Arabische Seifenoper

Zum Ramadan schauen 220 Millionen auf Berlin

In Berlin wird eine der erfolgreichsten TV-Serien in den arabischen Ländern gedreht. „Memory of a Paper“ zieht Millionen während des Ramadan vor die Fernseher.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Mohammad Almusalam schlendert über den Gendarmenmarkt, zieht an seiner Zigarette und blickt kurz zum Französischen Dom und zum Schauspielhaus. Dann läuft er am Schiller-Denkmal vorbei, auf die Kamera zu und setzt sich auf eine Bank. Der Mann ist Schauspieler, und er spielt einen Drogenabhängigen, der seine Sucht damit finanziert, dass er Geheimnisse aus dem Beziehungsleben seiner Freunde ausspioniert. Wie er das macht und warum – das werden interessierte Zuschauer bald am Bildschirm verfolgen können. In Deutschland wird die Fernsehserie, die zurzeit in Berlin produziert wird, allerdings nicht zu sehen sein. Dafür werden bald rund 220 Millionen Menschen in den Golfstaaten zuschauen. Denn „Memory of a Paper“ (Erinnerung an ein Stück Papier), so heißt die Serie, wird ab Mitte Juni im arabischen Sender MBC ausgestrahlt. Das Projekt gehört zu den aufwendigsten Produktionen, die arabische Filmteams im Ausland je realisiert haben.

Die Tourismuswerber der landeseigenen Agentur Visit Berlin versprechen sich von der Ausstrahlung einen gewaltigen Werbeeffekt. Denn die 30 Folgen werden zur besten Sendezeit gezeigt – und zwar im doppelten Sinn: Einerseits laufen sie am Vorabend. Vor allem aber werden die 45-minütigen Episoden im islamischen Fastenmonat Ramadan gezeigt – zu einer Zeit also, in der viele arabische Familien die Stunden vor dem allabendlichen Fastenbrechen vor dem Fernseher verbringen. Die Bilder der Hauptstadt, so das Kalkül der Berlin-Werber, könnten also so manche Familie aus Kuwait-City, Doha oder Abu Dhabi zur Reise in die deutsche Hauptstadt bewegen.

„Solche Serien sind ein ganz wesentliches Instrument des Stadtmarketing“, sagte der Geschäftsführer von Visit Berlin, Burkhard Kieker, als die Produktion der Serie am Mittwoch am Gendarmenmarkt vor Journalisten vorgestellt wurde. Wie sehr Städte davon profitieren können, wenn sie in einer „Ramadan-Soap“ als Drehort erscheinen, habe man vor einigen Jahren in Istanbul gesehen. Nachdem eine Serie dort produziert wurde, hätten sich Heerscharen arabischer Touristen aufgemacht, um die Stadt am Bosporus zu besichtigen. Findige Reiseveranstalter hätten sogar Touren zu den Drehorten angeboten.

Entscheidung für Berlin in letzter Sekunde

Auch in diesem Jahr sei die internationale Konkurrenz der Drehorte deswegen groß gewesen. Die Entscheidung für Berlin traf die Produktionsfirma Sabbah Pictures in letzter Sekunde. Der Vertrag mit den Stadtoberen von Wien sei schon unterschriftsreif gewesen, heißt es im Umfeld des Teams. Letztlich habe sich Berlin mit seinem Ruf als „cool capital“, der coolen Hauptstadt, aber durchsetzen können. Das Medienboard Berlin-Brandenburg sei zudem dafür bekannt, Film- und Fernsehteams ein „Rundum-Sorglos-Paket“ zu bieten, etwa indem sie Produzenten bei der Organisation von Drehgenehmigungen unterstützen.

Ein Meisterwerk der Fernsehkunst wird „Memory of a Paper“ nicht werden. Das Budget ist mit vier Millionen Euro ebenso überschaubar wie die Handlung. Einige kuwaitische Studenten verlassen zum ersten Mal ihr Heimatland, um an der Berliner Humboldt-Universität zu studieren. Hier lernen sie, wie die Deutschen so sind (eigentlich ganz nett). Vor allem aber, wie könnte es anders sein, dreht sich alles um die Liebe mit all ihren Irrungen und Wirrungen – Eifersüchteleien, Trennungen und das Ausspannen der Freundin des besten Freundes inklusive. Die Darsteller flanieren dabei – die Dreharbeiten laufen seit Mitte März – durch das Brandenburger Tor oder den Tiergarten, chillen im Club der Visionäre in Kreuzberg, shoppen am Kurfürstendamm und schlendern durch die Straßen der Köpenicker Altstadt oder von Prenzlauer Berg.

Eine Seifenoper als Tourismuswerbung: Wenn die Zuschauer von den TV-Bildern der Hauptstadt ähnlich begeistert sind wie die Schauspieler von ihren „Live“-Erlebnissen in Berlin, könnte das funktionieren. Abdullah Al Saif, der Hauptdarsteller der Ramadan-Soap, gibt jedenfalls zu Protokoll, dass er die Stadt in den vergangenen Wochen lieb gewonnen habe. „Ich habe gar nicht gewusst, dass es hier so viel arabisches Leben gibt“, sagt Al Saif, als er von einem seiner Streifzüge durch Kreuzberg berichtet. Deutsche habe er sich, bevor er in die Hauptstadt kam, als eingebildet vorgestellt. „Sie sind aber sehr hilfsbereit“, sagt er den Journalisten. Besonders gut gefalle ihm der Kurfürstendamm.

Shoppen am Kurfürstendamm

Sam Hasner, der Produzent von „Memory of a Paper“, sagt, dass einige Darsteller in den Boutiquen der City West bereits ihre komplette Gage für die Serie ausgegeben hätten. Visit-Berlin-Manager Kieker hört das gerne – und hofft auf mehr. Die arabischen Staaten seien für den Berlin-Tourismus ein bedeutender Wachstumsmarkt. 2014 stieg die Zahl der Übernachtungen von Gästen aus arabischen Ländern um rund 25 Prozent. Bei Besuchern aus den Golfstaaten lag das Plus sogar bei fast 85 Prozent. Touristen aus Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Katar würden zudem ein Vielfaches dessen in den Geschäften der Hauptstadt lassen, was der „Durchnittstourist“ ausgibt.

Die Ramadan-Soap soll den Trend verstärken. Man werde die reichhaltige Kultur der Hauptstadt sehen, und Berlin als offene und tolerante Stadt erleben, sagt Produzent Hasner. Etwa in einer Szene, die vor der Humboldt-Universität gedreht wurde. Darin sitzt eine arabische Frau in Vollverschleierung, vom Liebeskummer geplagt, auf einer Bank und weint – bis eine junge Deutsche kommt und sie tröstet. „Warum weinst du?“, fragt sie. „Du bist doch in Berlin!“