Eine Sitzreihe weiter fotografiert ein Mann den Dirigenten vorn am Pult. Beim zweiten Blick ist zu erkennen, dass es sich um ein Selfie handelt. Vater, Mutter und Grundschulkind machen einen Ausflug ins Konzert. Das muss dokumentiert werden. Am Sonntag veranstalten die Philharmonie und das Konzerthaus erstmals gemeinsam ihre Tage der offenen Türen. Eingeladen haben auch das Musikinstrumentenmuseum und das Kunstgewerbemuseum. Wobei dem Konzerthaus der Auftakt gehört, die Bläser schmettern den Tag auf dem Gendarmenmarkt ein.
Der Tag der offenen Türen, an denen jeweils zwischen 6000 und 8000 Besucher erwartet werden, sind in beiden Häusern große Chefsache. Beide Chefdirigenten, Simon Rattle und Ivan Fischer, leiten Aufführungen, beide Intendanten empfingen ihre Gäste mehr oder weniger inkognito am Eingang. Ivan Fischer setzt in seinem „Wunschkonzert aus 100 Werken“ auf spaßiges Miteinander.
Am Einlass bekommt jeder eine Liste mit 100 Werken in die Hand gedrückt. Um 11 Uhr eröffnet Fischer die Wahl. Er hat zuvor im Internet die Namenstage vom Sonntag geprüft. Es sind schwierige Vornamen, keiner im Saal will so heißen. Dann sind die Geburtstagskinder dran. Es hilft auch nicht weiter. Also wird der ganze Saal zu Wahlberechtigten erklärt. Als erstes kommen Beethovens Pastorale, Dvoraks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ und Mozarts „Don Giovanni“-Ouvertüre in die Stichwahl. Manche im Publikum heben dreimal die Hand.
Fischer entdeckt aber feine Unterschiede, vielleicht hat er auch einfach nur keine Lust auf Beethoven. Der langsame Satz von Dvorak gewinnt. Die Noten werden hereingebracht und auf die Musiker verteilt, inzwischen erfährt das Publikum einiges über die Sinfonie. Dann spielt das Konzerthausorchester los. Dieses Konzertformat sei eine große Herausforderung für die Musiker, sagt Intendant Sebastian Nordmann, „weil es Vertrauen in den Chefdirigenten voraus setzt.“ Welches leistungsbewusste Orchester spielt schon freiwillig mal schnell etwas aus 100 Werken?
Britische Männerfreundschaft
Wer zu Sir Simon will, sollte pünktlich sein. In der Philharmonie ist Block A bereits dicht, aber in Block C soll noch etwas frei sein. Es ist auch ein Tag des Treppensteigens. Schließlich wird es Block D. Hier sind genug Plätze frei. Weit unten probt Rattle das Vokalhelden-Chorprojekt. Das ist ein Nachfolgeprojekt vom Education-Vorreiter „Rhythm is it“, das Neue scheint musikalisch ambitionierter zu sein. „Sehr, sehr wichtig, der Komponist Jonathan Dove“, sagt Rattle am Ende der öffentlichen Probe. Der britische Komponist Dove, Jahrgang 1959, hat die griechische Sage von Theseus und Minotaurus unter dem Titel „Was lauert da im Labyrinth?“ vertont. Es ist eine richtige szenische Produktion für eine Riesenchorbesetzung. Rattle steht hinten vor seinen Musikern, vorn links dirigiert Simon Halsey zeitgleich den Chor. Die beiden britischen Dirigenten sind alte Freunde. Halsey hat sich gerade von seinen Chefposten beim Rundfunkchor Berlin verabschiedet und will nach London zurückkehren, Rattle wird 2017 das London Symphony Orchestra übernehmen.
In der Philharmonie geht es eindeutig bunter zu als im Konzerthaus. Was auch damit zusammen hängt, dass sich das zentrale Foyer leichter in eine Art Marktplatz umfunktionieren lässt. Hier ist ein Kommen, Suchen und Gehen. Und die Mitarbeiter tragen knallig rote T-Shirts mit Haus-Logo, selbst Intendant Martin Hoffmann hat eins angezogen. Er bereitet sich gerade auf sein Speed-Dating vor. In einem Programmpunkt können Ausgewählte fünf Minuten lang allein den Intendanten befragen. Im Weggehen gibt er schnell noch seinen Geheimtipp des Tages ab: Liro Rantala. Wer bitte?
Der finnische Jazz-Pianist Liro Rantala, ein Mittvierziger, spielt kurz darauf im Kammermusiksaal. Der kleine Saal ist halb voll, Jazz ist nicht unbedingt mehrheitsfähig. Dabei verausgabt sich Rantala leidenschaftlich, stampft zwischendurch mit dem Fuß zur Musik, lässt den Flügel unter seinen Fingern tanzen.
Simon Rattle macht Spaß
Derweil ist unten im Foyer Rattle angesagt. Allerdings nur als dirigierende Pappfigur, die Locken sind eindeutig. Das Gesicht ist herausgeschnitten, damit sich jeder einmal als Rattle fotografieren lassen kann. Von manchen Kindern, selbst auf Zehenspitzen stehend, ist nur die Nase zu sehen, Rattle ist schon ein großer Mann. Das Kinderprogramm macht an diesem Tag schon einiges her. Am Eingang warten die leeren Kinderwagen auf die Kleinen, die mit ihren Müttern im Haus unterwegs sind. Oder umgekehrt. Im Durchschnitt stehen 15 bis 20 Wagen dort. Wer etwas stille Eingebung sucht, begibt sich ins Musikinstrumentenmuseum oder ins Kunstgewerbemuseum. Aber die meisten suchen nach Aktion.
Das Finale des Tages gehört der Philharmonie. Im Großen Saal spielen die Berliner Philharmoniker unter Leitung von Simon Rattle die Rosenkavalier-Orchestersuite von Richard Strauss. Das ist ein opernhaftes Best-of und zweifellos ein prächtiger Höhepunkt. 18.28 Uhr ist der Schlusspunkt gesetzt.




