Star-Gespräch

Große Lieder, die Geschichten über kleine Leben erzählen

Ein deutscher Weltstar auf dem Gendarmenmarkt: Ute Lemper tritt am 5. Juli beim Festival Classic Open Air auf. In der „Französischen Sommernacht“ präsentiert sie Chansons von Piaf und Brel.

Foto: Franziska Kraufmann / pa / dpa-Franziska Kaufmann

Berliner Morgenpost: Worin besteht die Größe von Édith Piaf, deren 100. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird?

Ute Lemper: Édith Piaf war die Protagonistin des französischen Chansons in seiner ersten großen Ära. Gerade gibt es in Paris eine wunderbare Ausstellung zu ihrem Leben, die ich neulich besucht habe. Sie war eine einzigartige Sängerin mit einer schönen und gleichzeitig tragischen Geschichte, mit einem Leben zwischen Leid und Glück. Als Pionierin des „chanson réaliste“ hat sie Lieder gesungen, die nicht die operettenhafte, romantische Liebe beschreiben, sondern im Gegenteil die existenziellen Nöte im Leben und in der Liebe. Es sind Chansons der unbarmherzigen Großstadt mit ihren Klassenunterschieden zwischen Reich und Arm. Große Lieder, die Geschichten über kleine Leben erzählen.

Wie hat Jacques Brel später daran angeknüpft?

Jacques Brel ist ein Belgier, der von den Franzosen wirklich adoptiert wurde, weil er das französische Chanson so gut wie kein anderer in dieser Zeit repräsentierte. Er hat aber auch seine flämische Herkunft in seinen Liedern reflektiert. Brel ist einen Schritt weiter gegangen als die Piaf, hat mit den Mitteln der Satire die biedere Gesellschaft, die Kleinbürgerlichkeit, Engstirnigkeit, den Moralismus und die Intoleranz scharfsinnig kritisiert.

Hat sich Ihre Sicht auf das Chanson im Lauf der Jahrzehnte verändert?

Die stilleren Lieder sind inzwischen die größeren für mich. Die kraftvollen, rhythmischen Lieder, die am Ende durchdrehen wie „Padam“, gehen auch an die Seele. Ich versuche die Lieder jedes Mal auf neue Art zu empfinden und entdecke immer wieder neue Dimensionen.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie Chansons mit einem Anklang an Berlin interpretieren. Gilt das noch immer?

Die Berliner Zeit vor dem Mauerfall hat mich sehr geprägt, und die Werke von Weill und Hollaender gehören zu meinem Wurzelrepertoire. Diese Farbe ist in die französischen Lieder eingegangen, aber auch in meine Broadway-Performances. Nun lebe ich allerdings seit 18 Jahren in New York, das hat auch abgefärbt.

Chansons sind oft melancholisch oder tragisch. Sie bezeichnen sich selbst als „gnadenlos optimistisch“. Wie passt das zusammen?

Optimismus ist für mich Lebensphilosophie und Lebenselixier. Es gibt mir Kraft und Hoffnung, ans Glück zu glauben. Ich strahle gern Liebe und Freude aus. Ich bin umgeben von meiner Familie, meinem Mann und meinen vier Kindern, da kann ich kein negativer Mensch sein. In meiner Kunst habe ich dann die Gelegenheit, in die anderen Welten zu gehen, die ich in meinem alltäglichen Leben nicht zulasse. Da ist es dann besonders interessant, in die tieferen Abgründe herabzusteigen, dort herumzuspionieren und die Schattenseiten des Lebens in künstlerischer Weise zu reflektieren.

Sie haben einige Jahre lang in Paris gelebt. War das eine wichtige Erfahrung für die Interpretation von Chansons?

Auf jeden Fall, das waren sehr wichtige Jahre. Obwohl ich die Sprache studiert hatte, bekam ich sie erst durch das Leben in Paris richtig in den Kopf und ins Herz. Meine Musikerkollegen katapultierten mich in die Welt des französischen Chansons hinein. Nächtelang hörte ich mir die Interpretationen von Yves Montand, Jeanne Moreau und Serge Gainsbourg an. Ich versuchte, das alles zu verinnerlichen, so tief es nur ging.

Warum sind Sie nicht in Paris geblieben?

Ich bin 1996 nach London gezogen, weil ich anderthalb Jahre am West End „Chicago“ spielte. Dann rief der Broadway, und wir zogen mit der Familie dorthin. Mein Mann stammt aus New York, wollte gern wieder zu Hause leben, also sind wir hier geblieben. New York ist eine unglaublich progressive Stadt, inspirierend in allen Dimensionen von Kunst und Kultur, Ich habe mich sofort als New Yorkerin gefühlt. Hier gibt es keine Normen, man muss nicht irgendwie aussehen oder sprechen, um dazuzugehören. Hier sind grundsätzlich alle unterschiedlich, und doch sind sie alle New Yorker. Das empfinde ich als Bereicherung.

Wie unterscheidet sich die amerikanische Mentalität von der französischen oder deutschen?

Die Amerikaner haben eine grundsätzliche Gelassenheit und Direktheit in der Kommunikation. Die Kinder nennen die Lehrer beim Vornamen. Allerdings liebt hier kaum jemand schwierige Themen. Die Leute wollen nicht unbedingt dem Unglück ins Auge schauen. Da sind sie viel oberflächlicher als Franzosen oder Deutsche, bei denen die Geschichte der Kultur und Philosophie wesentlich tiefer geht. Man setzt sich in Europa auch mit problematischen Themen auseinander, weil man das Leben gern von verschiedenen, auch ungewöhnlichen Seiten beleuchten möchte. Franzosen sind sehr höflich und packen alles in wunderschöne Hüllen. Deutsche sind in ihrem Stil und ihrer Sprache wesentlich härter. Alles ist etwas komplizierter, kognitiver, expressionistischer, stärker und direkter im Ausdruck. In den letzten 30 Jahren haben sich die Kulturen allerdings angeglichen. Im Zuge der Globalisierung von Kunst und Gesellschaft kommt man einander immer näher.

Was singen Sie auf dem Gendarmenmarkt?

Zum Programm gehören „Amsterdam“ von Brel, „La vie en rose“ und „Padam“ von Piaf. Mein Lieblingslied ist das herzerweichende „Avec le temps“ von Léo Ferré. Das geht so tief wie sonst nur „Ne me quitte pas“, das ich auch singe. Es gibt große Chansons mit musikalischen Explosionen, aber auch poetische, introvertierte Lieder. Ich singe sie in den Arrangements, die mir im Lauf der Jahrzehnte auf den Leib geschrieben wurden und die auf meinen künstlerischen Entscheidungen basieren.

Verbinden sich die Chansons gut mit der französischen Oper und französischen Konzertstücken?

Ich habe gerade in Paris Werke von Weill, Eisler und Hollaender in der neuen Philharmonie gesungen. Da ging es in drei Konzerten um das deutsche Lied und die deutsche Kultur. Es ist doch schön, wenn man sich gegenseitig ehrt. Es gibt ein reichhaltiges Repertoire, um einen französischen Abend mit viel Leben zu erfüllen.

Singen Sie gern „open air“?

Ja, ich liebe die Verbindung zur Natur. Es ist fantastisch, wenn man die Luft spürt, die Vögel hört, vorbeiziehende Wolken, Sterne oder auch Mücken sieht, die um die Scheinwerfer tanzen. Ich habe in den schönsten Amphitheatern gesungen, etwa im 2000 Jahre alten Odeon des Herodes Atticus am Fuß der Akropolis oder in der andalusischen Alhambra, aber auch in Nordafrika, Südfrankreich, Italien und bei uns in New York City im Central Park mit der Skyline im Hintergrund. Auch beim „Classic Open Air“-Festival war ich schon. Ein Freiluftfestival mitten in der Stadt ist eher ungewöhnlich. Ich erinnere mich an die tolle Stimmung, das hatte etwas Magisches.

Wie viel Raum für Spontanität bleibt, wenn ein Orchester Sie begleitet?

Das kommt darauf an, wie gut sich der Dirigent auf die Sängerin einstellt. Es gibt richtige Sängerdirigenten, die das Orchester zurückhalten, wenn ich ein Ritardando oder Accelerando mache. Besonders frei bin ich mit meiner eigenen Band. Doch der Reichtum des Klangs ist beim Orchester unvergleichbar. Als Sängerin habe ich immer den besten Platz direkt neben dem Dirigenten und den Streichern. Für mich ist es ein großer Genuss, die Energie der Musiker zu spüren, sich von den starken, körperlich spürbaren Klangwellen inspirieren zu lassen.

Am Tag vor dem Classic Open Air haben Sie Geburtstag. Wo und wie werden Sie feiern?

An dem Abend stehe ich in Rom auf der Bühne mit meinem neuen Paolo-Coelho-Projekt „Die Schriften von Accra“, zu dem ich die Musik geschrieben habe. Anschließend komme ich nach Berlin, und nach dem Classic Open Air stoße ich ordentlich auf meinen Geburtstag an.

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