Rattle-Nachfolge

Warum die Berliner Philharmoniker bei der Wahl scheiterten

Das Scheitern der Wahl eines Chefdirigenten offenbart die Sinnkrise des Orchesters, bietet aber gleichzeitig neue Möglichkeiten. Nun braucht es offenbar viel Zeit, um die Gräben zu schließen.

Die Berliner Philharmoniker stecken in einer Sinnkrise. Das ist seit Montagabend um 21.30 Uhr, als Orchestervorstand Peter Riegelbauer das Scheitern der Nachfolger-Wahl öffentlich bekannt gab, unübersehbar. Dem ging ein elfstündiger Wahlmarathon voraus.

Im Ziel ist keiner der Kandidaten angekommen. Kein Stardirigent war am Ende des Tages gut genug, um eine Mehrheit zu finden. Das war ein historischer Tag in der Klassikwelt. Die Philharmoniker haben das weltweit einzigartige Recht, ihren Chefdirigenten selber zu wählen. Das ist ein hohes Gut.

Diesmal sollte ein Nachfolger für Sir Simon Rattle gefunden werden, der das Amt im Jahr 2018 aufgeben wird. Falls es dabei bleibt. Denn genau genommen war Rattle der heimliche Gewinner der Nicht-Wahl. Die Philharmoniker haben jedenfalls, so lässt sich der Vorgang auch deuten, keinen Besseren gefunden.

„Es gab gute und lebhafte Diskussionen und mehrere Wahlgänge“, versicherte Orchestervorstand Peter Riegelbauer in der Wahlnacht: „Aber wir konnten uns leider auf keinen Dirigenten einigen.“ 123 von insgesamt 124 wahlberechtigten Philharmonikern haben mitgestimmt und sich in keinem Namen zusammengefunden. „Der Prozess dieser Wahl wird fortgesetzt, wir werden uns weiterhin regelmäßig zu Orchesterversammlungen treffen, werden uns aber die Zeit nehmen, die nötig sein wird“, so Riegelbauer: „Das kann auch ein Jahr dauern.“

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Damit wurde ein überraschend großes Zeitfenster geöffnet. Es braucht offenbar viel Zeit, um die Gräben zu schließen. Die Philharmoniker haben die Diskussion über ihre Zukunft brachial entschleunigt, sich aus dem öffentlichen Druck, den es bei dem Spitzenorchester zweifellos gab und weiterhin geben wird, herausgezogen.

Aus strategischer Sicht ist das Ganze ein Fiasko, die immer hofierten Gastdirigenten der Philharmoniker dürfen jetzt etwas verschnupft sein, weil sie als unwählbar vorgeführt wurden. Und viele Beobachter werden den Sinn einer „Orchesterrepublik“ hinterfragen, die in einer solch demokratisch-repräsentativen Frage nicht handlungsfähig ist. Hinter den Kulissen der Philharmoniker-Stiftung werden wohl viele Fäden gezogen werden müssen, um alle Bedenkenträger in der Stadt und im Klassikmarkt zu beschwichtigen.

Konzerte brauchen Exklusivität

Aber aus künstlerischer Sicht – und das scheint den Musikern offenbar erst am Wahltag in der ganzen Dimension klar geworden zu sein – war eine vorschnelle, harmoniesüchtige Namensnennung gefährlich. Die richtige Wahl ist vielleicht ihre letzte, große Chance, als Berliner Philharmoniker einzigartig zu bleiben. Denn die Exklusivität lebt eben nicht in einem nostalgischen, an Papstwahlen erinnernden Ritus, sondern ausschließlich in den Konzerten.

Der Nachfolger am Chefpult soll nicht weniger als den Traum von der Unverwechselbarkeit erfüllen. Gewählt wurde in den Gemäuern der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem. Der Wahlort allein steckt voller Symbolik. Jeder Klassikliebhaber hat irgendeine Schallplatte oder CD im Schrank zu stehen, die in dieser Kirche eingespielt wurde. Es ist ein legendärer Aufnahmeort. Die Jesus-Christus-Kirche war einst Herbert von Karajans Klangkathedrale. Hier hat er mit den Philharmonikern seine größten und unverwechselbaren Aufnahmen eingespielt. Genau genommen wäre es der Ort gewesen, um den Berliner Karajan-Schüler Christian Thielemann zu wählen. Einen in deutscher Klangtradition verhafteten Dirigenten, der regelmäßig ein musikalisches Hochamt abhalten kann. Aber auch diese Art der Rückbesinnung hat keine Mehrheiten gefunden.

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Der Zeitgeist hat übrigens auch schon die Dahlemer Studio-Kirche im Stich gelassen. In einem Hifi-Hochglanz-Magazin war kürzlich zu lesen, dass für Karajans Klangästhetik die dortigen Nachhall-Zeiten ideal waren, aber für den heute geforderten durchsichtigen Orchesterklang durchaus problematisch sind. Es beschreibt den ästhetischen Wechsel, der sich in den letzten drei Jahrzehnten weltweit vollzogen hat. Und den auch die Philharmoniker mitgemacht haben, nachdem sie sich vom Modell des verehrten wie verhassten Pultherrschers, den Herbert von Karajan prototypisch verkörperte, verabschiedet hatten. Der 1989 gewählte Italiener Claudio Abbado pflegte sanftere Umgangsformen, musikalisch stand er für das Miteinander. In seiner Zeit gingen altgediente Musiker in den Ruhestand, jüngere rückten nach. Abbado strebte einen transparenteren Orchesterklang an. Und der zehn Jahre später gewählte Brite Simon Rattle verjüngte das Orchester weiter – das Durchschnittsalter liegt derzeit bei etwa 43 Jahren – und machte den Orchesterklang noch durchsichtiger und stilistisch vielseitiger.

Wer früher das Radio anschaltete, der konnte am glamourösen Karajan-Sound sofort erkennen, dass die Berliner Philharmoniker spielen. Heute hört man vor allem die atemberaubende Perfektion. Aber Spitzenorchester, die Ähnliches leisten können, gibt es weltweit einige. Auch wenn der Konzertbesucher abends in der Philharmonie nur wenig von alledem mitbekommt, die Spitzenorchester konkurrieren in der globalisierten Medienwelt miteinander. Allein schon, wenn es darum geht, den besten Chefdirigenten zu bekommen. Zweifellos gibt es heute mehr große Orchester als große Dirigenten.

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In den letzten Jahrzehnten hat sich das Bild des Dirigenten deutlich dem luftigeren Klangbild angepasst. Die kantigen, deutungsschweren Pultherrscher sind zunehmend den schnittigen Feuerköpfen gewichen. Man merkt es unter anderem daran, welcher Dirigent sich heute noch mit Maestro anreden lässt. Viele junge Dirigenten sind aus der großen Jugendorchester-Welle und aus Education-Projekten hochgeschwemmt worden. Ihr Sozialverhalten am Pult zielt auf lockere Kommunikation, dem Miteinander. Was einst als neuer Dirigententypus begrüßt wurde, wird inzwischen manchmal als Führungsschwäche ausgelegt. Ein Karajan hat immer in aller Deutlichkeit angesagt, was für einen Klang er haben will. Selbst wenn es zum Stück nicht passte. Aber welcher nachwachsende Dirigent will sich selbstbewussten Musikern verhasst machen und seinen Kopf durchsetzen, wenn er es anderswo leichter haben kann. Und in den USA obendrein mit besserer Bezahlung, wie man in Berlin zugibt. Inzwischen springen namhafte Dirigenten von einer Chefposition in die nächste. Die Bindungen zu den Orchestern werden, obwohl alle Seiten das Gegenteil beschwören, immer unverbindlicher.

Der Riss im Orchester

Die jobtypische Unverbindlichkeit ist ein Problem für das künstlerische Profil eines Orchesters, weshalb die Philharmoniker ihre Chefdirigenten vergleichsweise lange im Amt halten. Dazu kommt bei der Nachfolgersuche ein Phänomen, dass ausgerechnet bei den Stardirigenten der Altersgruppe 50plus ein Mangel herrscht. Bei den letzten beiden Chefwahlen ging ein Riss durchs Orchester: Wer steht für das Alte, wer für das Junge? Letztere haben sich durchgesetzt. Es war auch ein Generationskonflikt. Inzwischen hat sich die Sichtweise wohl verschoben. Es geht um das Künstlertum. Wer sichert den größten musikalischen Input, Unverwechselbarkeit, ja Exklusivität. Aber wer, wenn nicht die Philharmoniker, können das herausfinden?

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