Rattle-Nachfolge

Wahl des neuen Chefdirigenten der Philharmoniker geplatzt

Die Berliner Philharmoniker haben sich auch nach mehr als elfstündigen Beratungen nicht auf einen neuen Chefdirigenten einigen können. Mehrere Wahlgänge blieben ergebnislos.

Foto: dpa

Irgendjemand hat ein weißes Kreuz auf eine der Stufen geklebt. Vermutlich war es einer der vielen Kameraleute, die sich im Auftrag deutscher, italienischer, Schweizer und spanischer Fernsehstationen eingefunden haben.

Auf dem weißen Kreuz soll der Verkünder stehen und den Namen des neuen Chefdirigenten in die weite Welt hinausposaunen. Die Stufen führen hinauf zur Jesus-Christus-Kirche in Dahlem. Irgendwo hinter den Mauern haben sich 123 der insgesamt 124 wahlberechtigten Berliner Philharmoniker nebst ihrem Notar versammelt. Aber es dringt nichts nach außen. Dabei ist bekannt, dass es im Vorfeld schon leidenschaftliche Diskussionen über die Zukunft des Orchesters gab.

Jetzt muss die Zukunft nur noch den Namen eines neuen Stardirigenten bekommen. Das Spitzenorchester ist das einzige weltweit, dass sich seinen Chefdirigenten selber wählen kann. Im Geheimen, und mit Handyverbot für die Musiker.

Offenbar eine schwere Wahl

Gern wird die Chefdirigentenwahl der Berliner mit der Papstwahl verglichen. Aber eine heilige Stimmung will sich draußen nicht einstellen. Es ist eher wie das Warten auf Godot. Es passiert nichts.

Gegen 14.30 Uhr wird kurz mitgeteilt, dass das Wahlprozedere weiter gehe und man nichts sagen könne. Erst gegen 16 Uhr. Kurz darauf will jemand, der um die Anlage lief, missmutige Philharmoniker gesehen haben. Die Information macht sofort die Runde. Es ist ein Menetekel. Den Philharmonikern steht offenbar eine sehr schwere Wahl bevor.

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Bei Claudio Abbado hatten 1989 sechs Stunden gereicht, bei Rattle ging es 1999 noch schneller. Eine Gruppe schart sich vor der Kirche zusammen und sucht nach einem passenden Schornstein, wo der weiße Rauch aufsteigen müsste. Die ersten Witze werden gerissen. Andere schauen manisch auf ihr Handy, weil doch zuerst eine Pressemitteilung kommen soll. Alle warten auf den Namen.

Es ist schon ein symbolischer Ort, den sich die Philharmoniker ausgesucht haben, auch wenn er ihnen die Wahl nicht einfacher macht. Die Jesus-Christus-Kirche in Dahlem war einst Karajans Kathedrale. Der Stardirigent war zwar praktizierender Katholik, aber wenn er in Berlin weilte, dann konnte man den Maestro regelmäßig in dieser evangelischen Kirche antreffen. In dem Backsteinbau spielte er in den 60er- und 70er-Jahren fast alle Schallplattenprojekte mit seinen Philharmonikern ein. Karajan hatte zunächst der Akustik in der 1963 neu eröffneten Philharmonie für Aufnahmen misstraut.

Das Konklave der Philharmoniker

Die letzte Chefdirigenten-Wahl, aus der Simon Rattle als Klassikpapst hervorging, fand im Chorsaal der Philharmonie statt. Das war diesmal nicht möglich, aus Sicherheitsgründen. Am Dienstag findet in der Philharmonie das Festkonzert zu 50 Jahren diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland statt. Der Ausweichort, an dem die Philharmoniker ihr Konklave abhalten, ist mit mehreren Chefdirigenten verbunden. Denn die akustisch einmalige Kirche hatte bereits Karajans Vorgänger Wilhelm Furtwängler entdeckt.

Das im Krieg ausgebombte Orchester war bei der Suche nach einem Probensaal auf das Gemeindehaus an der Thielallee gestoßen. Furtwängler bedankte sich für die Gastfreundschaft mit einem Benefizkonzert. Abbado und Rattle waren oder sind regelmäßig zu Gast in dem Gotteshaus der Klassik. Karajans legendärer Beethoven-Zyklus ist hier entstanden. Einige Philharmoniker gehören dieser Gemeinde an. Überhaupt leben auffällig viele Musiker rund um Dahlem.

>>Morgenpost überträgt Pressekonferenz im Livestream

Plötzlich ein Schrei: Nelsons! Ein großes Aufatmen ist vor der Kirche zu verspüren. Das Internet war schneller als die Philharmoniker. Jemand hat den Namen von Andris Nelsons getwittert. Plötzlich kommt die offizielle Mitteilung, der Orchestervorstand werde erst später erscheinen. Und außerdem sei die Twitternachricht ein Fake. Die Philharmoniker hätten damit nichts zu tun. Einige recherchieren im Internet.

Tatsächlich hat jemand das Ergebnis der Besucherumfrage, die die Berliner Morgenpost und der Rundfunk Berlin-Brandenburg kürzlich vor der Philharmonie gemacht haben, ins Netz gestellt. Die Besucher hatten den Letten Andris Nelsons zum Favoriten erklärt, gefolgt von Gustavo Dudamel und Christian Thielemann. Was einmal im Netz steht, das weiß man, wird schnell zur Wahrheit verklärt.

Vielleicht ist nur der Akku alle

Das Warten auf den großen Namen geht weiter. Die Witze der Wartenden werden spröder. Nach der Wahl rufen die Philharmoniker den Dirigenten an, und er braucht nur Ja zu sagen. Möglichweise, wird geunkt, war bei Nelsons der Akku alle. Oder Valery Gergiev, der Jetsetter, sitzt gerade wieder im Flugzeug. Dagegen wird man sich schnell einig, dass Christian Thielemann für diesen Nachmittag zehn Handys mit freien Nummern ausgelegt habe. Damit er ja erreichbar ist.

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Irgendwann werden die Kameras weniger. Gegen 21.20 Uhr tritt eine Abordnung der Philharmoniker auf die Treppenstufen. Orchestervorstand Peter Riegelbauer verkündet, dass die Wahl zu keinem Ergebnis geführt hat. Trotz mehrerer Wahlgänge. Die Philharmoniker wollen nun innerhalb eines Jahres wieder zu einer Wahl für einen Nachfolger von Sir Simon Rattle zusammenkommen. Und die internen Diskussionen fortsetzen. An diesem Montag fällt der weiße Rauch aus.

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