Leo Borchard

Der Dirigent, der die Philharmoniker wieder vereinte

Der Russe Leo Borchard war der Mann, der gleich nach Kriegsende das erste Konzert der Berliner Philharmoniker dirigierte. Bald darauf wurde er von einem amerikanischen Wachtposten erschossen.

Foto: berliner Philharmoniker

Gerade die alten Fotos in der Foyerausstellung, die Leo Borchard, dem ersten Nachkriegsdirigenten der Philharmoniker, gewidmet ist, sind betrachtenswert. Eines der Schwarzweiß-Fotos zeigt einen Mann mit Schirmmütze, der gerade etwas an eine Litfaßsäule klebt. Er steht auf einem Schutthaufen. Über Kopfhöhe ist ein Plakat zu entdecken, dass für ein Konzert der Philharmoniker unter Leo Borchard wirbt. Das Konzert am 25. August 1945 sollte so nicht mehr stattfinden, zwei Tage vorher wird der Dirigent von einem amerikanischen Soldaten erschossen.

Die Umstände seines Todes sind bis ins Detail bekannt. Während Borchards Ehefrau Maria den zwei Monate zuvor geborenen Sohn Leo Wladimir hütet, ist er mit seiner Langzeitgeliebten Ruth Andreas-Friedrich zu Gast beim musikliebenden britischen Oberst Thomas Creighton in einer Villa im Grunewald. Es ist ein schöner Abend. Der Oberst fährt seine Gäste selbst nach Hause. Im Auto plaudert man über Bachs drittes Brandenburgisches Konzert. Nahe des heutigen Bundesplatzes ignoriert der Oberst die Aufforderung eines Postens anzuhalten. Nach Schießereien zwischen russischen und amerikanischen Soldaten gibt es den Befehl, jedes Auto an der Sektorengrenze anzuhalten. Der Oberst fährt weiter, Borchard wird von sechs Kugeln getroffen.

Vom Magistrat eingesetzt

Das angekündigte Konzert wird sein Gedenkkonzert, am 29. August wird Borchard auf dem Friedhof Steglitz beerdigt. Am selben Tag wird der junge Rumäne Sergiu Celibidache zum neuen ständigen Dirigent bestimmt. Borchard wie Celibidache werden in den Annalen der Philharmoniker heute als Dirigenten des Übergangs geführt. Bislang gibt es offiziell nur sechs große Chefdirigenten. Das kann Ausstellungsmacher Helge Grünewald nicht verstehen. „Leo Borchard ist für mich ein Chefdirigent“, sagt er, „einer mit großer Bedeutung“. Als Beweis findet sich in der Ausstellung die Bestätigung des Magistrats von Berlin, die ihn am 2. Juni als Künstlerischen Gesamtleiter bestätigte. Außerdem bekam er das Recht, zuvor aktive NSDAP-Mitglieder aus dem Orchester zu entfernen. Unterschrieben ist die Bescheinigung von Otto Winzer, einem Mann der Moskauer „Gruppe Walter Ulbricht“ und späteren DDR-Außenminister.

Leo Borchard war 1899 in Moskau geboren worden und besuchte eine deutsche Schule. 1920 kam er nach Berlin, um Musik zu studieren. Er dirigierte etwa den Großberliner Arbeiterchor. Seine Karriere begann 1925 als Korrepetitor an Bruno Walters Städtischer Oper in Charlottenburg, zwei Jahre später wechselte er zu Otto Klemperer an die Lindenoper. Wieder zwei Jahre später wurde er Kapellmeister beim Rundfunk in Königsberg.

Debüt bei den Philharmonikern im Januar 1933

Bei den Berliner Philharmonikern debütierte er am 3. Januar 1933. Kurz darauf eckt er mit den Nazis an. Er nimmt die NSDAP nicht ernst. Und ihm wird von Musikern vorgeworfen, schon im Königsberger Orchester „freundschaftliche Beziehungen zu Ostjuden“ gepflegt zu haben. Borchard darf irgendwie weiter machen. Von 1934 bis 37 hat der junge Dirigent seine guten philharmonischen Jahre, erst danach hat er einen Karriereknick.

Der stets elegant gekleidete Dirigent hat etwas Verschlossenes, ja Undurchsichtiges. „Der Schattenmann“ hat Ruth Andreas-Friedrich ihre Tagebuchaufzeichnungen über den Widerstand überschrieben. Ein Schattenmann war auch Borchard. Was die Nazis nicht wussten, die beiden waren aktiv in der Steglitzer Widerstandsgruppe „Onkel Emil“. „Borchard war einfach ein aufrechter Charakter“, sagt Ausstellungsmacher Grünewald. Es gab keine politische Programmatik, sondern einfach nur praktische Hilfe für Verfolgte. Einer von ihnen war der jüdische Dirigent Konrad Latte, der im Untergrund überlebte und später das Berliner Barock-Orchester gründete. Die Gruppe verteilte auch Flugblätter in der Stadt.

Neuanfang im Titania-Palast

Borchards russische Sprachkenntnisse waren hilfreich in den Kriegs- und Nachkriegswirren. Am 13. Mai 1945 trafen sich Orchestermitglieder beim Klarinettisten Ernst Fischer. Man nimmt Kontakt zu Leo Borchard auf. Der fährt mit Fahrrad kreuz und quer durch Berlin, um Musiker, Instrumente und Genehmigungen zusammen zu holen. Die russische Besatzungsmacht um Generaloberst Bersarin möchte das Kulturleben schnell wieder in Gang bringen. Bereits am 26. Mai findet das erste Nachkriegskonzert unter Borchards Leitung im Steglitzer Titania-Palast statt. Borchard war der Chef des Neuanfangs. Sein letztes Konzert dirigierte er am 20. August kurz vor seinem Tod.

Ausstellung im Foyer der Philharmonie bis 28. Juni

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