Berliner Ausstellungshaus

Der Martin-Gropius-Bau hat ein Erfolgsproblem

Rekord im Martin-Gropius-Bau: Direktor Gereon Sievernich zählt bis Jahresende mehr als 700.000 Besucher - Das ist kaum zu toppen. Ein Gespräch im Kreuzberger Ausstellungshaus.

Foto: Reto Klar

Beim Besuch in seinem Büro im Martin-Gropius-Bau gibt es Pfefferminztee, dabei könnte der Mann zum Jahresende die Korken knallen lassen. Die Besucherzahlen im Kreuzberger Ausstellungshaus könnten kaum besser sein. Ein Gespräch mit Direktor Gereon Sievernich über publikumswirksame Events.

Berliner Morgenpost: 700.000 Besucher, drei Blockbuster. Ai Weiwei, David Bowie, die Wikinger. Letztes Jahr waren es 420.000. Ist so ein Jahr noch steigerungsfähig?

Gereon Sievernich: Der Gropius-Bau hat noch Potenzial nach oben. Vor dem Hintergrund, dass die Nationalgalerie im kommenden Jahr für längere Zeit schließt und auch der Pergamonaltar nicht sichtbar ist, haben wir große Chancen. Obgleich man nie genau weiß, was das Publikum sehen will. Wir sind auch von den Launen des Publikums abhängig.

Dafür macht die Berlinische Galerie wieder auf nach der Sanierung im Frühling …

Ja, aber wir versuchen ein international ausstrahlendes Programm zu zeigen, auch mit ethnologischen, archäologischen und kulturhistorischen Themen. Wir zeigen nicht nur moderne oder zeitgenössische Kunst und Fotografie. Der Gropiusbau ist eher ein virtuelles Universalmuseum.

2014 ist also Ihr bestes Jahr?

Ja, es ist sogar das beste Jahr seit der Wiedereröffnung 1981. Erst 2001 übernahm der Bund das Haus als Leuchtturm. Aber wir haben kaum Leuchtmittel.

Aber Sie beweisen ja, dass man nicht viel braucht, um gute Ausstellungen zu machen.

Ja, der Erfolg bereitet uns manchmal Probleme.

Die Mehrzahl der Besucher des Gropius-Baus kommt nicht aus Berlin.

60 Prozent kommen nicht aus Berlin. Wir sind auf Twitter, Facebook vertreten, mit dem man auch ein jüngeres Publikum ansprechen kann. Ob das so gelingt, bleibt zu fragen.

Höher hinaus als dieses Jahr geht es nicht mehr.

Das Dreierpaket war unschlagbar. „Die Wikinger“ läuft noch bis 4. Januar. Übrigens eine sehr kinderaffine Ausstellung. Mein Eindruck ist, dass hier eher die Kinder ihre Eltern in die Ausstellung schleppen. Es gibt ja eine regelrechte Wikinger-Sphäre mit Legosteinen und japanischen Animationsfilmen für kleine und größere Kinder.

Die Wikinger wurden vom Museum für Vor- und Frühgeschichte entwickelt. Gibt es da noch mehr Kooperationen?

Das wünschen wir uns. Wir sind Herrn Wemhoff sehr dankbar, dass er die „Wikinger“ im Gropiusbau zeigt. Die Staatlichen Museen sind in unserer Programmkommission vertreten, und wir haben intensiv gebeten, hier Präsentationen zu zeigen. Diese Ausstellung ist die einzige der Staatlichen Museen in diesem Jahr. Ich habe aber nur eine Anmeldung für die kommenden Jahre. Wäre sehr schön, wenn es anders wäre.

Es heißt, die Neue Nationalgalerie will nach der Schließung mit Ausstellungen in den Gropius-Bau ausweichen.

Ob das noch aktuell ist, weiß ich nicht. Ich würde es mir wünschen. Es hilft aber nicht genug, denn trotzdem müssen wir 90 Prozent des Programms selber machen. Die Mittel, die wir haben, knapp 2,6 Millionen Euro, reichen nicht mal für die Betriebskosten des Hauses. Alles, was wir finanziell für Ausstellungen benötigen, muss eingeworben werden. In diesem Jahr hat uns Frau Staatsministerin Grütters sehr geholfen. So ist das kommende Jahr gesichert – unter anderen kommt das Tel Aviv Museum of Art erstmals nach Berlin. Der Hauptstadtkulturfonds hilft, aber das geht nur wenige Male im Jahr. Das reicht eben nicht für 10 bis 12 Ausstellungen, die wir hier pro Jahr zeigen sollen. So sind wir jedes Jahr aufs Neue ziemlich gejagt..

Welche Ausstellungen sind ein Erfolg?

Die erfolgreichste Ausstellung, die hier je gezeigt wurde, war „Ägyptens versunkene Schätze“ mit 450.000 Besuchern. Danach folgen „Schätze aus der verbotenen Stadt – Palastmuseum Peking“ oder auch „Preußen – Versuch einer Bilanz“, die zweite Ausstellung überhaupt, mit je etwa 400.000 Besuchern. Außereuropäische Themen wie Ägypten, China oder Mexiko führen oft zu hohen Besucherzahlen. Eine Ausstellung zur Gegenwartskunst hat fast immer gute Presseresonanz, darauf folgt aber nicht unbedingt großer Zuspruch. Ai Weiwei in diesem Jahr war eine Ausnahme, die erfolgreichste Schau eines zeitgenössischen Künstlers, die je hier im Hause stattgefunden hat mit 240.000 Besuchern.

Aber Sie haben ja einen Sinn, die richtigen ans Haus zu holen …

Ja, da ist viel Intuition dabei. Ich will auch nicht sagen, dass es da ein Erfolgsrezept gibt, aber Erfahrung hilft. Und ich schaue schon sehr genau, was in den anderen Häusern im Umkreis von 800 km gezeigt wird. Damit sich da nichts doppelt. Wir sind leider zu selten in der Lage langfristig zu planen. Für große Projekte, die mit internationalen Institutionen entwickelt werden, braucht man drei Jahre Vorlauf, sonst zieht das Ereignis an Berlin vorbei.

David Bowie als mediale Show war ja auch nicht ganz billig und nicht kurzfristig geplant oder?

Doch, sogar sehr kurzfristig. Das Victoria und Albert Museum hatte das Projekt entwickelt. Und wir konnten das Risiko nicht tragen. Bowie war eine sehr aufwendige Schau. Wir haben einen Träger gefunden, Avantgarde aus München. Solche Formen müssen wir dann finden, wenn Ausstellungen hier stattfinden sollen, die vom Risiko für uns nicht tragbar sind. Denn die einzigen Programmmittel, die ich habe, sind die Eintrittsgelder. Aber man findet solche Partner eben auch nur für Spektakuläres wie Bowie.

Vermissen Sie nicht auch die eine große Ausstellung zum Ersten Weltkrieg in Berlin? Es gab ja ein großes Interesse in der Bevölkerung am Thema.

Das Deutsche Historische Museum hatte eine große Schau. Für unser Haus war klar, dass wir nicht mit dem DHM konkurrieren. Das wäre kontraproduktiv. Wir haben das Thema aber in einer sehr feinen Fotoausstellung aufgegriffen, die „Welt in Farbe“ vor 1914. Wir haben kontrapunktisch gearbeitet, nicht der Krieg war unser Thema, sondern die Zeit davor. Albert Kahn, ein Bankier und Mäzen, schickte vor 1914 zahlreiche Film- und Fototeams durch die ganze Welt. Verbunden mit einer Friedensmission, nach dem Motto: Wenn sich die Menschen kennen, führen sie keine Kriege. Das war unser Beitrag auf etwas subtile Weise, es kamen dann fast 50.000 Leute.

Sie waren also mit der Performance Berlins zum Ersten Weltkrieg zufrieden?

Nein, überhaupt nicht. Mit einer anderen Planung hätte man aber drei, vier Jahre vorher beginnen müssen. Mit klaren Strukturen und klarer Finanzierung, dann hätte das Veranstaltungsjahr anders aussehen können.

Was bemängeln Sie?

Dass sich Berlin diesmal etwas zu sehr zurückgehalten hat. 1914, das ist ja ein Thema, dass durch viele Berliner Kulturinstitutionen und Museen hätte gehen können.

Gibt es eine Beziehung zwischen Touristen-Boom und den Besucherzahlen?

Vom dem gewaltigen Zuwachs – dritte Stelle nach Paris und London – profitieren wir natürlich. Bestimmte Ausstellungen wie Ai Weiwei, weil auch nur bei uns zu sehen, werden international sehr stark wahrgenommen, da ging die Berichterstattung bis nach Japan. Das führt natürlich zu einer guten Grundatmosphäre, die so ein Haus braucht, um Besucher aus aller Welt anzuziehen.

Haben Sie noch zu Ai Weiwei Kontakt?

Ab und zu. Er hat nach wie vor seinen Pass noch nicht. Für einen Künstler wie ihn, der so viel um die Welt gereist ist, der in China ständig von der Geheimpolizei beobachtet wird, für ihn ist das eine große Einschränkung. In China ist eine Verhärtung festzustellen, Künstler werden wieder aufs Land „verschickt“, das erinnert an die Zeiten der schrecklichen Kulturrevolution.