Film

Frederick Lau - Selbstverschwender aus Überzeugung

Der 25-Jährige gehört zur ersten Liga jüngerer deutscher Filmschauspieler. Gerade hat er einen einzigartigen Lauf. Ein Film nach dem anderen beweist seine unglaubliche Wandelbarkeit. Ein Treffen in seinem Steglitzer Kiez.

Foto: Ricarda Spiegel

Kann ja jedem mal passieren. Eigentlich sollte Frederick Lau vor kurzem in der Volksbühne auftreten. Gemeinsam mit dem Regisseur Oskar Roehler und den Schauspielkollegen Sophie Rois und Alexander Scheer sollte er an einer Leseperformance zu Roehlers Buch „Mein Leben als Affenarsch“ teilnehmen. Lau war auch sehr aufgeregt: weil es für den Filmschauspieler der erste Auftritt auf einer Bühne gewesen wäre. „Und gleich an der Volksbühne!“ Aber dann hat er die Termine durcheinandergebracht. Er glaubte, die Lesung sei erst Montag. Als er am Sonntag nicht zur Probe erschien, stellte sich heraus: Er war in Paris. Er drehte dort einen Kurzfilm, „La deutsche vita“ von Nicolas Clasen. Ein Freundschaftsdienst. Roehler war wohl etwas angesäuert. Das Bühnendebüt steht erst mal noch aus.

Jetzt sitzt uns Frederick Lau ganz entspannt gegenüber. Im Café Feuerbach in Steglitz. Seinem Kiez. Auf der Sonnenterrasse. Die Baskenmütze, mit der er kaum zu erkennen ist, legt er ab. Den Kaugummi nimmt er vor dem Interview aus dem Mund. Dann bestellt er erst mal einen Espresso. Weil „der Tag seine Zähne zeigt“. Das sagt er, wohlgemerkt, um 13 Uhr.

Ein Film nach dem anderen

Frederick Lau hat gerade das, was man einen Lauf nennt. Der 25-Jährige steht bereits vor der Kamera, seit er zwölf ist. Seinen Durchbruch hatte er 2008 mit „Die Welle“, für die er gleich eine Lola bekam. Seither gehört er zur ersten Garde des Deutschen Films. Derzeit aber kommen seine neuen Werke fast in Serie: Auf der Berlinale begeisterte er in „Victoria“ von Sebastian Schipper, diesem grandiosen rohen Berlin-Film, in dem die jungen Schauspieler zweieinhalb Stunden ohne jeden Schnitt, ohne jede Pause alles spielen mussten, von ausgelassener Party über Verliebtsein bis zu Banküberfall und Todesangst. Ein mimischer Parforceritt.

Gleich nach der Berlinale kam Anika Deckers Erfolgskomödie „Traumfrauen“ ins Kino, wo er einmal ganz gegen seinen Typ als Lover besetzt war. Dann startete Oskar Roehlers 80er-Jahre-Berlin-Film „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“, eine Adaption seines „Affenarsch“-Buchs, das, wie immer bei Roehler, etwas ganz Rohes, Schräges war und in dem Lau einen schwulen Nazi spielt, mit Pickel und Lederkluft. Am 2. April sollte eigentlich „Starfighter – Sie wollten den Himmel sehen“ gesendet werden. Der Fernsehfilm über die skandalöse Absturzserie jenes Kampfflugzeugs wurde aber wegen der Germanwings-Katastrophe auf einen späteren Termin verlegt. Gerade war er auf dem „Achtung Berlin“-Festival in „Nachspielzeit“ zu sehen, einem Kreuzköllndrama, in dem er sich als prolliger Ausländerfeind ein Scharmützel mit einem Türken liefert. Und nächste Woche präsentiert er in Berlin schon wieder ein neues Werk als „Kick Off Event“ in der Bar Muschi: „Wie Männer über Frauen reden“.

„Wie soll ich dit meenen Kumpels erklären?“

Ganz schön viel Lau auf einmal. Mal Komödie, mal Drama, mal Mainstream, mal Underground. Er scheint alle Genres mühelos bedienen zu können. Dass sich das so bündelt, ist natürlich Zufall. Aber, sagt der Berliner, auch ein Geschenk: „Wenn das so geballt kommt, sehen die Leute ganz direkt, wie unterschiedlich du spielen kannst.“ Bei der Roehler-Figur hat er erst mal schlucken müssen, ob er das wirklich annehmen soll: „Wie soll ick denn dit meenen Kumpels erklären?“, berlinert er ironisch. Aber seine Frau hat das Drehbuch gelesen und gemeint: „Du musst das spielen!“ Das sieht er auch so: Als Schauspieler muss man auch spielen, was einem nicht so nahe liegt. Das sei geradezu eine Berufs-Verpflichtung.

Besonders stolz ist er auf „Victoria“, der am 11. Juni ins Kino kommt. Weil das eine einzigartige Herausforderung war. Da kann der junge Mann ganz hitzig werden. Er könne schon verstehen, wenn so viele Leute keine deutschen Filme sehen. Weil die meisten so brav seien. So angepasst. Und weil so viele Förderer reinquatschen. „Dann siehst du Filme aus Dänemark, die haben Eier. Das ist rough, das ist ehrlich, da wird man ganz neidisch.“

Lau spielt Lau nie

Auch hierzulande müsste man sich viel mehr trauen. Und wäre da bei Lau an der richtigen Adresse: Der wagt gern. Und gibt alles. Lau spielt Lau nie. Er ist eines der interessantesten Gesichter, dass das deutsche Kino derzeit zu bieten hat. Wo er die Kraft hernimmt, auch die Wut und Verzweiflung, die so oft in seinen Figuren schwelen und explodieren, das kann er freilich auch nicht recht erklären. Wenn er was machen würde, meint er fast entschuldigend, dann halt immer ganz. Anders könne er nicht. Ein Selbstverschwender. Aus Überzeugung.

Das war schon so, als er noch Eishockey spielte. Und Judo betrieb. Wenn er mal hinfiel, stand er wieder auf. Und wollte es, jetzt erst recht, besser machen. So kam er übrigens auch zur Schauspielerei. Weil er Berliner Judo-Meister war. Und in einer Zeitung blätterte, um den Artikel über sich auszuschneiden. Leider gab es keinen. „Ich warte da heute noch drauf“, lacht er. Dafür fand er eine Anzeige für einen Filmdreh: Suchen sportlichen Jungen... Den Sport hat er inzwischen aufgegeben. Weil er ihn nicht mehr 100-prozentig machen könnte. Aber die Schauspielerei verfolgt er mit derselben Disziplin. Vielleicht ist der Schlittschuhlauf ja auch eine gute Metapher für sein Metier: Mit jeder Rolle raus aufs Glatteis. Und immer die Balance halten.

Steglitz ist sein Ruhepol

Lau, nur wenige Wochen vor dem Mauerfall geboren, ist übrigens bekennender Steglitzer. Hier ist er aufgewachsen, hier wohnt er auch heute noch. Moment mal. Ist das nicht völlig uncool? Müssen junge, hippe Schauspieler nicht alle in Mitte oder Friedrichshain wohnen? „Hab ich auch gehört“, grinst er. Aber neulich sei er für ein Casting nach Pankow gefahren und habe wieder einmal gemerkt, dass das ganz schön weit weg sei. Wie eine andere Stadt. „Ich bin in Steglitz geblieben, weil es mir hier gefällt. Das ist wie ein Ruhepool. Ein Nach-Hause-Kommen.“

Das genießt er umso mehr, weil er mit seiner Freundin, der zehn Jahre älteren TV-Moderatorin Annika Kipp, seit knapp einem Jahr ein Töchterchen hat. Dort im Grünen zu wohnen und doch mitten in der Stadt, sei eigentlich ideal. Vielleicht ist es ja genau das, was den Selbstverschwender nach seinen Filmexzessen herunterbringt: das neue Familienleben, das Geerdet-Sein im alten Kiez.