DHM-Ausstellung

Häppchen-Historie zum Jahrestag des Kriegsendes

Das Deutsche Historischen Museum widmet sich dem 70. Jahrestag. Doch „1945 – Niederlage. Befreiung. Neuanfang“ ist eine ängstliche Ausstellung, die das Risiko scheut. Und deshalb scheitert.

>> Täglich neue Videos der Abendschau sind hier zu sehen <<

Die Frage kann man stellen: Warum jetzt eine Ausstellung zum Kriegsende 1945, 70 Jahre danach? Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz für Jubiläen. Ein öffentliches Großereignis ruft man in 25-Jahres-Schritten aus, wir haben es in den letzten Monaten erlebt. 25 Jahre Mauerfall, 100 Jahre Beginn des 1. Weltkrieges, Bismarcks Geburtstag vor 200 Jahren. Demnach wäre eine große Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM) zum Kriegsende erst in fünf Jahren dran, zum 75. Jahrestag.

Doch wir sind hungrig nach Geschichte, die Vergangenheit, sie nimmt hierzulande einen großen Raum ein – der Blick zurück ist populär. Und außerdem drängt die Zeit. "Dies ist einer der letzten Momente, in denen wir noch Zeitzeugen befragen können", sagt Kuratorin Maja Peers. Deshalb eröffnet am heutigen Donnerstag im Pei-Bau des DHM die Ausstellung "1945 – Niederlage. Befreiung. Neuanfang. Zwölf Länder Europas nach dem Zweiten Weltkrieg".

Zwölf Länder in der Stunde Null

Man muss nach ganz unten steigen, dort im Untergeschoss befindet sich die Ausstellung. Sie hat sich einiges vorgenommen, und das auf engem Raum. Zwölf Länder Europas sollen in ihrer Stunde Null dargestellt werden. Welche zwölf? Deutschland und seine unmittelbaren Nachbarstaaten, "die Anrainer", wie Maja Peers sie nennt, dazu die beiden europäischen Siegermächte Sowjetunion und England. Andere europäische Länder, die auch der Krieg überzog, fallen aufgrund dieses Konzeptes heraus: Griechenland, Jugoslawien, Italien beispielsweise, weil die halt keine Grenze mit Deutschland haben. Aber warum kommt dann Norwegen in der Ausstellung vor?

Maja Peers laviert ein wenig, das Land sei "so interessant" gewesen, wegen seiner starken Kollaboration mit NS-Deutschland auf der einen Seite und seinem starken Widerstand auf der anderen. So interessant? Das ist die Antwort? Und Ungarn, Rumänien, Bulgarien? Offenbar zu uninteressant.

Nein, das klingt nicht wirklich nach einem Konzept. Oder freundlicher gesagt: Zumindest wurde das angedachte Konzept nicht durchgehalten. Das ist symptomatisch für diese Ausstellung, die alles richtig machen will und darüber einen großen Fehler begeht: Sie hat nicht den Mut, eine eigene Handschrift zu wagen. "1945 – Niederlage. Befreiung. Neuanfang" ist eine ängstliche Ausstellung, die das Risiko scheut. Und deshalb scheitert.

Biografien stünden im Zentrum der Ausstellung, heißt es. Jedes Land wird von drei Personen dargestellt, sie geben der einzelnen Nation ein Gesicht – das Gesicht der Stunde Null. "Türöffner" seien diese Biografien, sagt die zweite Kuratorin Babette Quinkert. Konkret heißt das beispielsweise für ein Land wie Deutschland: An der Stirnseite schaut uns Karl Schulz an, ein Kriminalbeamter, der im Zweiten Weltkrieg als Leiter einer Einsatzgruppe für viele Morde in der Sowjetunion verantwortlich war, dafür nach dem Krieg nie verurteilt wurde und stattdessen Karriere beim Landeskriminalamt machte – ab 1952 übernimmt er des Landeskriminalamt in Bremen und leitet es bis zur Pensionierung 1968. Eine Biografie, die überdeutlich zeigt, dass es keine wahre "Stunde Null" gab. Dass viel zu häufig die NS-Täter von gestern sich plötzlich in scheinbar lupenreine Demokraten verwandelten, die dann in den 50er- und frühen 60er-Jahren das Gesicht der Bundesrepublik prägten.

Biografien bleiben oberflächlich

An jemandem wie Karl Schulz hätte man vieles erzählen können, sehr konkret – wenn man der Biografie den Raum in der Ausstellung gegeben hätte, den sie braucht. Doch es bleibt beim Bild und einem sehr kurzen Text auf der Stirnseite der "Ausstellungsmodule", dazu ein mageres biografisches Ausstellungsstück, mehr nicht. Der Ausstellungsteil "Täterschaft und Verdrängung", zu dem besagter Karl Schulz als "Türöffner" dienen soll, geht auf den Kriminalbeamten und dessen Biografie nicht mehr ein. Dafür werden dort zig andere Themen angeschnitten – die Nürnberger Prozesse oder die Dokumentarfilme aus den KZs Bergen-Belsen und Buchenwald, die von den Alliierten gedreht und der deutschen Zivilbevölkerung in Kinos und Stadthallen gezeigt wurden, ein von den Besatzern verordneter Kinobesuch. Die Deutschen sollten nicht mehr wegschauen dürfen. Eine Vitrine voller Einzelthemen, alles kurz angeschnitten, nichts vertieft. Häppchen-Historie. Die Schulz-Biografie, die alles hätte verbinden können, wird auf eine Größe geschrumpft, die unangebracht ist. Selbst ein Wikipedia-Eintrag wirkt dagegen ausführlich und fundiert.

Oder nehmen wir die Sowjetunion, den Journalisten Konstantin Simonov. Was für eine Biografie! Er wird zum Kriegsberichterstatter, begleitet 1943 den Kriegsverbrecherprozess gegen drei deutsche Wehrmachts- und SS-Angehörige in Charkow, in denen schon der Einsatz der Gaswagen von deutschen Sonderkommandos thematisiert wird – den Vorläufern der Gaskammern. Nach dem Krieg wird er Chefredakteur der Literaturzeitschrift "Nowy Mir".

Für welche Schicksale ist er "Türöffner"? Für die ins Deutsche Reich verschleppten Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen, die später in der stalinistischen Sowjetunion mit dem Vorwurf zu kämpfen hatten, Verräter zu sein? Waren diese Sowjetbürger womöglich freiwillig mit den Deutschen gegangen, hatten sie sich "umdrehen" lassen? Die Paranoia unter Stalin kannte ja keine Grenzen. Hat Konstantin Simonov sich jemals darüber geäußert? Hat er etwas über Verräter, über Kollaborateure oder die inneren Feinde der Sowjetunion geschrieben? Wir werden es nie erfahren. Zumindest nicht in dieser Ausstellung.

Und so bleiben all die Biografien, so widersinnig das ist, oberflächlich. Und die Vitrinen, gefüllt mit Hunderten Ausstellungsstücken aus ganz Europa, willkürlich. Eine Erzählung will sich nicht einstellen. Weil in dieser Ausstellung der Mut dazu fehlt, eine erzählerische Linie zu ziehen. Auch kommt der normale Alltag, der Alltag des Hungerns, des Organisierens, des Überlebens, kaum vor. Keine "Fräuleins", die mit GIs anbändeln. Kaum Trümmerfrauen. Wer hier einen Platz unter den 36 Biografien eingeräumt bekommt, der sticht heraus, der ist schwarz oder weiß. Es sind überwiegend entweder NS-Verfolgte oder Leute, die Widerstand geleistet haben. Oder Täter. Oder Funktionäre.

Die unmittelbare Nachkriegszeit, man kann sie sich vorstellen wie im Horrorfilm: "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast." Man lebt in Deutschland, in Österreich und in anderen Ländern tatsächlich mit Mördern Tür an Tür, in den Wohnzimmern steht das Porzellan, das man sich vom deportierten jüdischen Nachbarn unter den Nagel gerissen hat: Wie also kriegt man entweder Gesellschaften, in denen enthemmt gemordet wurde oder Gesellschaften, die von schwerem Leid traumatisiert sind, wieder ins Lot? Biografien sind tatsächlich ein Schlüssel, um diese Zeit zu verstehen. Aber dann muss man ihnen auch vertrauen.

Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, Mitte. www.dhm.de. Bis 25. Oktober, täglich 10–18 Uhr.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.