Buch

Für Peter Raue ist „heute alles schöner in Berlin“

Kulturanwalt Peter Raue hat ein Buch über Prominente der Stadt herausgegeben. Ab wann ist man eigentlich Berliner? Ein Gespräch über Mentalitäten und Zugezogene.

Foto: Amin Akhtar

Zusammen mit der Journalistin Irene Bazinger hat der Anwalt und Kunstliebhaber Peter Raue ein Buch über Berlin herausgegeben. „Wir Berliner!“ (Quadriga, 19,99 Euro) heißt es, in dem 33 Prominente aus der Stadt über 33 andere Prominente der Stadt schreiben. Katharina Thalbach erinnert ihre Jugend mit Helene Weigel, Ulrich Matthes berichtet über sein Vorsprechen bei Martin Held, Romy Haag würdigt Hildegard Knef und Christoph Stölzl schreibt über Zille. Ur-Berliner sind nur wenige in diesem Buch. Berliner zu sein, so scheint es, ist keine Frage des Geburtsortes. Wer weiß das besser als Peter Raue, der in München zur Welt kam.

Berliner Morgenpost: Professor Raue, ab wann ist man Berliner?

Peter Raue: Auf jeden Fall ist die Frage, wo man geboren ist, für die Beantwortung völlig gleichgültig. Berliner ist man dann, wenn man eine Zeit lang in der Stadt gelebt und gewirkt hat. Wenn Sie sich die Liste der Beschreibenden und der Beschriebenen aus dem Buch anschauen, dann werden Sie kaum jemand finden, der in Berlin geboren ist. Berliner ist man dann, wenn man sich mit der Stadt identifiziert.

Ist es ein Spezifikum dieser Stadt, dass, wer sich nicht ganz schnell wieder verflüchtigt auch sofort als ein Berliner bezeichnet und eingemeindet wird?

Auf jeden Fall. Kein Mensch käme auf die Idee, nur weil er zehn Jahre in München gelebt hat, sich als Münchner zu bezeichnen. In Hamburg wäre es geradezu ein Sakrileg. In anderen Städten dauert es sehr lang, Teil der Gesellschaft zu werden, in Berlin geht das verhältnismäßig schnell.

Und dann kommt das hinzu, was Gregor Gysi in dem Buch geschrieben hat: „Berlin ist eine Stadt, die ohne Zuwanderung überhaupt nicht zu denken ist.“

Berlin war natürlich auch schon immer vor der NS-Zeit ein Melting Pot der Künste, die Metropole der geistigen Künste. Daher spielt hier Herkunft keine Rolle.

Seit wann fühlen Sie sich denn nicht mehr als Münchner?

Ich bin im September 1961 nach Berlin gekommen, direkt nach dem Bau der Mauer …

… die meisten sind ja den umgekehrten Weg gegangen.

Das war eine bewusste Entscheidung. Ich habe mir gedacht, es kann doch nicht sein, dass diese Stadt leer wird und die Menschen fliehen. Die FU war halbleer, nachdem die Ost-Berliner „drüben“ bleiben mussten. Meine Eltern sahen mich auch schon von den Russen verschleppt. Kurzum, ich bin im Herbst 61 hingekommen und war im Winter 61 Berliner.

Gibt es einen Teil aus München, den Sie hier gern sehen würden?

Nein, überhaupt nichts. Die Münchner haben eine andere Mentalität, eine andere Uhr. Wenn Sie im Zentrum in München um 18 Uhr in den „Feldherrenkeller“ gehen, dann ist der proppenvoll. In Berlin gibt es keinen Mensch, der zu dieser Zeit in einer Kneipe sitzt, außer er ist Alkoholiker.

Wenn man ins „Grill Royal“ geht, kommt man sich schon vor, als sei man plötzlich in München gelandet.

In diesen In-Lokalen wie „Grill Royal“, „Borchardt“, „Paris Bar“ ist nicht die gute Gesellschaft wie in München, sondern das intellektuelle Berlin, das sich dort trifft. Das kann man vom „Kir Royal“ in München weiß Gott nicht behaupten.

Ihre Co-Herausgeberin Irene Bazinger schreibt, dass die Stimmung in der Stadt „ruppig” sei.

Natürlich ist es eine ruppige Stadt. Das kann man nun wirklich nicht anders sagen. Die Menschen versuchen das Sentimentale hinter dem Harschen zu verstecken. Ich finde das auch nicht schlimm.

Über Kurt Tucholsky heißt es in dem Sammelband: „Die Berliner fand er zu nassforsch und das Metropolengetue zu laut, viel zu laut.“

Das kann man so sehen. Nehmen Sie Klaus Wowereit. Er ist der klassische Berliner. Er kann charmant und so etwas von ruppig und kurz angebunden sein. Er kann von einer Schärfe sein, die einen umhaut, und trotzdem nimmt man ihm es nicht übel.

Zuweilen liest man über Westalgie und die Sehnsucht nach West-Berlin und dem Leben auf der Insel. Sind Sie dafür empfänglich?

Nein, überhaupt nicht. Ich lebe seit Jahrzehnten in Charlottenburg, aber die Behauptung, dass es früher schöner gewesen sei, ist einfach grenzdebil. Es war früher nichts schöner. Heute ist alles schöner.

Das Bemerkenswerte an dem Berlin-Bashing ist, dass früher gesagt wurde, hier versammeln sich ohnehin Verlierer, die nichts auf die Reihe kriegen und kaum läuft der Laden, kommt der Vorwurf, dass die Stadt immer stärker gentrifiziert werde.

Eins ist so dumm wie das andere. Verkannt wird, wie international die Stadt geworden ist. Wenn man in Mitte durch die Straßen geht, wird dort jede Sprache der Welt gesprochen. Das macht doch heute den Charme der Stadt aus, dass sich so viele Menschen hingezogen fühlen.

Ihr Buch macht auch bewusst, was für ein Dschungel die Stadt in den 20er-Jahren war.

Wir zeigen mehrere Facetten. Die Stadt war bis zum Beginn des Naziterrors das Zentrum der jüdischen Intellektuellen. Die Schauspieler, die Literaten waren hier, es gab Zeitungen in einem unvorstellbaren Ausmaß. Auf der anderen Seite waren die Goldenen 20er-Jahre auch schreckliche 20er-Jahre. Es gab Arbeitslosigkeit, es gab Hunger, es gab Elend. Diese Mischung machte diese verrückte Stadt aus.

Wie so eine pulsierende, vielfältige Stadt handstreichartig zum Nationalsozialismus kippen kann, verstehe ich bis heute nicht.

Es ist nicht zu begreifen. Ich beschäftige mich viel mit der Frage, aber es bleibt das größte Rätsel.

Warum haben Sie für Ihren Beitrag den Unternehmer und Mäzen James Simon ausgewählt?

Zusammen mit Bernd Schultz, dem Chef der Villa Grisebach, habe ich die James-Simon-Stiftung gegründet, genau um zu verhindern, dass dieser Mann vergessen wird. Er ist der ganz große Mäzen dieser Stadt. Er hat eine unglaublich große Privatsammlung gehabt, darüber die Nofretete, und dann sagt er zum Direktor: „Schau Dich bei mir um, und nimm, was Du willst.“ Das weist auch darauf hin, dass 90 Prozent aller Donationen an die Berliner Museen bis 1932 von jüdischen Familien stammten. Da gibt es heute einen Nachholbedarf. Das Gemeinwesen wollen wir mit dem James-Simon-Preis stärken.

Also auch ein pädagogischer Auftrag?

Absolut. Der pädagogische Eros ist etwas, zu dem ich mich immer bekannt habe.

Warum hat er so viel gespendet?

Zum einen war er als Fabrikant unfassbar reich. Zum anderen hatte er ein großes Interesse an der Kunst. Am liebsten wäre er nach Ägypten gefahren, und hätte dort selbst gebuddelt. Das Verrückte ist, dass er der bescheidenste Mensch war. Er war nie bei einer Übergabe eines Geschenkes dabei, er hat sich immer zurückgehalten. Er hatte die Lust, Gutes zu tun.