Simon Rattle sitzt vorn links am Tisch im Hermann-Wolff-Saal. Für den Chefdirigenten ist es ein historischer Ort in der Philharmonie. In dem früheren Chorsaal hatten ihn die Philharmoniker im Februar 1998 zum Chef gewählt. Jetzt sitzt Sir Simon hier und kündigt eines seiner letzten Jahresprogramme an. 2018 verlässt er das Orchester, in wenigen Tagen, am 11. Mai, wählen die Musiker seinen Nachfolger.
Der Termin für die Jahresvorschau 2015/16 ist unglücklich gewählt. So kurz vor der Wahl wollen alle mehr über das geheimnisvolle Wahlunterfangen wissen. Aber auf Seiten der Philharmoniker will man sich weitgehend um die Fragen drücken. Die Themen der kommenden Saison hingegen interessieren, zumindest in diesen Tagen, die meisten Anwesenden weniger.Ganz am Ende wird kurz und bündig einiges zum Wahltag mitgeteilt. Demnach wird der Wahlort, an dem sich die 124 wahlberechtigten Philharmoniker versammeln, voraussichtlich erst am Wahltag selbst bekannt gegeben. Das Ergebnis, also der Name des neuen Chefdirigenten, wird allen angemeldeten Medienvertretern gleichzeitig per Mail mitgeteilt. So werden auch die ersten Gespräche mit dem Orchestervorstand vermittelt.
Auf dem Podium im Wolff-Saal, in dem die Jahrespressekonferenz kleinerem Kreis stattfindet, sitzt auch Orchestervorstand Ulrich Knörzer. Er wird gefragt, ob denn die vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) und der Berliner Morgenpost am Freitag und Sonnabend durchgeführte Befragung des Publikums der Philharmoniker, aus dem der junge Dirigent Andris Nelsons als Favorit hervorging, eine Auswirkung hätte? Knörzers Gesichtsausdruck vermittelt, dass er mit dieser Frage gerechnet hat und sie ihm irgendwie unangenehm ist. Nun rechnet kein Mensch damit, dass er fröhlich sagen würde, ja, wir haben uns spontan entschlossen, ihn zu wählen. Knörzer sagt also, was von ihm als Vorstand erwartet wird, dass die Befragung „keine Rolle spielt“. Schwer zu sagen, ob man einfach über sein Publikum hinweggehen kann.
Plattenverträge seien zweitrangig
In einer Frage wird mit Konzertabsagen großer Dirigenten gerechnet, die beleidigt sein könnten, wenn sie nicht gewählt werden. Schwer beleidigt war Lorin Maazel, als 1998 Claudio Abbado gewählt wurde. Knörzer erklärt, dass man damals vorab mit den Dirigenten gesprochen hatte. „Wir sind heute überzeugt, dass das falsch war. Wir wollen niemanden beschädigen.“ Man gehe „ganz diskret und neutral“ in die Wahl, hieß es am Dienstag.
Zum Profil des neuen Chefdirigenten sagt beiläufig Medienvorstand Olaf Maninger etwas. Da geht es um die Beethoven-Gesamtausgabe, die in zwei Jahren im neuen eigenen Philharmoniker-Label veröffentlicht werden soll. Demnach wäre es heute nicht mehr wichtig, dass hinter einem Chefdirigenten eines der großen Plattenlabel steht? „Das gehört ins Reich der Legenden“, versichert Maninger. Plattenverträge seien immer zweitrangig gewesen, sagt er. Bei 100 Konzerten im Jahr sei es wichtiger, sich gut zu verstehen. Und „der Neue muss Energie ins Orchester bringen. Das sei Aufgabe genug“.
Simon Rattle wirkt völlig entspannt
Sir Simon hört alledem lächelnd und völlig entspannt zu. „Willkommen im britischen Wetter!“, hat er die Runde begrüßt. Er spricht über seinen neuen Zyklus mit den neun Sinfonien von Beethoven an. Damit gehen die Philharmoniker auch auf Konzertreise unter anderem nach Paris, Wien, New York, Taipeh und Tokio. Außerdem studiert das Orchester Wagners Oper „Tristan und Isolde“ für die Osterfestspiele in Baden-Baden ein. Rattle kündigt mit Peter Sellars erstmals einen Regisseur als Artist in Residence an. Mit Sellars hatte er gemeinsam die Bach-Passionen halbszenisch aufgeführt. Ein weiterer Saison-Schwerpunkt ist französische Musik. Simon Rattle wird in der Saison 30 Konzerte und 6 Opernaufführungen in Berlin dirigieren. Dazu kommen die Beethoven-Tourneen.





