Berliner Philharmoniker

Drei Optionen gibt es für die Wahl des Chefdirigenten

Wenn die Berliner Philharmoniker am 11. Mai den Nachfolger von Simon Rattle wählen, entscheiden sie auch darüber, was sie bewahren und was sie erneuern wollen.

Foto: Reto Klar

Auf den ersten Blick mag es etwas früh erscheinen, darüber nachzudenken, was von der Ära Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern zurückbleiben wird. Schließlich hört der Chefdirigent erst 2018 auf. Aber wenn die Musiker am 11. Mai seinen Nachfolger wählen, werden sie sich genau diese Frage beantworten müssen. Was soll der Neue fortführen, und was hat sich im künstlerischen Alltag als unwichtig herausgestellt? Als der Brite Rattle im Jahr 2002 antrat, herrschte zunächst große Verzückung in Berlin. Ein dynamischer Wuschelkopf war ans Pult getreten, fotogen, strahlend, Zukunft versprechend. Ein Dirigent, der zugänglich wirkte. Einer, der mit einem Education-Programm Maßstäbe setzte, gar in der Arena tanzende Berliner Schulkinder am Pult begleitete.

Irgendwann wurden Misstöne im Orchester hörbar, dass ihnen der künstlerische Input nicht ausreichte. Andere wünschten sich klarere Ansagen vom Chefpult, mehr Statur in der Öffentlichkeit. Im gleichen Zeitraum haben sich die Philharmoniker in ihren eigenen Reihen erneuert und verjüngt. Darüber hinaus verwalten sich die Musiker seit der Ära Rattle in einer eigenen Stiftung mit klar in Gremien verteilten Aufgaben. Und was die Querelen mit dem egomanischen Pultherrscher Herbert von Karajan angeht, die kennen viele nur noch aus alten Erzählungen. Die Karten können also neu gemischt werden.

Drei Optionen im Gespräch

Für die bevorstehende Wahl gibt es fünf denkbare Optionen, drei davon haben offenbar bei den Philharmonikern starke Fraktionen. Da sind zunächst die großen alten Maestri. Sie haben den Vorteil, dass sie Weltstars und künstlerisch unbestritten sind. Bei ihnen weiß ein Orchester, was es bekommt und was nicht. Die Philharmoniker können sich mit einem großen Namen schmücken. Das ist verführerisch in einem internationalen Klassikreisemarkt, der marketingtechnisch von eingeführten Namen lebt. Zu den Altmeistern gehören Daniel Barenboim, 72, Mariss Jansons, 72, Riccardo Muti, 73, aber auch Zubin Mehta, 79. Daniel Barenboim hat am Montag bei der Jahrespressekonferenz seiner Staatsoper Unter den Linden laut versichert, er sei kein Kandidat. Die Philharmoniker nehmen solche Absagen gelassen. Das gehört mit zum Verwirrspiel. Was soll ein Dirigent auch auf die Frage antworten? Letztlich gilt, was er antwortet, falls ihn am 11. Mai der Anruf erreicht.

Dennoch ist die Wahl eines Altmeisters nicht unkompliziert. Die Philharmoniker haben bislang immer versucht, sich längerfristig zu binden. Herbert von Karajan war 34 Jahre lang Chefdirigent, Claudio Abbado zwölf Jahre, Sir Simon Rattle wird es auf 16 Jahre bringen. Bei den über 70-Jährigen ist von einer Vertragslänge von fünf bis sieben Jahren auszugehen. In der Öffentlichkeit wird das gern als die Übergangslösung bezeichnet – bis die nächste Generation herangereift ist. Diese Einordnung wird vom Philharmoniker-Vorstand zurückgewiesen, denn auch eine kurze Ära kann die Krönung eines Lebenswerks bedeuten. Und die Philharmoniker schmücken.

Besucher wollen jungen Chefdirigenten

Zu Simon Rattles wichtigsten Hinterlassenschaften wird das unverzopfte, weltoffene Image der Philharmoniker gehören. Rattles Wahl war Ende der 90er-Jahre eine Entscheidung für Aufbruch, Neugierde und auch ein bisschen Außenseitertum. Das Image ist mächtig. In einer Besucherumfrage des Rundfunk Berlin-Brandenburg und der Berliner Morgenpost bei zwei Philharmoniker-Konzerte stellte sich heraus, dass sich mehr als die Hälfte der Konzertliebhaber einen jungen Chefdirigenten wünschen. Aus einer Shortlist wurden Andris Nelsons, 36, und Gustavo Dudamel, 34, auf die Spitzenplätze gewählt. Sie wären in ihrer energiegeladenen Erscheinung eindeutig die Erben von Sir Simon.

Zu den jüngeren Kandidaten zählen auch Yannick Nézet-Séguin, 40, und Kirill Petrenko, 42. Der in München engagierte Petrenko hat sein letztes Konzert bei den Philharmonikern aus Krankheitsgründen abgesagt. Oder besser gesagt: Er war einfach abgereist. Das Orchester erfuhr es durch das Hotel. Es hat die Frage nach der Zuverlässigkeit von Chefdirigenten aufgeworfen, denn kein Spitzenorchester will sich Absagen zumuten. Überhaupt scheuen viele das Risiko, sich mit einem allzu unerfahrenen Chefdirigenten einzulassen. Keiner kann voraussagen, wo der Zug künstlerisch hingeht und wie der Neue mit den selbstbewussten Musikern umgeht.

Christian Thielemann ist die Nummer eins

Es gibt Stimmen, die sich einen im Künstlerischen wie im Erscheinungsbild starken Chefdirigenten im besten Alter wünschen. Dann ist sofort die Rede von Christian Thielemann, 56. Intern wird es gern die deutsche Lösung genannt. Nach einem italienischen und einem britischen Chefdirigenten wäre seine Wahl gewissermaßen die Rückkehr in die Traditionslinie von Wilhelm Furtwängler und Karajan. Sicherlich gibt es auch andere deutsche Dirigenten in dieser Generation. Aber Ingo Metzmacher, steht zuerst für die Zeitgenössische Musik, Thomas Hengelbrock, 56, hingegen hat eine Leidenschaft für die historische Aufführungspraxis. Thielemann ist hierzulande künstlerisch unbestritten die Nummer eins. Allerdings gehört er zu jenen, die das Publikum am meisten polarisieren. Das müssten die Philharmoniker ausgleichen. Bemerkenswerterweise sind Stardirigenten in der Generation 50plus rar. Das macht die vierte Option, einen gestandenen Chefdirigenten international zu finden, unwahrscheinlich. Zu nennen wären immerhin der Italiener Riccardo Chailly, 62, und der Este Paavo Järvi, 52.

Unter den Favoriten keine Frau

Es gibt 19 Philharmonikerinnen. Erst spät hat sich das Orchester den Frauen geöffnet. Und es sind im Vergleich zu anderen Orchestern immer noch wenige. Die Klassik ist traditionell von Männern dominiert, aber längst werden überall Veränderungen spürbar. Es gibt mehr Musikerinnen, mehr Komponistinnen. Auch bei der bevorstehenden Wahl wurden bekannte Dirigentinnen als eine Option diskutiert. Aber viele können sich das für die Philharmoniker im Moment nicht vorstellen. Immerhin wurde der Name von Simone Young, 54, in der Besucherbefragung mehrfach genannt. Zu erwähnen sind Emmanuelle Haim, 52, und Susanna Mälkki, 46. Und wenn etwas von Rattles Ära weiterlebt, dann sind es Qualitäten in Kommunikation oder Vermittlung. Das spielt, so viel Klischee muss sein, irgendwann den Dirigentinnen zu.