Chefdirigenten-Wahl

Mariss Jansons - „Die Philharmoniker sind absolut fantastisch“

Am Montag wählen die Philharmoniker ihren neuen Chefdirigenten. Ein Kandidat, Mariss Jansons, dirigiert die letzten Konzerte vor der Wahl. Schnell noch hat sein Münchner Orchester seine Verlängerung bis 2021 verkündet

Foto: Andreas Gebert / dpa

Mariss Jansons, 72, dirigiert am Wochenende in der Philharmonie die beiden letzten Konzerte vor der Wahl des neuen Chefdirigenten. In München, wo der Lette das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks leitet, haben seine Musiker kalte Füße bekommen. Und so wurde schnell noch am Freitag Jansons Vertragsverlängerung bis 2021 verkündet. Schwer zu sagen, ob das die Philharmoniker beeinflusst. Alle großen Dirigenten sind irgendwo in Amt und Würden oder jemandem versprochen. Jansons gilt als ein Kandidat für Simon Rattles Nachfolge. Das weiß er, als Favorit sieht er sich hingegen nicht. Jetzt im Konzert dirigiert er Werke von Bartók, Ravel und Schostakowitsch.

Berliner Morgenpost: Bei den Philharmonikern standen Sie zuletzt im Juni 2012 am Pult. Warum diese lange Pause?

Mariss Jansons: Ich war sehr beschäftigt mit meinen Konzertreisen und mit anderen Orchestern. Und einmal war ich krank und musste absagen.

Wegen Ihrer Herzprobleme? Wie geht es Ihnen jetzt?

Sehr gut. Ich fühle mich wie ein neuer Mensch.

In Berlin war Ihr erster großer Erfolg 1971 der Sieg des Karajan-Wettbewerbs.

Ich erinnere mich gut. Im Schlusskonzert habe ich als Preisträger die Berliner Philharmoniker dirigiert. Karajan war mit im Saal. Er hat mit uns Preisträgern gesprochen und war sehr nett. Wir haben seine Probe von Strawinskys „Sacre du printemps“ besucht und auch das Konzert. Das war für mich als junger Dirigent eine wunderbare Zeit.

Haben Sie damals über den Dirigententypus Karajan nachgedacht?

Nein, eigentlich nicht. Karajan hat auf uns einfach einen großen Eindruck gemacht. Er war mit den Philharmonikern in St. Petersburg, ich habe ihn in Salzburg erlebt, wo ich 1969/70 sein Assistent war. Ich habe ihn als Student in Wien erlebt. Ich war begeistert von ihm. Und er hatte einen großen Einfluss auf mich.

Aber an Ihrem Dirigierstil oder auch Klangbild ist es nicht zu erkennen?

Äußerlich muss jeder Dirigent seinen eigenen Stil finden. Das Kopieren und Nachmachen ist nicht gut. Es gibt Leute, die schauen auf andere Dirigenten und übernehmen deren Bewegungen. Das führt aber zu einer Künstlichkeit und wirkt oft etwas verkrampft. Kann sein, dass ich ein oder zwei Gesten übernommen habe, die Karajan oder anderen Dirigenten ähnlich sind. Aber die Bewegungen am Pult müssen aus einem selbst kommen.

Das Exaltierte liegt Ihnen eigentlich nicht?

Warum nicht? Aber ich kann mich selber nur schwer beurteilen, weil ich mich ja nicht sehe, wenn ich dirigiere. Natürlich könnte ich mir Konzertmitschnitte anschauen. Aber das mag ich nicht. Ich bin dann immer so unzufrieden, und wer will sich schon selber schlechte Laune bereiten? Aber was die Klang- und Interpretationsprinzipien angeht, da habe ich vieles von Karajan gelernt.

Seit 1976 gastieren Sie bei den Philharmonikern. Und Sie haben weltweit die größten Orchester dirigiert: Wo rangieren die Berliner?

Die stehen ganz oben an der Spitze. Ich liebe dieses Orchester. Die Musiker sind nicht nur absolut fantastische Instrumentalisten, sie sind echt leidenschaftlich. Ihr künstlerischer Einsatz ist unglaublich. Es ist mir jedes Mal eine Freude, mit dem Spitzenorchester zu musizieren.

Nach wie vor erwartet man, dass russische Komponisten am besten von russischen Orchestern gespielt werden, Ravel am besten von Franzosen, Bartók von den Ungarn.

Das ist nicht mehr so. Obwohl: Französische Musik ist sehr spezifisch und schwierig aufzuführen. Es gibt nur wenige Orchester, die wirklich französische Musik spielen können. Aber ich kann nicht sagen, dass es die französischen Orchester besser beherrschen als andere. Überhaupt ist es in der Musik schwer zu sagen, wer das beste und das zweitbeste Orchester ist. Es ist kein Sportwettkampf. Heutzutage hängt vieles am speziellen Konzert, am Programm, der Tagesform, dem Dirigenten. Aber bei den Spitzenorchestern ist es so, dass sie ein riesiges Repertoire haben und alles auf hohem Niveau spielen können.

Sie benutzen den Begriff Spitzenorchester. Wie viele gibt es denn davon weltweit: zehn, 20, 50?

So viele gibt es nicht. In Europa würde ich Berlin, Wien, hmm, Amsterdam, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, die Dresdner Staatskapelle nennen. Das sind die fünf Spitzenorchester für mich. Darüber hinaus gibt es sehr viele gute Orchester. Überhaupt ist das Niveau heutzutage sehr hoch.

Sie wurden 1943 in Riga geboren, kamen jung nach Leningrad. Heute hört man von Konflikten auch zwischen baltischen Künstlern und Russland. Erleben Sie etwas davon?

Die Künstler, mit denen ich zusammen arbeite, haben keinen Konflikt mit Russland. Wenn wir von Konflikten reden, dann geht es mehr um politische Konflikte. Die haben aber nichts mit uns Künstlern zu tun. Die meisten Künstler wollen sich nicht in die Politik einmischen. Das ist auch mein Prinzip. Ich möchte nichts Politisches kommentieren, mir ist die Musik wichtig. Ich fühle mich als Kosmopolit. Ich dirigiere in der ganzen Welt und habe überall Freunde.

Sie leben in St. Petersburg. Was sind Sie im Herzen, ein Lette oder eine Russe?

Eine gute Frage. Lettisch ist meine Muttersprache, und ich glaube, meine Mentalität ist dem Lettischen nahe. Aber ich habe sehr lange in Russland studiert und gelebt. Die besten Qualitäten im Verhältnis zwischen Menschen, die habe ich aus dem Russischen genommen. Aber ich denke nicht darüber nach, wer ich bin. Ich bin ein Lette der Petersburger Dirigentenschule. Die Ausbildung war fantastisch.

Im Konzert dirigieren Sie Schostakowitsch. Haben Sie persönliche Erinnerungen an Ihn?

Natürlich habe ich ihn gekannt. Aber ich war noch ganz jung, so 14, 15 Jahre alt.

War Ihr Vater Arvids, der die Leningrader Philharmoniker dirigierte, mit ihm befreundet?

Mein Vater hat seine Werke oft dirigiert, wie ich später auch. Ja, mein Vater hat eine schöne Beziehung zu Schostakowitsch.

In der Stalin-Zeit lebte Schostakowitsch in Todesangst. Gab es in Ihrer Familie auch diese Angst?

Ja. Die Angst steckte in jedem. Keiner hat sich wohl gefühlt. Die ganze Atmosphäre war voller Angst. Das gehörte zu unserem Leben.

Wie haben Sie das bei Schostakowitsch wahrgenommen?

Seine Angst wurde ein Teil seiner Musik. Aber Musik ist immer abstrakt. Wenn er als Schriftsteller gearbeitet hätte, dann wäre es für ihn noch gefährlicher geworden. Seine Musik offenbart Gefühle, aber man konnte sie immer abstreiten.

Als Münchner Chefdirigent stecken Sie in einem unendlichen kulturpolitischen Kampf um einen neuen Konzertsaal fest. Können Sie das Thema überhaupt noch hören?

Oh ja. Ich kämpfe weiter um einen neuen Konzertsaal. Ich kann nicht aufgeben. Ich habe zehn Jahre meines Lebens damit verbracht, war ein Vorkämpfer. Gerade jetzt haben wir wieder neue Hoffnung geschöpft, dass die Politiker es verstehen werden und einen neuen Konzertsaal bauen lassen. Für den Kampf opfere ich meinen letzten Tropfen Blut.

Das klingt jetzt aber sehr russisch.

Ja. (lacht)

Sie dirigieren die beiden letzten Konzerte vor der Nachfolgerwahl der Philharmoniker. Haben Sie kein seltsames Gefühl dabei?

Ich denke gar nicht daran. Meine Aufgabe ist es immer, ein gutes Konzert zu machen. Ob vor dem 11. Mai oder danach. Da besteht keine Verbindung.

In der Philharmonie sind beide Abende ausverkauft. Das Konzert am Sonntag wird live ab 19:30 Uhr in folgende Kinos übertragen: Kino in der Kulturbrauerei, Cubix Filmpalast, CineStar im Sony-Center, Cineplex Titania und CineStar Tegel