Und plötzlich wird die Zitadelle Spandau zu einer lateinamerikanischen Open-Air-Großdisco. Als Sänger, Gitarrist und Politaktivist Manu Chao kurz nach 20 Uhr mit seinen fünf Musikern die Bühne entert, bricht eine glückselige Euphorie aus, und aufgeregte Fans versuchen, vor die Bühne zu stürmen. Was sich bei einem ausverkauften Konzert mit 10.000 Besuchern als nicht gerade einfach erweist. Sirenengeheul, Straßenlärm, Trillerpfeifen vom Band leiten mit pulsierendem Getrommel über zu „Ya llégo", mit dem Manu Chao den Abend beginnt. Und die Party wird erst nach zweieinhalb atemlosen Stunden ihr Ende finden.
„Ich tanze, also bin ich" steht auf dem Umhängebeutel eines tanzenden Mädchens. Weiter vorne wird im wilden Pogo gehüpft oder auch mal so etwas wie Mambo in den kleinkieseligen Boden gestampft. Viele singen mit, obwohl Chao seine Lieder meist Spanisch oder Portugiesisch oder noch einer anderen Sprache singt. Und für alle, die nicht ganz so fremdsprachenversiert sind, gibt es in den Songs immer wiederkehrende Sprechchöre wie etwa „Ojo, Ojojojo" oder ganz einfach „Lo-lo-lo-lo". Lange hat sich Manu Chao nicht mehr auf einer Berliner Bühne sehen lassen, vielleicht liegt es daran, dass schon lange im Voraus keine Karten mehr für das Konzert zu haben waren.
Eigentlich spielen die Musiker immer die gleichen drei Songs
Manu Chao ist ein Phänomen. Er hat wie kaum ein anderer den Begriff Weltmusik auf seine Essenz gebracht, obwohl er eine Kategorisierung seiner Musik als Weltmusik konsequent ablehnt. Er ist ein musikalischer Herumtreiber zwischen unterschiedlichsten Stilen. Wobei: Eigentlich spielen die Musiker immer wieder die gleichen drei Songs. Aber das macht überhaupt nichts. Es gibt pulsierenden Reggae, es gibt ungeheuer aufbrausenden Polka-Punk, es gibt an die Volksmusik Mexikos, Kolumbiens oder Argentiniens angelehnte Lieder.
Der Sänger, der am kommenden Wochenende 54 Jahre alt wird, packt immer gleich mehrere Stücke zu einer Art Medley zusammen. So kommt es, das einige seiner großen Hits wie „Bongo Bong" oder „Me Gusta Te" in einer neuen, rauen und ungleich kürzeren Version gespielt werden. „Dankeschön Berlin!" ruft Chao in die wogende Menge. „Thank you for the energy!". Und diese positive Energie ist überall zu spüren, ganz vorne, in der Mitte, ganz hinten.
Engagierte Kampfansagen an eine verfehlte globale Politik
Am Stadtrand von Paris groß geworden - seine Eltern flohen vor dem Franco-Regime nach Frankreich - gründete Manu Chao 1987 gemeinsam mit seinem Bruder und einigen Freunden die Formation Mano Negra. Schon damals kristallisierten sich die beiden Standbeine des Sängers heraus, einerseits Lieder über die Liebe und das Leben, andererseits engagierte Kampfansagen an eine verfehlte globale Politik.
1994 löste sich die Band auf, die Anfang der 90er-Jahre auch ein legendäres Konzert im damaligen Metropol am Nollendorfplatz spielte. Drei Jahre später begann Manu Chao seine Solokarriere. Und landete gleich auf seinem ersten Album „Clandestino" mit „Bongo Bong" einen Riesenhit. Das charakteristische „Pling" wird später auch bei anderen Stücken auftauchen. Inzwischen versucht die Band, es etwas in den Hintergrund zu rücken.
Gründungsmitglied der Organisation Attac
Manu Chao ist ein Kämpfer für soziale Gerechtigkeit, singt über Themen wie Globalisierung und Immigration, Rassismus und Genmanipulation. Er gehörte 1998 zu den Gründungsmitgliedern der Organisation Attac. Aktuell ist er im Clinch mit dem Gentechnik-Konzern Monsanto, was sich im Lied „Fuera Monsanto (Perro Verde)" niedergeschlagen hat. Doch der Mann weiß auch, wie man feiert. Sein Stilmix ist ein ungeheuer rhythmischer, ungeheuer kompakter Tanzbeat, in dem Punk und Ska, Reggae und Mambo, Salsa, Flamenco und algerischer Rai zueinander finden.
Tausende Arme recken sich in die Höhe, als Manu Chao seinen Hit „Clandestino" in voller Länge spielt. Ein lautstarker Chorgesang schwillt an im Publikum. Er singt von Menschen ohne Papiere, von einem illegalen Einwanderer. „Mein Schicksal ist es zu laufen, dem Gesetz zu entfliehen, verloren im Herzen des großen Babylon", heißt es da sinngemäß in dem spanischen Text. „Sie nennen mich den Heimlichen, weil ich keine Papiere habe." Ein bewegender Song und für Manu Chao-Verhältnisse schon fast eine Ballade.
Die Musiker sind bestens aufeinander eingespielt. Bass, Gitarre, Schlagzeug sowie zwei Blechbläser stehen ihm zur Seite. Der Sound ist perfekt und von ordentlicher Lautstärke. Gäbe es für Manu Chaos Lieder eine Wortcloud, die Schlagworte „Corazòn" (Herz) und „Vida" (Leben) würden ganz groß darin erscheinen. Die Band hat großen Spaß, will gar nicht von der Bühne gehen und kehrt unter forderndem Jubel immer wieder zurück. Zu Liedern wie „El Viento (por la carratera)" oder „Rumba de Barcelona". So zieht man gern atemlos durch die Berliner Nacht.





