Zauber der Romantik

Sommernachtsträume auf dem Gendarmenmarkt

Ein Abend des diesjährigen Festivals Classic Open Air ist der Musik der Romantik gewidmet. Viele Komponisten, aber auch Dichter und Maler, schwelgten in Fantasie- und Traumwelten.

Foto: akg-images / pA / akg-images

Ein Dinner bei Kerzenlicht. Der Spaziergang im Mondschein. Das Überreichen eines Blumenstraußes. Möglichst mit Heiratsantrag! Solche Bilder kommen uns zwangsläufig in den Sinn, wenn das Stichwort „romantisch“ fällt. Doch sind das nicht Klischees? Und haben „romantisch“ und „Romantik“ wirklich dieselbe Bedeutung? Schwer zu fassen ist der Begriff Romantik, obgleich er in der Geschichte der Literatur, der Kunst und der Musik eine prägende Rolle spielt.

Musikalisch lässt sich die Bezeichnung kaum eindeutig zuordnen. Deswegen kann das Festival Classic Open Air am 4. Juli unter dem Motto „Zauber der Romantik in Licht und Feuer“ die unterschiedlichsten Tonkünstler und zahlreiche musikalische Genres präsentieren: Chopin, Schubert, Dvořák, von Weber, Smetana oder Mendelssohn-Bartholdy. Was sie alle an diesem Abend verbindet, sind die großen Gefühle.

Emotionaler Überschwang führt oft dazu, dass sich die Konventionen auflösen. Vielleicht liegt hier das wichtigste Merkmal der romantischen Musik. Die Betonung des Ausdrucks im Gegensatz zu den klassischen Formen, die Erweiterung der bis dato gängigen Harmonik bis hin zur Überschreitung: Das sind Entwicklungen, die in der Musik bis heute wirken, auch wenn die romantische Epoche unter den Komponisten musikwissenschaftlich streng genommen nur für den Zeitraum zwischen 1830 und 1850 gilt.

Doch selbst Richard Wagner mit seiner Konzeption des Musikdramas als Gesamtkunstwerk oder ein Richard Strauss als Vertreter der Spätromantik griffen in ihrem Werk Ideen der frühen Romantiker auf. Die Auffassung, dass die Musik eine ganz im Gefühl beheimatete, unstoffliche Kunst sei, prägte im 19. Jahrhundert die Vorstellung der Musik.

Musik bezog sich auf Dichtkunst

Das Wort Romantik kommt vom altfranzösischen „romance“ und bedeutet Dichtung oder Roman. Viele Begriffe der romantischen Musik gehen auf die deutsche literarische Romantik des frühen 19. Jahrhunderts zurück, auf Dichter wie Novalis, Tieck, die Gebrüder Schlegel, E. T. A. Hoffmann oder Brentano. Mit dem Aufstieg des Bürgertums nach der Französischen Revolution trat europaweit eine Abkehr ein von dem, was man mit der griechischen Antike verband. Dazu zählte man in der Dichtung die Weimarer, in der Musik die Wiener Klassik.

Dieser „klassischen“ Kultur wurde nun die christliche europäische Kunst entgegengesetzt, mit der Neuentdeckung des Mittelalters und seiner Mythen sowie einer Betonung einer nationalen Kunst, vor allem in der Oper. Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ mit der berühmten Wolfsschlucht-Szene, im Juni 1821 im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt uraufgeführt, ist mit seiner Natur- und Geister-Romantik ein frühes Beispiel.

Durch die beständige Erweiterung des Orchesters fanden die Komponisten neue Möglichkeiten der Naturschilderung und des Lokalkolorits. Immer häufiger wurden auch Elemente der Volksmusik verarbeitet. Von der Schilderung der Natur war es nicht weit bis zum Übernatürlichen, zu den Sagen und Märchen als Symbol der verklärten Ursprünglichkeit.

Shakespeares „Sommernachtstraum“ war nicht zufällig ein beliebter Stoff für romantische Komponisten, etwa in Otto Nicolais Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ oder Felix Mendelssohn-Bartholdys Musik mit dem Hochzeitsmarsch, der schon Millionen Eheschließungen rund um den Erdball untermalte.

Das romantische Bild des Künstlers

Mendelssohn war es auch, der in seinen „Liedern ohne Worte“ für Klavier den lyrischen Eigenwert des Klangs entdeckte. Diese Tonsprache wurde in der Musik von Robert Schumann, Franz Liszt und dem polnischen Komponisten Fréderic Chopin virtuos weiterentwickelt. Schumann, der die letzten Jahre seines Lebens in geistiger Verwirrung verbrachte, steht vielleicht am deutlichsten für den hin und her gerissenen, nach Erlösung strebenden Künstler, den man mit der Romantik assoziiert.

Zu einer verklärten Nacht wird beim Classic Open Air wieder einmal der Gendarmenmarkt beitragen. Er wird in einem besonderen Licht erstrahlen und damit die Wirkung der Musik sicher noch verstärken. Ob an diesem Abend im Publikum der eine oder andere Heiratsantrag gemacht wird? Wir werden es wohl nie erfahren.

Foto: Wolfram Steinberg / picture alliance / Wolfram Stein