Ob Philharmoniker eine schlaflose Nacht vor der Wahl haben? Am heutigen Montag geht es schließlich um etwas, was ihre künstlerische Zukunft betrifft. Das Berliner Spitzenorchester wird sich, dabei weltweit aufmerksam beobachtet, einen neuen Chefdirigenten wählen. Es geht um den Nachfolger von Sir Simon Rattle, der 2018 sein Amt aufgibt. Die Wahl wird immer gern mit einer Papstwahl verglichen. Zweifellos haftet ihr etwas Geheimnisvolles an. Die 124 wahlberechtigten Musiker trafen sich um 10 Uhr in der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem, und sie mussten ihre Handy auslassen.

Kein Außenstehender sollte erfahren, was sich im innersten Zirkel alles abspielte. Schließlich geht es um eine international wichtige Personalie, zumal die Berliner Philharmoniker, was einzigartig ist, ihren Chefdirigenten alleine wählen können. Um im Papstbild zu bleiben, die Musiker sind die Kardinäle, die das neue Oberhaupt der Klassikwelt küren.

Für 14 Uhr war die Verkündung des Ergebnisses angekündigt. Zahlreiche Journalisten versammelten sich vor der Kirche. Selbst dieser Ort war ja zunächst geheim gehalten worden. Doch 14 Uhr kam und ging.

Kurz darauf wurde verkündet, es sei ein weiterer Wahlgang nötig. Das Ergebnis werde für 16 Uhr erwartet. Doch auch dann gab es keinen neuen Stand. Die nächste Information wurde für 17 Uhr angekündigt. Da wurde die erneute Verschiebung der Pressekonferenz auf 18.30 Uhr verkündet - und diese dann pünktlich auf 19 Uhr verschoben. Zu dem Zeitpunkt hieß es, man diskutiere immer noch heiß. „Es kann spät werden.“ Viele Journalisten räumten gegen 20 Uhr das Feld.

Mehr Päpste als Chefdirigenten

Der Vergleich mit dem Papst hinkt damit doppelt: Der Vatikan hatte in den letzten hundert Jahren einen deutlich höheren Verschleiß an Päpsten als die Berliner „Orchesterrepublik“ an Chefdirigenten - und wählte die jeweiligen Nachfolger bisweilen schneller. Die Philharmoniker, die sich 1882 aus Unmut gegenüber ihrem geizigen Arbeitgeber gegründet hatten, wählen sich jetzt gerade mal den siebten Chefdirigenten. Der Neue steht in Reihe mit Hans von Bülow, Arthur Nikisch, Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan, Claudio Abbado und Simon Rattle. Darüber hinaus gab es Interimsleiter wie den Russen Leo Borchard, der die Philharmoniker bereits im Mai 1945 wieder zusammen führte, aber im August tragischerweise von einem amerikanischen Soldaten bei der Einfahrt in den amerikanischen Sektor erschossen wurde.

Auch der folgende Rumäne Sergiu Celibidache blieb ein Mann des Übergangs, bis 1952 das Orchester für Herbert von Karajan votierte. Karajan blieb 34 Jahre im Amt, Abbado zwölf und Rattle wird auf sechzehn kommen. Die Philharmoniker pflegten bislang keine schnellen Beziehungen.

Aus 30 bis 40 Dirigenten wird ausgewählt

Die philharmonische Treue und Vertrautheit wird wohl auch bei der Wahl eine Rolle spielen. Der Neue wird aus einem Pool von 30 bis 40 Dirigenten gewählt, die regelmäßig am Pult der Philharmoniker stehen. Mit Daniel Barenboim, einem der Kandidaten, gibt es bereits eine über 50-jährige Verbindung. Seine Name fiel bereits in den letzten beiden Wahlen, aber er war als Favorit am Ende gescheitert. Bei der Wahl von 1989, in der schließlich der Italiener Claudio Abbado als Außenseiter siegte, war es noch üblich, mögliche Kandidaten vorher unverbindlich anzufragen. Das sorgte für Misstöne nach der Wahl. Der enttäuschte Lorin Maazel sagte seine weiteren Konzerte ab.

Diskretion haben sich die Philharmoniker deshalb verordnet. Und Orchestervorstand Peter Riegelbauer versichert, dass mögliche Dirigenten vorher nicht mehr angefragt werden. Schließlich könne man ja auch keine Frau fragen, ob sie ja sagen würde, falls man sie fragen würde. Inzwischen ist aber von Agenturen, die große Dirigenten betreuen, zu vernehmen, dass es schon gewisse Anfragen zur Situation gab. Irgendwie wäre es auch peinlich, wenn am Montag der Gewählte plötzlich nein sagt und das ganze Prozedere wiederholt werden müsste.

Nelsons hätte gern eine Oper über die Chefdirigenten-Wahl

Der Lette Andris Nelsons, einer der Favoriten, sagte in einem Interview, dass man eine Oper über die Chefdirigenten-Wahl schreiben müsste. So mit all den Verwicklungen und Intrigen. Er selbst hatte im letzten Sommer einer deutschen Tageszeitung mitgeteilt, dass er sich für die Berliner Philharmoniker noch zu jung fühle. Außerdem gehe es ihm in Boston blendend. Bald darauf dementierte er seine Absage in der „New York Times“ und brachte sich damit wieder ins Berliner Rennen.

Es gab im Vorfeld einige verwirrende Dinge rund um die Favoriten. Erst am Freitag teilte man in München stolz mit, dass Mariss Jansons, 72, seinen Vertrag beim Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks bis 2021 verlängert habe. Die Orchesterversammlung fand kurz zuvor statt. Offenbar hatten die Musiker kalte Füße bekommen, dass sie Jansons nach Berlin verlieren könnten. Wobei unklar bleibt, inwieweit bestehende Verträge und Versprechen überhaupt eine Bedeutung haben. Jeder große Dirigent ist irgendwie gebunden. Es gilt das Wort, das der Gewählte sagt, wenn ihn die Philharmoniker am Montag anrufen.

Auch der 72-jährige Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden, hatte kürzlich auf der Jahrespressekonferenz erklärt, dass er kein Kandidat sei. Eine andere Art von Statement gab der Münchner Generalmusikdirektor Kirill Petrenko ab, als er vor seinen zuletzt geplanten Konzerten morgens aus Berlin abreiste und die Philharmoniker davon durch das Hotel erfuhren.

Eine leidenschaftliche Wahl

Es wird eine leidenschaftliche Wahl werden, heißt es hinter den Kulissen. Innerhalb der Philharmoniker gibt es drei große Fraktionen, die ihre Konzepte und Kandidaten durchsetzen wollen. Viele Musiker favorisieren namhafte Maestri, andere die jungen, dynamischen Dirigenten. Nicht zuletzt gibt es viele, die mit Christian Thielemann wieder von einem deutschen Pultstar geführt werden wollen.

An der Philharmonie hatten die Berliner Morgenpost und der Rundfunk Berlin-Brandenburg am 24. und 25. April Konzertbesucher nach ihrem Favoriten befragt. Demnach wünscht man sich mehrheitlich einen jungen Chefdirigenten. 1318 Konzertbesucher hatten abgestimmt: Ein Drittel setzt auf Andris Nelsons, 36, gefolgt von Gustavo Dudamel, 34, aus Venezuela und dem Berliner Christian Thielemann, 56.