"Alltag Einheit"

Wie nach dem Mauerfall Ost und West zueinanderkamen

Im Deutschen Historischen Museum in Berlin öffnet die Ausstellung „Alltag Einheit“. Nicht der Mauerfall wird thematisiert, sondern die Frage, wie sich Ost und West annäherten - oder entfremdeten.

Diese Sommer in den frühen 90er Jahren sind unvergesslich. Es fand eine Schubumkehr unserer Neugier statt. Wir jungen Westdeutschen, die wir immer nur westwärts gefahren waren, fuhren jetzt viel durch den deutschen Osten. Wir fuhren in meinem alten Toyota rüber, mein erstes Auto mit 19 Jahren, groß genug, um zur Not im Kofferraum zu schlafen. Aber das war meist nicht nötig, viele Privatleute vermieteten billig Zimmer.

Wir jungen Westdeutschen betraten mecklenburgische Küchen, in denen West-Produkte stolz wie Ausstellungsstücke standen. Wir folgten Schildern mit der Aufschrift "Café" und landeten in privaten Wohnstuben.

Mutti hatte gebacken, zum hausgemachten Kuchen gab es eine Tasse Kaffee, alles für wenig Geld. "Wir machen Marktwirtschaft", sagten unsere Gastgeber stolz.

Ein anderer hatte sich einen Laster organisiert und fuhr Bananen von West nach Ost, die er von der Ladefläche herab verkaufte.

Das war sein Geschäftsmodell im wilden Sommer 1990. Er glaubte, es geschafft zu haben im Kapitalismus. In den Kinos liefen billige Sex-Filme, die waren im Osten der Hit.

"Von der Jugend lernen, heißt siegen lernen"

Nächtliche Fahrten durch immer noch düstere Städte. An den Straßen lag Sperrmüll, unglaubliche Mengen – was in diesem Sommer alles weggeschmissen wurde! Dinge, auf die man als DDR-Bürger so lange gespart und gehofft hatte, waren nur noch VEB-Ramsch. Überall leere Großgebäude, Kasernen, FDJ-Lager, Lager für Wehrerziehung, tief versteckt im Thüringer Wald, man musste nur über den kaputten Zaun klettern. Niemand bewachte das mehr. Die Etagenbetten standen noch da, FDJ-Broschüren lagen zu Hunderten herum, wir ließen ein großes rotes Propagandaschild mitgehen: "Von der Jugend lernen, heißt siegen lernen". Es liegt bei mir im Keller, begraben wie so viele Erinnerungen an die Wendezeit.

Jetzt eröffnet eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM) mit dem Titel "Alltag Einheit. Porträt einer Übergangsgesellschaft". Nicht der Mauerfall und wie es dazu kam, wird thematisiert, sondern endlich – 25 Jahre danach – die Frage, wie Ost und West sich im Zuge der Vereinigung annäherten oder entfremdeten.

Das Anfangsbild der Ausstellung gibt den Ton vor: Schilder der Demo in Ost-Berlin vom 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz, als endlich auch die Opposition der Hauptstadt massenhaft und sichtbar gegen die SED protestierte, lange Zeit eingemottet im Keller der Volksbühne. Die Zeit der Bürgerrechtler, der Montagsdemos, vergangen, vorbei. Der Mauerfall verändert alles. Die DDR endet in Wirklichkeit am 9. November 1989.

Ein buntes, oft widersprüchliches Bild der Zeit

Die Ausstellung versucht, die komplexe Zeit danach darzustellen. "Eine Spurensuche" nennt es Professor Martin Sabrow vom Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF). Es hat die Schau für das Deutsche Historische Museum zusammengestellt. Gezeigt wird eine Sammlung von Geschichten, Ereignissen, Biografien, Erlebnissen, die sich zu einem bunten, oft widersprüchlichen Bild der Zeit fügen. "Wir berichten aus einer Übergangsgesellschaft mit Schwerpunkt auf dem Osten, weil sich hier mehr Menschen dem Prozess der Umwandlung stellen mussten", sagt Jürgen Danyel vom ZZF.

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Spurensuche, Facetten, keine geschlossene Erzählung, biografische Splitter, Vielschichtigkeit – all das liebt der Zeitgeist der aktuellen Ausstellungskultur. Wer wagt es heute schon noch, eine große, geschlossene Erzählung auszustellen, gar eine historische Wahrheit zu behaupten. Total gestrig. "Die Politikgeschichte steht bei uns nicht im Zentrum", sagt Martin Sabrow. Eine Hommage an Bush, Kohl, Gorbatschow – "dazu hatten wir keine Lust." Trotzdem, die Schau "Alltag Einheit" macht ernst, sie spielt nicht nur.

Oft fließen eigene Erinnerungen der Ausstellungsmacher ein: "Wir historisieren uns gewissermaßen selbst." Vieles, was gezeigt wird, entstammt nicht den Depots von Museen, sondern den Schränken und Dachböden von Privatpersonen. In der Vitrine zum Thema "Klischee" hängt eine geblümte Kittelschürze aus Dederon. Und das berühmte Titanic-Cover "Gabi – meine erste Banane". Ein vergessenes Plakat mit Max Schmeling und Henry Maske: "Kaum war die Mauer geöffnet, haben wir Freundschaft geschlossen." Das rosa Jackett von Maske treibt einem die Tränen in die Augen, so schrecklich ist die Farbe. Genauso wie das Design Luigi Colani, der für die RFT AG Staßfurt einen Fernseher entwarf, der dem Ex-VEB Fernsehgerätewerk das Überleben sichern sollte. Das ging schief.

Deutschlands WM-Sieg neben den Anschlägen von Mölln

Der Eingangsbereich des Techno-Bunkers "Tresor" ist nachgestellt und erinnert an die anarchische Zeit der Clubs, ebenso wie ein Diorama von 1993 über die Räumung besetzter Häuser in der Mainzer Straße. Ein Sammelsurium von Aufklebern, Fußballtrikots, Zeitungstiteln und großen Objekten wie das Umlaufkartei-Gerät der Stasi, das dann für die Gauck-Behörde enorm wichtig wird. Dazu viele Fotos, auch einige Filme. Bilder haben die Umbruchzeit am besten dokumentiert.

Der WM-Titel von 1990 (mit dem Trikot von Bodo Illgner) steht nahe bei den fremdfeindlichen Bränden von Mölln und Rostock-Lichtenhagen. Eine Station fragt, wofür man sein Begrüßungsgeld ausgab, die 100 Westmark. Nie behauptet die Ausstellung, etwas abschließend zu wissen. Sie fragt, lässt viele zu Wort kommen und will noch mehr – oft wird auch der Besucher aufgefordert, seine Erinnerung mitzuteilen. Die Neugier auf die frühen Jahre ist nach dem Rundgang geweckt. Und vielleicht gehen wir runter in unsere Keller. Mal schauen, was da noch so liegt.

"Alltag Einheit. Porträt einer Übergangsgesellschaft", DHM Ausstellungshalle. Täglich 10 bis 18 Uhr. Bis 3. Januar 2016. Mit Filmen für Gehörlose und Braille-Schrift für Blinde.

Foto: DHM, Thomas Hoepker / DHM,Thomas Hoepker

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