Konzertkritik

10.000 Menschen feiern mit Karat Jubiläum in der Waldbühne

Zum 40. Bühnenjubiläum gaben Karat ein aufwendig ausgestattetes Konzert in der Berliner Waldbühne. Eine Party mit 10.000 Fans.

Foto: Jörg Carstensen / dpa /picture alliance

Vierzig Jahre hat sie auf dem Buckel. Seit vierzig Jahren steht die Rockband Karat für eingängige, klug arrangierte und poetisch betextete Balladen. Neben den Puhdys waren Karat die erfolgreichste Rockband der ehemaligen DDR. Auf ihrem Höhepunkt in den 80er-Jahren erzielten ihre Platten auch in der Bundesrepublik Goldstatus. Songs wie „Über sieben Brücken“ sind Klassiker der deutschen Popmusik. Mit einem aufwendig ausgestatteten Konzert in der Waldbühne feierten Karat nun am Sonnabend vor mehr als 10.000 Besuchern ihr 40. Bühnenjubiläum.

Es ist kühl. Es ist klamm. Es ist nass. Den ganzen Tag über hat es immer wieder geregnet. Als die Band den Abend mit „Steh' wieder auf" von 2010 eröffnet, gibt es einen letzten leichten Schauer. Aber dann bleibt es trocken, zumindest von oben. Die Fans, auch Katarina Witt und Henry Maske sind im Publikum auszumachen, ficht die garstige Witterung ohnehin nicht an. Sie sind bestens ausgerüstet mit Regenjacken und Plastikcapes. Sie stehen ihrer Band vom ersten Ton an zur Seite. Und singen sich mit Zeilen wie „Und sie tanzen im Reigen, sie spielen und schweigen" beim Stück „Marionetten" vom 82-er-Album „Der blaue Planet“ schon mal warm.

In der DDR wurden die Botschaften verstanden

„Wir sind in der Waldbühne“, ruft Sänger Claudius Dreilich geradezu ungläubig zur Begrüßung in die Menge. „Und das ist kein Traum.“ Nicht, dass Karat das Amphitheater nicht kennen würden. Schon 1982 sind sie hier erstmals aufgetreten. Schließlich waren Karat eine gehegte und gepflegte Band in der DDR. Sie durfte in den Westen fahren. Sie brachte dem Land Devisen ein. Vorwürfen der Staatsnähe und Konformität konterten sie immer wieder mit ihren an Metaphern reichen Songtexten, die im Westen gern als schwülstig abgetan wurden, in der DDR aber mit ihren Botschaften zwischen den Zeilen verstanden wurden.

1975 fand das erste Karat-Konzert in Pirna statt. Von der Stammmannschaft, die sich nach etlichen Umbesetzungen 1976 manifestiert hatte, sind noch Gitarrist Bernd Römer und Schlagzeuger Michael Schwandt dabei. Bassist Christian Liebig, einst bei Hansi Biebl und Engerling aktiv, gehört seit 1986 zu Karat, Keyboarder Martin Becker, zuvor in den Bands von Ines Paulke und Frank Schöbel, stieß 1992 dazu. Seit dem tragischen Krebstod von Sänger Herbert Dreilich steht dessen Sohn Claudius nun auch schon zehn Jahre am Mikrofon.

Karat ist längst im vereinten Deutschland angekommen. Und wird wohl doch auf immer die Ostrock-Band sein, die den Sound der DDR maßgeblich mitgeprägt hat. Mit schwelgerischen Balladen wie der vom „Schwanenkönig". Und weil man sich zu einem Fest gern Gäste einlädt, erscheint nach den ersten Tönen des Stückes Sänger Matthias Reim auf der Bühne und singt unter Jubel mit beim Lied vom tragischen Schwanengesang. Später, bei „Abendstimmung“, kommt Sängerin Ute Freudenberg auf die Bühne. Und bei „Albatros“ taucht Gregor Meyle auf. Er hat mit „Soll ich dich befreien?“ einen Song zum gerade erschienenen Karat-Album „Seelenschiffe" beigesteuert. Und singt ihn nun mit Claudius Dreilich im Duett.

Mut zum Risiko auf dem Laufsteg

Gewaltige LED-Bildwände bilden den Bühnenhintergrund und bieten Fläche für grafische Impressionen oder historische Filmeinspielungen. Der Sound ist von erster Güte, die Lichtregie mit beginnender Dämmerung optisch perfekt. Und die fünf Musiker beeindrucken immer wieder durch ihr hohes technisches Können. Nur vom Laufsteg ins Publikum machen die Musiker seltsam lange keinen Gebrauch. „Wir dürfen da nicht drauf, weil es zu rutschig ist", klärt Claudius Dreilich irgendwann auf. „Ich mach es trotzdem." Und er geht ganz nah ran ans Publikum. Bei „Blumen aus Eis" steigt er gar ganz runter von der Bühne und tanzt singend um den Innenraum der Waldbühne.

Karat haben es geschafft, als akademisch geschulte Musikhandwerker einen Stil zu etablieren, der sich vom anfänglichen Progrock mehr und mehr in Richtung Pop-Mainstream orientierte. Selbst vor schlagerhaften Elementen zeigten sie in der späteren Phase keine Scheu. Live aber sind sie eine gestandene Rockband, in der die Musiker immer wieder durch Soloeinlagen brillieren können. Eine Überraschung gibt es, als „Das Narrenschiff" erklingt. Zwei komplette Schlagzeuge werden hereingefahren, und während Michael Schwandt das eine besetzt, sitzt hinter dem anderen Rammstein-Trommler Christoph Schneider. Beide machen beim folgenden Hit „Der blaue Planet“ ordentlich Druck.

Die Puhdys grüßen von der Bildwand

Gegen Ende des Abends gibt es kollegiale Grüße von der Bildwand. Die Puhdys bedauern, wegen beruflicher Verpflichtungen nicht dabei sein zu können und beglückwünschen Karat zum Vierzigsten. City schalten sich dazu und grüßen, wie passend, aus Pirna. Und dann erscheint der Komponist und Keyboarder Ed Swillms in Übergröße. Ein kleiner Unfall, sagt er, habe es verhindert, dass er an diesem Abend dabei sein kann. Wenn es Ed Swillms nicht gegeben hätte, so sagt Claudius Dreilich, hätte es auch Karat nicht gegeben. Swillms, der Karat-Keyboarder der ersten Stunde, hat all die Lieder komponiert, die die Band so erfolgreich gemacht haben: „Über sieben Brücken" und „Der Schwanenkönig", „Der Blaue Planet" und „Der Albatros", „Ich liebe jede Stunde" und „König der Welt".

Und dann kommt er endlich, der Überhit, den auch Peter Maffay so erfolgreich gecovert hat: „Über sieben Brücken musst du geh'n" schallt es durch das Waldbühnenrund und gefühlt singt jeder, aber auch wirklich jeder den kompletten Text mit. Im langen Zugabenteil gibt es dann auch noch den „König der Welt“ mit seinem leichtgängig schwebenden Reggaegroove. Nahezu drei Stunden lang währt dieses hochkarätige Jubelfest. Der Applaus ist so dankbar wie euphorisch.

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