Kultur

„Ich bin immer auf der Suche“

Cornelius Meister, 35, hat als Dirigent eine erstaunliche Karriere hingelegt. Jetzt gastiert er am Konzerthaus

Ein durch und durch höflicher Dirigent ist Cornelius Meister. Möglicherweise ist etwas Wienerisches auf ihn abgefärbt. Seit 2010 ist er Chefdirigent des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien. Er nennt es ein Privileg. Darüber hinaus ist er als Dirigent bereits weit herumgekommen. Im Gespräch durchspringen wir beiläufig die Kontinente. Meister, 1980 in Hannover geboren, ist einer der vielversprechendsten deutschen Dirigenten seiner Generation.

In Berlin wird er am Freitag und Sonnabend das Konzerthausorchester mit Werken von Dvorak und Prokofjew leiten. In Berlin kennt er sich gut aus. Er hat an der Deutschen Oper dirigiert. Ebenso an der Komischen Oper, darüber hinaus das Deutsche Symphonie-Orchester und das Rundfunk-Sinfonieorchester geleitet. Drei der Orchester suchen gerade einen neuen Chefdirigenten? Meister weicht nahe liegenden Frage aus. „Es ist schön“, sagt er, „dass es nach wie vor so viele hervorragende Orchester in Berlin gibt.“

Gleich an der Partymeile

Er sei gerne hier, fügt er hinzu. Er habe sogar mal ein Jahr in Berlin gelebt. Mit Anfang 20 gab er seine Assistentenstelle am Theater Erfurt auf. „Als Musiker habe ich mich damals für den freien Weg entschieden. Und ich wollte gerne in Berlin leben und bin in die Simon-Dach-Straße gezogen.“ Die Frage nach der Partyszene im Friedrichshain überhört er geflissentlich. Lieber erzählt er von seinen Eindrücken bei den Philharmonikern. „Ich war bei den Proben zu Simon Rattles Inaugurationskonzert mit Mahler 5 und Thomas Adès’ ,Asyla‘. Ich habe viel gelernt.“ Auch sei es für ihn damals etwas Besonderes gewesen, in einer Stadt zu leben, wo die Straßen dreimal breiter sind als anderswo. Solche Bemerkungen gehören zu seinem leisen Humor.

Cornelius Meister haftet – seit nunmehr einem Jahrzehnt – schwer ein Etikett an. Ähnlich wie einst Karajan oder Furtwängler. 2005 war er Chef in Heidelberg geworden und damit der jüngste Generalmusikdirektor Deutschlands. Oder wie er selber sagt, der Welt. Dazu muss man wissen, dass es außerhalb der deutschsprachigen Opernlandschaft den Titel so nicht gibt. „Es war schon mutig von den Verantwortlichen, mich einzustellen“, sagt er: „Man selber hat ja in dem Alter keine Angst.“ Dem Ganzen ging ein langes und, wie er betont, transparentes Auswahlverfahren voraus. Am Ende konnte keiner der Beteiligten sagen, so Meister, „er hätte nicht Ja zu meiner Berufung gesagt“.

Das war der Beginn seiner Karriere. Im Nachhinein muss er selbst über die ersten Fettnäpfchen schmunzeln. Gleich beim ersten Abonnementkonzert stand der Konzertsaal für einen Probenabend nicht zur Verfügung. Also plante man die Proben drumherum. Dann stellte sich kurz vorher heraus, dass er doch frei sein würde. „In meiner Naivität stellte ich mich vors Orchester und sagte ihnen, dass wir großes Glück hätten und jetzt doch proben können“, erinnert er sich: „Es hat sich keiner beklagt. Keiner hat mir, dem jungen Dirigenten, gezeigt, wie es normalerweise im Orchesteralltag abläuft.“ Normalerweise hat auch jeder Shootingstar in der Klassik seinen berühmten Ziehvater, der schützend seine Hände über den Heranreifenden hält. Bei Cornelius Meister lief aber einiges anders, noch deutlich familiärer. Sein Vater Konrad Meister war Pianist und Professor an der Musikhochschule Hannover, seine Mutter ist Klavierlehrerin, sein Halbbruder Rudolf Meister ist Pianist und inzwischen Rektor der Musikhochschule Mannheim. „Ich bin von meinem Vater, der mich als Klavierprofessor zwanzig Jahre lang unterrichtet hat, insgesamt am meisten geprägt worden“, sagt Cornelius Meister.

Und natürlich hat er, der selber drei Kinder hat, gleich noch eine Anekdote zur Hand. Irgendwann unterhielt er sich mit seiner Frau, einer Sängerin, über einen Kollegen. Es ging um die Frage, ob der auch Klavier spielen könne. Der kleine Sohn mischte sich lautstark ein: „Natürlich kann er Klavier spielen, er hat doch Hände!“ Die Weltsicht erklärt sich schnell: Wer Hände hat, der kann auch Klavier spielen. „Diese Selbstverständlichkeit hatte ich als Kind auch“, sagt Meister: „Das Klavier war ein ganz normales Möbelstück bei uns zu Hause, und das hat jeder auch benutzt.“

Cornelius Meister studierte also Klavier und Dirigieren in Hannover bei seinem Vater, Martin Brauß und Eiji Oue sowie am Mozarteum Salzburg bei Dennis Russell Davies, Jorge Rotter und Karl Kamper; außerdem spielt er Cello und Horn. So heißt es in seiner offiziellen Biografie. Aber dann kommt doch noch ein Ziehvater ins Gespräch. „Als ich 17 Jahre alt war, hatte mich Gerd Albrecht als Pianist eingeladen. Es waren seine letzten Monate als Hamburgischer Generalmusikdirektor. Nach dem Konzert fragte er mich, ob ich denn nicht Dirigent werden wolle? Das war für mich überraschend, weil ich das fest vorhatte. Aber alle anderen sagten mir, ich sei doch noch viel zu jung dafür.“

Es geht ums große Repertoire

Gerd Albrecht, der im vergangenen Jahr in Berlin gestorben ist, sah das anders. Gerade weil ein Dirigent viel Erfahrung brauche, so Albrecht, müsse er früh anfangen. Mit 21 Jahren debütierte Meister an der Hamburgischen Staatsoper. Bestimmte Lehrsätze müssen ihn geprägt haben. An anderer Stelle wird er betonen, dass es wichtig ist, sich als junger Dirigent viel Repertoire zu erarbeiten, ob in der Oper oder auf der Konzertbühne. „Ich bin immer auf der Suche“, sagt er. Auf Lieblingskomponisten will er sich nicht festlegen lassen.

Darüber hinaus nutze er jede Gelegenheit, um in Proben von anderen Dirigenten, aber auch Kammermusikgruppen zu gehen. „Ich bin fest davon überzeugt, dass man immer etwas mitnimmt. Es ist egal, ob die Probe eine Sternstunde oder das Gegenteil war. Gerade Situationen, in denen alles aus dem Ruder läuft, in denen alle verzweifeln, weil nichts mehr vorangeht, sind viel lehrreicher als Proben, in denen alles flutscht. Vor Jahren hat mir mal ein gestandener Kapellmeister gesagt, den erfahrenen Dirigenten erkennt man nicht in den schönen Stunden, sondern an den Unfällen, die er überlebt hat.“

Meister gehört zur einer Generation von Dirigenten, die umgänglicher und offener sind als frühere Pultherrscher, in bestimmten Dingen aber auch wieder konservativer denken, etwa was die Kleiderordnung betrifft. „Es ist sicherlich wichtig, Menschen, die keinen schwarzen Anzug im Schrank zu hängen haben, die Scheu vor Klassikkonzerten zu nehmen. Aber ein Konzert ist nicht etwas Alltägliches. Es soll schon als einzigartiges Erlebnis in Erinnerung bleiben.“ Crossover ist für ihn kein Thema. „Für meine Generation ist es völlig normal, dass wir Musik machen, die uns gefällt. Wir achten nicht so sehr darauf, ob das in der anderen Abteilung der Musikalienhandlung steht.“