Konzertkritik

Faith No More punktet in Zitadelle Spandau mit neuen Songs

Faith No More waren die Großmeister, wenn nicht Erfinder des Crossover. Nach 18 Jahren brachten sie ihr neues Album heraus. In der Zitadelle Spandau wird klar: Die neuen Songs funktionieren.

Foto: Friso Gentsch / dpa

Sie haben in den 80er- und 90er-Jahren die Rockwelt umgekrempelt. Faith No More waren die Großmeister, wenn nicht die Erfinder des Crossover, dieses unterschiedlichste Stilmittel von Rock über Metal bis Hip-Hop vereinenden musikalischen Bastards, der sich rigoros und unberechenbar auch am Folk, bei der Klassik, beim Jazz, ja selbst beim Easy Listening bediente. Nun stehen sie am Sonnabend in einem blütenweißen Bühnenbild voll üppiger Blumenpracht in der Spandauer Zitadelle, und rund 8000 Besucher huldigen einer Band, die auch mit ihren brandneuen Songs punkten kann.

Denn Faith No More haben nach 18 Jahren Studiofunkstille doch tatsächlich ein neues Album eingespielt. „Sol Invictus“ heißt es und kann mit all seiner so rüden wie durchdachten Kraft nahtlos an den Vorgänger „Album of The Year“ anschließen. Sie erscheinen wie meditationsgeschulte Hippieprediger auf der Bühne, alle ganz in Weiß auf weiß verkleideter Spielfläche. Weiß sind auch die üppig bunt bepflanzten Blumenkübel, die überall auf der Bühne verteilt sind und auch wie eine Mauer an der Bühnenrampe platziert wurden. Das erschwert vor allem in den vorderen Reihen ein wenig die Sicht.

Mit dem neuen Stück „Motherfucker“, ja, schon immer ein Lieblingswort der Band, eröffnen Faith No More den Abend. Es ist ein ungeheuer treibender Song mit elektronischem Geblubber, verzerrter Gesangsstimme und hymnischem Refrain. „Get the motherfucker on the phone, the phone“ skandiert der umtriebige Sänger Mike Patton, der mit Faith No More zu Hochform aufläuft. Mit seiner wandelbaren Stimme kann ebenso in rauem Rap, extremem Metal-Geschrei oder Rotlichtbar-Belcanto schwelgen.

2009 das erste Comeback für Live-Auftritte

Dabei hatten die Kalifornier 1998, nach sechzehn Jahren und sechs großartigen Alben, ihre Auflösung bekanntgegeben. Stilistisch stets verstörend, textlich böse, zerrissen und auch zynisch, waren sie trotz aller virtuoser Hakenschläge in einer Sackgasse gelandet. Doch 2009 rauften sie sich für Live-Auftritte wieder zusammen. Nur eine neue Platte wollten sie partout nicht aufnehmen, waren sie doch alle mit eigenen Projekten aktiv, allen voran Mike Patton, der neben seinen anderen experimentierfreudigen Bands wie Mr. Bungle, Tomahawk und Fantomas auch jede Menge Kollaborationen einging, unter anderem auch mit der isländischen Elfe Björk.

Sie machen wenig Worte in der Zitadelle. Schlag auf Schlag hämmern sie alte Erfolge und neue Songs in das durchaus etwas verstörende Bühnenbild. Aber ironiefrei waren Faith No More schließlich noch nie. In perefektem Sound gibt es Klassiker wie „Epic“, der gleich früh im Programm gespielt wird oder neue Stücke wie „Superhero“. Ohne Scheu covern sie auch gerne genrefremde Songs, so wie Lionel Ritchies „Easy“ oder im Zugabenteil Burt Bacharachs „This Guy’s In Love With You“. Sie tun es mit Würde. Pattons Stimme meistert die Pop-Balladen mühelos und geradezu ehrerbietig. Dann aber wieder dreht er völlig durch und schreit sich in „Ashes To Ashes“ die Seele aus dem Leib.

Songs präsentiert wie Schaustücke einer Karriere

Die Band spielt auf den Punkt, ja fast ein wenig zu perfekt, präsentiert ihre Songs wie Schaustücke einer Karriere, die noch lange nicht an ihrem Ende ist. Patton ist der leicht irre Entertainer im Mittelpunkt, Billy Gould hämmert seinen knallharten metallischen Bass in die Saiten, Gitarrist Jon Hudson setzt messerscharf kantige Gitarrenriffs in die mitunter mathematisch ausgetüftelten Arrangements und Roddy Bottum sorgt für die ambitionierten Keyboards- und Pianoklänge. Aber da ist vor allem Schlagzeuger Mike Bordin, inzwischen mit grau gewordenen langen Rastalocken, der mit seinem wuchtig-exakten, ausgetüftelten Spiel diese treibende Rockmaschine auf wunderbare Weise antreibt und zusammenhält.

Das Publikum im Zitadellenhof ist ständig in Bewegung, tanzt und schüttelt die Köpfe, einige lassen sich auch auf Händen bis vor die Bühne tragen. Er danke dem Publikum, dass es Faith No More die Treue gehalten hat, sagt Mike Patton am Ende. Auch wenn das lapidar klinge, selbstverständlich sei das schließlich nicht. Dennoch ist es für die gerade in Fahrt gekommenen Fans etwas überraschend, als der Abend nach 70 Minuten schon wieder zu Ende ist. Aber es gibt ja noch die Zugaben.