Festival

Classic Open Air - Warum Gerhard Kämpfe der Chef bleibt

| Lesedauer: 6 Minuten
Volker Blech
Festivalchef Gerhard Kämpfe

Festivalchef Gerhard Kämpfe

Foto: Ricarda Spiegel

Festivalchef Gerhard Kämpfe lädt zu fünf Tagen Classic Open Air auf den Gendarmenmarkt. Lampenfieber gehört dazu - ein Interview.

Das Classic Open Air findet bereits zum 24. Mal auf dem Gendarmenmarkt statt. Das klingt nach Routine, aber Festivalleiter Gerhard Kämpfe wirkt im Gespräch doch schon aufgeregt. Vom 2. bis zum 6. Juli finden fünf Konzerte und ein Kinderlesefest statt. Ute Lemper wird als Stargast am Sonntag erwartet. Im Abschlussprogramm singt Roger Cicero die großen Hits von Frank Sinatra. Kämpfe schwärmt selbstverständlich von all seinen Angeboten. Aber auch er hat seine Vorlieben, wie sich im Gespräch herausstellt.

Berliner Morgenpost: Die First Night ist wieder eine kunterbunte Mischung aus Oper, Musical, Ballett, Pop und lustiger Plauderei. Am liebsten haben wir doch immer für alles ein Etikett. Wie nennen Sie denn intern das Programm?

Gerhard Kämpfe: Witzigerweise heißt es auch bei uns First Night, weil wir an diesem ersten Abend schon vorstellen, wie die gesamte musikalische Struktur des Festivals ist. Es ist eine bunte Mischung.

In den fünf Tagen bringen Sie Künstler zusammen, die normalerweise nicht miteinander reden würden. Gehen die Begegnungen denn immer gut?

Ja, ich habe bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Eine sehr lustige Begegnung war die von Startenor José Carreras mit Klaus Meine von den Scorpions. Carreras gab vor Jahren ein Konzert bei uns, und als eine Zugabe kam Klaus Meine dazu und die beiden haben „Wind of Change“ gesungen. Backstage gab Klaus Meine dann den Slogan heraus, dass sei eine Weltpremiere der anderthalb Tenöre. Die beiden haben sich auch hinter der Bühne sehr gut verstanden. Nach meiner Beobachtung haben die Rock-Pop-Jazz-Leute eine große Hochachtung vor den Klassikleuten. Und umgekehrt, ein Klassikstar wie José Cura kommt nach dem Konzert zu mir und fragt, wann ich denn endlich ein Rockalbum mit ihm produziere. Er wolle auch im großen Stadion singen.

Und was ist daraus geworden?

Wir reden noch über das Projekt.

Allabendlich wollen Sie knapp 6000 Plätze verkaufen. Was ist im Vorverkauf am besten gelaufen? Und was sagt uns das über die Vorlieben eines Open-Air-Publikums?

Bei der First Night brennt die Luft. Da gibt es nur noch Restkarten an der Abendkasse. Roger Cicero läuft toll und interessanterweise das reine Klassikprogramm. Einen Abend haben wir dafür vorbehalten, nach einem Barockprogramm und zuletzt der Wiener Klassik ist er in diesem Jahr der Romantik gewidmet. Da konzentrieren sich offenbar die Puristen drauf. Möglicherweise ist es auch attraktiv, weil wir es mit Licht und Feuer inszenieren. Den Zauber liebt das Publikum.

Der Romantik-Abend wird von der Schauspielerin Nadine Schori, Ihrer Ehefrau, moderiert. Es ist das erste Mal, dass Sie zusammen öffentlich auftreten. Aber Sie dürfen trotzdem noch an dem Abend der Chef sein?

Ich bleibe der Chef, hoffe ich jedenfalls, aber ich überlasse ihr gern die Bühne. Ich glaube, dass sie das sehr gut machen wird.

Aber Sie haben an dem Abend kein Lampenfieber?

Eine gewisse Anspannung habe ich sowieso und die wird bis Montag anhalten. Aber wenn meine Frau auftritt, wird es schon heftiger sein. Ich nenne das gerne das Fremdlampenfieber. Wenn ich selber moderiere, dann bin ich dagegen kaum aufgeregt. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich ja keine Rolle spielen muss. Ich muss vor allem meine Dankbarkeit ehrlich zum Ausdruck bringen. Da kann das Publikum drüber hinwegschauen, wenn es sprachlich mal etwas holprig ist.

Als Festivalchef haben Sie wahrscheinlich tausend Problemen gleichzeitig zu lösen. Was war in diesem Jahr das größte Problem?

Natürlich die Doppelbespielung mit dem Konzerthaus. Während wir auf dem Gendarmenmarkt unsere Programme anbieten, wird im Schauspielhaus das Konzerthausorchester seine Abokonzerte zum Saisonfinale spielen. Im Haus sitzen 1400 Leute, auf dem Platz zwischen fünf und 6000. Open-Air beginnen wir immer eine halbe Stunde vorher. Deshalb mussten wir auch die Zugänge zum Konzerthaus völlig neu regeln. Das Ganze erforderte eine sehr feine Abstimmung. Sowohl das Team des Konzerthauses als auch unsere Analysefirma MMT haben in vielen Meetings ein völlig neues Soundsystem erstellt. Wir beschallen die Tribünen jetzt extra. So wird kein Konzert vom anderen gestört.

Wie können Sie sich so sicher sein?

Wir haben am Dienstag die Probemessung gemacht. Drinnen ist nichts zu hören. Wir haben die Wände, Fenster und Türen des Konzerthauses mit ungefähr 500 Quadratmetern Mikrofaserplatten abgedichtet.

Das Jammern über das Wetter gehört bei Open-Air-Festivals mit dazu. Nun soll es statt Regen vor allem Hitze geben. Hitzefrei ist bei Festivals aber nicht vorgesehen?

Ich bin schon aus Erfahrung demütig: Lieber heiß als Regen und Sturm. Aber auch die Hitze kann Probleme bereiten. Wir haben uns zum Beispiel gefragt, wie wir das bei „Berlin liest“ am Freitagvormittag machen. Da werden über 5000 Kinder auf dem Platz sein. Wir reden von vier Euro Eintrittsgeld, und viele Kinder werden kein Geld für Getränke ausgeben können. Daraufhin hat sich mein Partner Mario Hempel mit seiner Firma Sunshine Catering entschlossen, jedem Kind ein Esspaket und Getränke kostenlos zu geben.

Das Festival findet jetzt bereits zum 24. Mal statt. Da wird es doch inzwischen Rituale hinter den Kulissen geben?

Ja, die gibt es. Es gehört dazu, dass wir alle vor dem ersten Konzert zusammensitzen und uns gegenseitig Mut machen. Da werden kollektive Gedanken beschworen. Das ist wie bei einer Fußballmannschaft vor dem entscheidenden Spiel. Das zweite Ritual folgt nach dem Festival. Da kommen wieder alle Leute, ob Kabelzieher, Produktionsleitung oder Security zusammen. Dann halten Mario Hempel und ich eine Rede. Einmal waren drei unserer Techniker, die in Berlin fertig waren, bereits tagsüber in Düsseldorf beschäftigt. Sie kamen abends extra angereist, um bei der Rede dabei zu sein. Das hat mich sehr berührt.

Classic Open Air, Gendarmenmarkt, vom 2. bis 6. Juli. Tel. 01806-999000606Die heutige First Night wird vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) aufgezeichnet. Die Highlights des Eröffnungsprogramms werden dann am 15. Juli um 20.15 Uhr 90 Minuten lang gesendet.

>>>Alle weiteren Infos zu Programm und Tickets<<<