Konzertkritik

Picknick mit Peter Maffay in der Wuhlheide

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Matthias Wulff

Foto: Gregor Fischer / dpa

Bei einem freundlichen, aber wahrlich nicht mitreißenden Auftritt stellt der 65-jährige Peter Maffay zum zweiten Mal in diesem Jahr in Berlin sein neues Album vor.

Nach ein paar Liedern kommt Peter Maffay auf seine Tattoos zu sprechen. Er hat ja recht spät mit der Körpermodifikation angefangen, da war er bereits jenseits der 40. „Eine Leidenschaft" sei das, die nicht mehr aufhöre, sagt er. Das ist unübersehbar, die Oberarme sind tätowiert, ein Tattoo ragt am Hals. Sie seien eine Möglichkeit, „sich an sich selbst zu erinnern", hat er in einem Interview erzählt. Auf der Bühne albert er eher rum, er werde nicht damit Schluss machen, es gebe ja immer „freie Stellen am Körper". Manche kämen aus dem Pennäleralter ja nie heraus, sagt er über sich und seine Kollegen auf der Bühne: „Wir sind eine ältere Schülerband."

Diese ältere Schülerband ist nun erneut nach Berlin gekommen, im Februar gastierten sie in der O2-World, um ihr Album „Wenn das so ist" vorzustellen, nun also an diesem Dienstag Abend in der Wuhlheide. Die ist bei weitem nicht ausverkauft, die Außenränge weisen mehr freie als besetzte Plätze auf, im Innenraum ist auch noch gut Platz. Damit es auch jeder mitbekommt, kommt Schauspieler Ben Becker die Treppe herunter und bekommt Einlass in die vorderste Reihe, dort, wo nur die Fotografen stehen dürfen.

Um viertel nach sieben beginnt das Konzert, als es gegen zehn Uhr zu Ende geht, ist es immer noch nicht dunkel. Als Peter Maffay auf die Bühne kommt und den Eröffnungssong „Niemals war es besser" singt, trägt er noch eine Sonnenbrille. Bei einem taghellen Konzert, das ist keine neue Beobachtung, ist das die Stimmung zurückhaltender, die dunkle Nacht als verbindendes und konzentrierendes Element fehlt. Als er bei seinem vierten Lied „Hoch und höher" das Publikum auffordert mitzusingen, klappt das nicht. Mutmaßlich kennen die meisten den Text nicht. Bei „Über sieben Brücken musst Du gehen" funktioniert der gemeinschaftliche Chor schon erheblich besser. Aber das Cover der ostdeutschen Band Karat ist auch Teil des heimischen Liedgutes. Außerdem sind wir da schon im Zugaben-Teil, in dem es dunkel wird und die Wunderkerzen der Zuschauer zu erkennen sind.

Viele Caipirinhasa und Rostbratwürste

Das ist auch der Augenblick, in dem die Menschen von ihren Sitzen aufstehen, die ansonsten Maffays Treiben auf der Bühne freundlich, aber weiß Gott nicht frenetisch beobachten. Von dem Angebot der Caipirinhas und Rostbratwurst der Büdchen wird reichlich Gebrauch gemacht, in der Reihe vor einem isst eine Frau geradezu fanatisch Kirschen, die Leute machen von sich und ihrer Umgebung Bilder, als würden sie dafür bezahlt werden. Die Szenerie gleicht eher einem Picknick, mit einem Konzert als Beigabe. Das Publikum ist jünger als man es bei einem Musiker erwarten konnte, der seit 1970 mit der Single „Du" im Geschäft dabei ist. Er hat augenscheinlich zu allen Zeiten wieder neue Fans gewonnen.

Als interessante Innovation integriert er die Vorband in das Konzert. Die holländische Formation „Common Limits" spielt mittendrin fünf Lieder. Sie hat im vergangenen Jahr, woran sich wahrscheinlich kaum noch ein Mensch erinnern kann, den zweiten Rang beim Eurovision Song Contest erreicht. Ihre Lieder erinnern an Fleetwood Mac mit Country-Anleihen. Sie machen das nicht schlecht und sind für die kleine Minderheit im Publikum, die mit den verzerrten Zwei- und Dreiton-Akkorden Maffays wenig anfangen können, eine willkommene Unterbrechung. Als dann vier Lieder nach den Common Limits wieder eine Gastmusikerin auftritt und Peter Maffay erneut abtritt, kommt allerdings leichtes Genöhle auf: „Der soll mal endlich auf der Bühne bleiben", schimpft die Frau mit den Kirschen.

Peter Maffay nimmt sich nicht mehr so ernst

23 Alben hat Peter Maffay veröffentlicht, vierzig Millionen Tonträger hat er verkauft. 65 Jahre alt ist, auf der Bühne flachst er über sein Alter und seine Körpergröße von 1,68 Meter. Er nimmt sich nicht mehr so ernst wie früher, den Kampf um Anerkennung führt er weniger verbissen, er hat sein Publikum, das zu treu ihm hält, die Zeiten, in der Unmengen Alkohol konsumierte sind heute lediglich anekdotisches Material. Die Melancholie ist ihm geblieben, wenn er auf dem neuen Album singt „Wir wollten so viel. Doch das war gestern." Matthias Wulff