Rein privat komme sie, sagt Elke Heidenreich, und auch erst am Tag der Uraufführung. Die Oper „Adriana“ von Marc-Aurel Floros hat am 31. Juli in der Kammeroper Schloss Rheinsberg Premiere. Heidenreich hat das Libretto geschrieben. Was die TV-Literaturexpertin eher kleinredet nach dem Motto: Wer könne sich heute noch an die vielen Textdichter der Operngeschichte erinnern? Im Gespräch geht es um die Prototypen der Liebe, um ihre Leidenschaft für die Musik und um Schlachten, die sie in ihrem Leben besser vermieden hätte.

Berliner Morgenpost: Ihren Namen verbindet man mit Fernsehen und Literatur, weniger mit Oper. Wie kam es dazu?

Elke Heidenreich: Meine Mutter war ein großer Klassikfan und wir haben immer, in den 50er-Jahren, als ich Kind war, Opern im Radio gehört. Mit 13 bin ich das erste Mal in Mozarts „Zauberflöte“ gegangen. Und es begann eine lebenslange Liebe. Nun ist die Literatur durch mein Germanistikstudium mein Beruf geworden, aber meine große Liebe war immer die Musik. Als ich Mitte der 80er-Jahre nach Köln zog, ergab sich eine Mitarbeit im Opernhaus. Dort wurde die Kinderoper aufgebaut und man brauchte jemanden, der die Libretti bearbeitet. Seitdem ist es auch Teil meines Lebens geworden.

Haben Sie Lieblingskomponisten?

Das ist wie mit den Lieblingsbüchern, als Kind liest man anderes als mit 20, 30 oder 60. Lange Jahre haben mich die italienischen Komponisten interessiert. An Mozart und Bach kommt man sowieso nicht vorbei. Und heute ist es für mich Wagner. Und ich freue mich darüber, dass endlich Schreker und Braunfels, die ganzen im 20. Jahrhundert Verpönten, wieder entdeckt werden. Wir können ja nicht ewig im 19. Jahrhundert stecken bleiben.

Bei einer Probe der Kammeroper Schloss Rheinsberg: Sebastian Kunz als Jakob (Vater von Adriana) mit Julia Bachmann (Adriana)
Bei einer Probe der Kammeroper Schloss Rheinsberg: Sebastian Kunz als Jakob (Vater von Adriana) mit Julia Bachmann (Adriana) © BM | Kammeroper / Henry Mundt

In Ihrer Oper geht es um die junge Adriana, die zwischen zwei Brüdern steht, der eine ist erfolgreicher Geschäftsmann, der andere Romantiker. Warum gerade diese beiden Prototypen?

Eben weil es Prototypen sind. Ich wollte ein Libretto über verschiedene Formen der Liebe schreiben. Auch ein bisschen augenzwinkernd, denn seit 500 Jahren sind ja Liebe und Tod die großen Themen der Oper. Ich wollte mich nicht ausklinken. Denn die modernen Opern von Wolfgang Rihm oder Detlev Glanert greifen immer zurück auf die Antike, also noch eine Proserpina, ein Dionysos, ein Caligula. Ich wollte im Hier und Jetzt bleiben und sagen, die Liebe ist etwas, womit wir nach tausenden von Jahren immer noch nicht klarkommen.

Um welche Liebesprobleme geht es denn?

Ich zeige ein junges Paar, das nicht klar kommt, ein mittleres, das sich arrangiert hat und ein altes, bei dem es wieder klappt. Die junge Adriana möchte romantisch heiraten, andererseits versorgt sein. Sie entscheidet sich gegen ihr Gefühl und für den Kopf. Vielleicht ist es manchmal richtig, aber diesmal nicht. Dann hat sie eine Freundin, die mit ihrem Mann lange zusammen ist, aber ihn betrügt. Es ist ein etwas zynisches Paar. Und sie hat einen Vater, den die Mutter vor 15 Jahren verlassen hat und die jetzt zurückkommt. Sie finden im Alter wieder zusammen.

Wenn Sie schon drei Lebensmodelle auf die Bühne bringen: Was sollte man in Sachen Liebe im Leben am besten tun?

Es gibt überhaupt kein Rezept. Jeder Mensch ist anders. Es gibt die Geduldigen, die Aggressiven, die Suchenden, die Wartenden, die Leidenschaftlichen, die Angepassten. Ich erzähle eine Geschichte von einer Million möglichen.

Schade, damit werden Sie kein Liebesberater?

Nein, ich bestimmt nicht.

Sprechen wir über den Komponisten Marc-Aurel Floros, Ihren Lebensgefährten. Er ist bereits in Rheinsberg und wird schon ein bisschen aufgeregt sein.

Das glaube ich nicht. Er ist in Rheinsberg, weil ein Korrepetitor fehlte. Er ist ja auch Pianist und hingefahren, um mit den Sängern die ersten Klavierproben zu machen.

Möchten Sie jetzt seine Musik loben?

Floros braucht mich doch nicht zum loben. Er hat schon vieles komponiert, mit 23 bereits seine erste Oper geschrieben. Wir haben zusammen für Köln „Gala Gala“, ein surrealistisches Kammeropernspiel, gemacht. Ich würde mit ihm nicht arbeiten, wenn ich seine Musik nicht grandios fände. Er ist hochbegabt und kann alles, auch die Moderne wie sie sich Adorno oder Pierre Boulez vorstellen. Aber er will lieber mit seiner Musik die Menschen erreichen. Sie muss nicht immer nur Auschwitz, Krieg oder Atombombe ausdrücken, was die moderne Musik in ihrer Zerrissenheit gut kann, sie muss auch Schönheit, Harmonie und Liebe vermitteln können. Das kann Floros. Unsere gemeinsame Arbeit ist auch ein Teil unserer Lebensgemeinschaft.

Von 1996 bis 2008 arbeiteten Sie für die Kinderoper Köln. Da ging es darum, alte Opern zu modernisieren?

Nein, die Idee war, Opern auszugraben. Christian Schuller, der die Kinderoper leitete, hat unglaublich schöne Sachen gefunden. Floros hat sie für 16 Musiker bearbeitet und auf eine Stunde gekürzt. Kinder können Oper nicht länger als eine Stunde durchhalten. Ich musste die Libretti übersetzen und kürzen. In der Zeit haben wir 21 Opern auf die Bühne gebracht, die, bis auf eine, alle aus dem 20. Jahrhundert stammten.

Die „Adriana“-Oper war ursprünglich für Köln gedacht. Wie viel steckt davon jetzt in Rheinsberg drin?

Ganz viel, zumindest vom Libretto. Dass die Uraufführung damals nicht stattfinden konnte, lag ja an der Musik, Floros war schwer krank geworden und lag drei Monate im Krankenhaus. Rheinsberg ist jetzt der zweite Anlauf, und die Musik klingt ganz anders.

In der einer Fernsehtalkrunde waren Sie einmal gemeinsam mit dem bereits erkrankten Berliner Regisseur Christoph Schlingensief zu Gast.

Das war bei Beckmann.

Wie ging Ihre Freundschaft weiter?

Wir haben bis zu seinem Tod immer wieder telefoniert, uns geschrieben und auch mal getroffen. Ich habe ja auch nur noch einen Lungenflügel. Er hatte mich, sofort nachdem er seine Diagnose bekam, angerufen. Da saß ich gerade in Lissabon im Taxi. Er fragte mich, ,Elke, wie kann man mit einem Lungenflügel leben?’ Ich habe ihn beruhigt und gesagt, dass ich damit seit 40 Jahren lebe. Man muss Gymnastik machen und schnauft beim Treppensteigen. Damals wusste ich aber noch nicht, dass ihn der Krebs bereits zerfressen hatte. Aber diese Atemlosigkeit schuf eine Nähe zwischen uns. Er war ja auch immer so ein Schneller wie ich. Schnell reden, schnell machen. Eine Mischung aus sehr sanft und sehr kämpferisch. Und wir haben uns immer sehr seelenverwandt gefunden in unserem Zorn auf die Krankheit und unsere Leidenschaft für die Oper.

Er hat in der letzten Lebensphase viel Oper gemacht.

Vorher aber auch schon.

Er hätte ja vom mühsamen Opernbetrieb loslassen können?

Loslassen war nicht sein Ding. Ist mein Ding auch nicht. Ich werde auch bis zum letzten Atemzug machen. Menschen sind verschieden, die einen ziehen sich zurück und werden kontemplativ, die anderen legen in der Krise erst richtig los. Als ich den Krebs hatte, die Bestrahlung bekam und mich richtig krank fühlte, saß ich im Fernsehen und machte meine Sendung „Lesen!“. Die habe ich genau zu der Zeit angefangen. Das sind die Dinge, die einen retten.

Ihrer Biografie kann man entnehmen, dass Sie andauernd Schlachten geschlagen haben. Was war davon rückblickend überflüssig?

Vieles war überflüssig und oft bin ich übers Ziel hinausgeschossen. Ich wäre gerne diplomatischer. Aber jetzt bin ich über 70 und weiß, ich werde es nicht mehr. Ich hätte mir die Auseinandersetzungen mit dem ZDF sparen können. „Lesen!“ war eine tolle Sendung, die habe ich mir selbst vermasselt. Ich habe mich entschuldigt, aber die wollten mich nicht mehr haben.

Wenn Menschen in der Öffentlichkeit auf Sie zukommen, was wollen sie dann von Ihnen wissen?

Dass viele auf mich zukommen, das nehme ich mit einer Mischung aus Stolz, Liebe und Entsetzen wahr. Ich bin gar nicht gerne populär. Ich bin gerne für mich. Ich werde nicht gerne angesprochen. In meiner Arbeit bin ich kämpferisch, aber als Privatperson nicht. Wenn nach der Lesung jemand kommt und sagt, ich muss Sie jetzt knuddeln, dann erstarre ich zu Stein. Ich will nicht jedermanns Liebling zum anfassen sein. Anfassen ist eine Nummer zuviel. Aber wenn mich jemand anspricht und fragt, was er denn lesen solle, dann antworte ich meistens freundlich.

Nach Rheinsberg kommen Sie erst zur Uraufführung. Was treiben Sie eigentlich den ganzen Tag?

Ich habe in Köln ja mit Floros zusammen einen musikalisch-literarischen Salon, wo ich alle 6 bis 8 Wochen neue Bücher vorstelle. Dann bin ich ja immer noch im „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens, das ist dasselbe wie „Das literarische Quartett“. Und dann sitze ich an meinem neuen Buch „Alles kein Zufall“, dass ich im August beim Hanser-Verlag abgebe. Es soll im Frühjahr erscheinen.

Kammeroper Schloss Rheinsberg/Schlosshof. Tel. 033931-34940 Termine: 31.7., 1., 7., 8.8. um 20 Uhr