Das sagt sich ja immer so leicht. Dass ein Film ganz persönlich ist. Dass er gar der persönlichste ist. Wenn es danach ginge, hat Margarethe von Trotta immer nur persönlichste Filme gedreht. Von jeher hat die Filmemacherin das Spannungsverhältnis starker Frauen interessiert, von Anfang an hat sie das anhand Schwestern erzählt, in „Schwestern oder die Balance des Glücks“ (1979), „Die bleierne Zeit“ (1981) oder „Fürchten und lieben“ (1988). Ein Thema, das sie wohl unbewusst umgetrieben hat. Denn erst nach dem Tod ihrer Mutter hat die Regisseurin erfahren, dass sie selbst eine Schwester hat, die zur Adoption freigegeben worden war. Ein Geheimnis, das ihre Mutter mit ins Grab genommen hatte. Bis sich plötzlich eine 15 Jahre ältere Frau per Brief bei ihr gemeldet hat.

Genau von einer solchen Schwesternfindung handelt nun von Trottas neuester Film „Die abhandene Welt“, die auf der Berlinale uraufgeführt wurde und jetzt in die Kinos kommt. Und wie als Faustpfand für den persönlichsten persönlichen Film hat von Trotta dabei ihre zwei Stammschauspielerinnen Barbara Sukowa („Rosa Luxemburg“, „Hannah Arendt“) und Katja Riemann („Rosenstraße“, „Ich bin die andere“) erstmals vereint. Katja Riemann spielt eine Jazzsängerin, Sophie, die in ihrem Beruf nicht ganz so erfolgreich ist und ihre Brötchen eher mit freien Trauungszeremonien verdient. Eines Tages stößt ihr Vater (Matthias Habich) im Internet auf das Foto einer Frau, die seiner verstorbenen Gattin verblüffend gleicht. Auch Caterina ist Sängerin, allerdings im Opernfach. Und wesentlich erfolgreicher. Da der Vater schon zu alt ist, schickt er seine Tochter nach New York, wo die Fremde an der Met singt.

Abwehr und Annäherung

Das ist vielleicht der einzige Schwachpunkt des Films. Wenn die Diva so berühmt ist, wäre man ihrem Konterfei auch in Deutschland wohl schon früher begegnet. Aber das ist eine zu vernachlässigende Bagatelle. Immer bei der Trotta gelingt die Aufarbeitung von Geschichte, auch der persönlichen, im Umweg über die Fremde. Auch in „Rosenstraße“ führte der Weg über die USA. Hier spiegeln sich also gleich mehrere Motive aus dem Trottaschen Oeuvre.

Und da sitzen sie sich nun gegenüber, die ungleichen Frauen. Beäugen und beschnuppern sich. Die Ältere will erst nichts hören von der anderen. Sie hat eine Mutter, auch wenn diese dement ist und nur selten Lichtblicke hat. Sophie sucht diese Frau (die große Karin Dor in einer ihrer seltenen Altersrollen) auf, und auch das ist wieder eine ganz persönliche Szene. Denn auch die Trotta hatte sich lange nicht für die Geschichte ihrer Mutter interessiert, als sie es doch tat, war es fast zu spät, weil es schon schlechter wurde mit dem Gedächtnis. Sie hatte die Mutter damals gebeten, alles aufzuschreiben. Die schaffte es bis zu dem Punkt, wo es um die Geburt der ersten Tochter gegangen wäre, und hörte da auf.

Wo die Kommunikation versagt, wo das Verdrängen beginnt, da müssen andere Zeugen aufgerufen werden. Immer wieder werden deshalb in diesem Film Briefe und Kästchen mit alten Fotos geöffnet. Und damit auch alte Wunden aufgerissen. Die Sicherheit, die bisherige Welt geht den Figuren dabei abhanden.

Seelenverwandtschaft auch beim Singen

Es ist eine große Kunst, wie Margarethe von Trotta ihre Geschichte so erweitert, dass sie eine allgemeingültige wird. Und wie sie sie ihren Leib- und Magen-Schauspielerinnen auf den Leib schreibt. Katja Riemann ist ja seit dem Musikfilm „Bandits“ auch singend unterwegs. Und Barbara Sukowa hat sich ebenfalls eine Zweitkarriere als Sängerin geschaffen, nicht ganz bis zur Operndiva, aber doch bis ins klassische Fach mit Schubert und Schönberg. Ihre Seelenverwandtschaft dürfen sie sich also auch durch ihr Gesangstalent erspielen.

Und es ist überraschend und erfrischend, wie diese beiden großen Schauspielerinnen hier einmal gegen ihren Typus besetzt sind. Nicht Katja Riemann ist hier die Kratzbürste, die kalt Abweisende, Neurotische, sondern Barbara Sukowa, die sonst eher die gutmütig-mütterlichen Parts innehat.

Schauspielerführung ist von jeher die große Stärke der Trotta, die selbst als Schauspielerin begann. Und das Gespann Riemann-Sukowa funktioniert ganz prächtig. Dass die Regisseurin deren große Gefühlsmomente dann doch eher ein wenig zähmt, erklärt sich wohl aus dem Umstand, dass dies ein persönlichster persönlicher Film ist.

Peter Zander