Orchester

Mühsame Suche - Drei Chefdirigenten verlassen Berlin

Die Berliner Philharmoniker brauchen einen neuen Star am Pult. Auch das Deutsche Symphonie-Orchester (DSO) und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB), suchen gerade neue Chefdirigenten.

Foto: Warner Classics

Die Berliner Philharmoniker hatten am 11. Mai vergeblich versucht, einen Nachfolger für Sir Simon Rattle zu finden. Am Ende des langen Tages musste Orchestervorstand Peter Riegelbauer verkünden, dass sich die 123 anwesenden Musiker auf keinen neuen Chefdirigenten einigen konnten. Die Wahl wurde auf ein unbestimmtes Datum vertagt, Rattle ist ja noch bis 2018 im Amt. Wenn er etwas für sich mitgenommen habe, sagt Thomas Kipp, dann, dass dies ein Beispiel dafür sei, dass eine Chefdirigentensuche die Zeit braucht, die sie braucht. Kipp ist Geschäftsführer der Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH (ROC), der Berliner Trägergesellschaft für zwei Sinfonieorchester und zwei Profi-Chöre. Seine beiden Orchester, das Deutsche Symphonie-Orchester (DSO) und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB), suchen selber gerade neue Chefdirigenten. Tugan Sokhiev und Marek Janowski verlassen im Sommer 2016 Berlin. Obendrein braucht auch der Rias-Kammerchor einen neuen Leiter.

Katerstimmung nach der Wahl

Berlin sucht drei wichtige Chefdirigenten, alle drei sollen große Konzertorchester neu positionieren. Das ist eine historisch einmalige Situation. Da stecken Aufstiegschancen drin. Wobei das Prozedere der Findung und Selbstfindung völlig verschieden ist. Die Philharmoniker pochen auf ihr einzigartiges Recht, den Chefdirigenten selber zu wählen. Der Neue ist ihr Mann. Anschließend muss die Philharmoniker-Stiftung den Vertrag mit dem Auserwählten verhandeln. Um die Wahl hinter verschlossenen Türen rankt sich viel Geheimnisvolles, sie wird gern mit einer Papstwahl nebst weißem Rauch verglichen. Das Elitäre findet zugleich in aller Öffentlichkeit statt.

Darin liegt ein Risiko der „Orchesterdemokratie“, denn ein Scheitern ist ebenso öffentlich. Die Favoriten, große Dirigenten allesamt, wurden brüskiert. Weltweit wurde darüber berichtet. Im „New Yorker“ empfahl Alex Ross gar den Musikern zu realisieren, „dass, wer auch immer gewählt wird, mit ziemlicher Sicherheit nur geringe Auswirkungen auf den Verlauf der Musikgeschichte haben wird“. Das Wissen könnte ihnen die Wahl erleichtern. In der Philharmonie selbst herrschte nach der Nichtwahl Katerstimmung. Nach außen hin tut man seither so, als sei nichts geschehen.

Bei den anderen Orchestern sind die Musiker nur bedingt in die Nachfolgersuche mit einbezogen. Das Ganze findet wirklich hinter verschlossenen Türen statt. Geschäftsführer Kipp bittet um Verständnis, dass er am liebsten nichts sagen möchte. Jeder Hinweis könnte zu Missdeutungen und Verwicklungen führen. Als Geschäftsführer sitzt er den Findungskommissionen vor. Die sind für beide Orchester fast identisch, beim DSO sind es sieben, beim RSB sechs Mitglieder. Neben Kipp sitzt der jeweilige Orchesterdirektor mit drin, beim DSO ein weiteres Mitglied aus dem Management. Der Betriebsratsvorsitzende ist mit dabei. Und darüber hinaus drei Musiker, die zugleich das Bindeglied ins Orchester sind. Denn man will keinen Dirigenten gegen den Willen des Orchesters aussuchen. Den Fall gab es einmal beim DSO, als ihnen Ingo Metzmacher 2007 auferlegt wurde. Das führte zu vielen Querelen.

Mühsame Suche

„Im Zuge des Findungsprozesses“, sagt Kipp, „erfahren die Musiker als erste, auf wen die Kommission sich verständigt hat.“ Abschließend wird der Kandidat dem Kuratorium zur Letztentscheidung vorgelegt. Die Konstruktion der 1994 infolge der Wiedervereinigung entstandenen ROC-Trägergesellschaft ist kompliziert, weil sie gleich vier Gesellschafter hat. Dazu gehören der Bund, das Deutschlandradio, der Rundfunk Berlin-Brandenburg und das Land Berlin. Es gibt immer wieder verschiedene Interessen und politische Stimmungslagen. Was würden die Gesellschafter sagen, wenn eine Kommission einen russischen Dirigenten vorschlägt, der sich leidenschaftlich zu Putin bekennt? Den Fall schließt Kipp aus: „Da würde ich vorher die Notbremse ziehen.“ Denn die Findungskommission entscheide sich für eine Persönlichkeit, die das Orchester mitträgt. Und umgekehrt.

Offenbar hat genau diese Diskussion es den Philharmonikern jetzt so schwer gemacht. Dem Vernehmen nach finden die Befürworter und Gegner von Christian Thielemann partout nicht zueinander. Es ist bekannt, dass der Berliner Stardirigent eine künstlerische Offenbarung und ein schwieriger Charakter ist. Seine Äußerungen zur Pegida-Bewegung haben viele den Kopf schütteln lassen. Darüber hinaus gibt es, wo immer Thielemann gerade Chef ist, hinter den Kulissen Misstöne. Die gab es an der Deutschen Oper Berlin, wo er Generalmusikdirektor war, in München, in Dresden und jetzt auch bei den Bayreuther Festspielen.

Solchartige Konflikte müssen die ROC-Orchester meiden wie der Teufel das Weihwasser. Lange Jahre gab es eine ungute Konkurrenz zwischen den beiden Orchestern. Es ging ums Image und immer wieder um Finanzen. Die Reibereien führten dazu, dass in Sparzeiten auch Fusionspläne diskutiert wurden. Solche Überlegungen wischt Kipp rigoros beiseite, er sei schließlich kein Abrissunternehmer. „Ich habe den klaren Auftrag der Gesellschafter, neue Chefdirigenten für beide Orchester und den Chor zu finden.“

Dirigenten sollen treu sein

In einem Interessenkonflikt sieht Kipp sich als Chef aller Findungskommissionen nicht. Da versteht er sich eher als ein Rechtsanwalt, der das Interesse seiner Mandanten zu wahren hat. Gäbe es einen Konflikt, dann wäre dieser sofort offen zu legen. Das würde zum Beispiel eintreten, wenn sich beide Orchester für denselben Dirigenten entscheiden. Damit ist aber kaum zu rechnen. Zumal sich die Gespräche mit Dirigenten, die infrage kommen und meist anderswo unter Vertrag stehen, sowieso hinziehen. „Ernst zu nehmende Dirigenten dürfen sich nicht von heute auf morgen entscheiden“, sagt Kipp: „Wer ein Orchester vorschnell aufgibt, bei dem steht zu befürchten, dass er es später wieder tut.“ Es ist eine Frage des Vertrauens. Und die Suche mühsam.