sollte bleiben. 2008 ruderte Klaus Wowereit, der damalige Regierende Bürgermeister, zurück. Das war eine politisch richtige, zugleich spontane Machtentscheidung. Über die folgenden rechtlichen Verwicklungen in Sachen Generalplanung ist wenig bekannt. Am Fahrplan wurde aber offiziell festgehalten. Das Ergebnis ist bitter genug.

Einen bitteren Beigeschmack hat auch die heitere Rede von Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm, der seit 2010 im Schiller-Theater festsitzt. Flimm betritt am Donnerstag die Rednertribüne und meint, dass er und Senatsbaudirektorin Regula Lüscher sich „nicht leiden können müssten“. Es sei aber ganz anders. Und dann trägt der Intendant sein Festgedicht frei nach Theodor Fontanes Ballade vor. Zwei Ausschnitte geben die Stimmung wieder:

Ich werde es tragen sieben Jahr

Und kann es nicht tragen mehr

Oh liebe Regula

Oh holde Maid Helvetiens

Oh rufe ja zur Musica

Seht dort das Haus, wie sehr es glänzt

Es lebe hoch! Hipp, hipp, hurra!

Wir kommen bald, wird sind schon da!