Neuer Film

Die alten Weggefährten arbeiten sich an Fassbinder ab

Am 31. Mai wäre der epochale Filmemacher 70 Jahre alt geworden. Anlass für zahlreiche Veranstaltungen in Berlin. Den Auftakt zu diesen Fassbinder-Festspielen macht nun der Dokumentarfilm „Fassbinder“.

Foto: Realfiction / Copyright: Rainer Werner Fassbinder Foundation

Ein geradezu historischer Moment. Da stehen sie noch einmal, die großen Fassbinder-Diven Hanna Schygulla, Margit Carstensen und Irm Herrmann. Mit auf der Bühne aber, und das macht es noch historischer, steht auch Juliane Lorenz. Die Chefin der Fassbinder-Foundation, deren ewiges Verdienst es ist, das Oeuvre des Meisters bewahrt und wieder zugänglich gemacht zu haben. Hätte sie nur nicht diesen fatalen Hang, sich zur letzten Instanz in Sachen Rainer Werner Fassbinder zu stilisieren. Das hat in der Vergangenheit zu einem hässlichen Streit um die Deutungshoheit geführt. Jetzt aber stehen die Damen alle tapfer in der Volksbühne. Lediglich mit einem Jugendfreund Fassbinders zwischen ihnen. Als Puffer.

Der Anlass: die Premiere der Dokumentation „Fassbinder“ von Annekatrin Hendel, der am Donnerstag ins Kino kommt. Fassbinder wäre am 31. Mai 70 Jahre alt geworden, dazu gibt es in Berlin eine Ausstellung und zahlreiche Veranstaltungen (siehe Kasten). Der Film eröffnet quasi diese Fassbinder-Festspiele. Kaum vorstellbar, wie es wäre, wenn der Filmemacher noch am Leben wäre. Würde er noch drehen, wäre er noch am Puls der Zeit? Oder gründet sein Mythos nicht gerade, wie bei James Dean und Marilyn Monroe, im allzu frühen Tod? Fassbinder hat sich aufgebraucht, hat in 16 Jahren sagenhafte 44 Filme und Serien gedreht, war das wichtigste Gesicht des Neuen Deutschen Films. Bevor er 1982, mit gerade mal 37 Jahren, an einem Mix aus Kokain, Tabletten, Alkohol und Überarbeitung gestorben, ja erloschen ist.

Demütigung. Lob. Lob. Demütigung

In nur wenigen Wochen, mit ähnlichen Geschwindigkeit wie Fassbinder, hat Annekatrin Hendel ihre Doku vollendet. Hat fast alle Weggefährten, die noch am Leben sind, besucht. „Ich mag das nicht mehr, schlecht über ihn zu reden“, sagt Hanna Schygulla, die Hauptmuse. „Er war sicher kein Engel. Aber auch ein Engel.“ Dabei sitzt sie am Schreibtisch, projiziert alte Filmbilder auf Papier und übermalt sie. Sie ist ihm so durch Berührung noch einmal nahe, macht sich noch mal ein spätes, eigenes Bild. Margit Carstensen liest laut aus einem ganz frühen Prosatext von Fassbinder, hält dann inne und meint: Was für ein großartiger Text! Irm Herrmann steht mit diesem heute noch kindlichen Koboldlachen auf einer Bühne und gesteht, wie sie ihm „total verfallen“ sei.

Die drei Diven sind das Kraftzentrum dieses Films. Wie sie ihn erlebt haben, wie sie ihn erfahren durften und erleiden mussten. Und wie sie sich heute nach fast 33 Jahren ihren Reim auf diesen menschlichen Tyrannen und dieses künstlerische Genie machen. Auch andere Weggefährten kommen zu Wort, Harry Baer etwa, einer seiner fleißigsten Schauspieler, der von Vasallentreue spricht, aber auch froh war, damals nicht in der Fassbinder-Kommune gelebt zu haben: „Das hätte Mord und Totschlag gegeben.“ Oder Hark Bohm, der trocken bekennt: „Die Dreharbeiten waren ja immer Krieg.“ Und Volker Schlöndorff, der als Außenstehender das Prinzip der Kommune klar durchschaute: „Das lief ja nur nach dem Schema: Demütigung. Lob. Lob. Demütigung. Ununterbrochen diese emotionalen Machtkämpfe.“

Drei Diven als Kraftzentrum

Dazwischen immer wieder Fassbinder selbst. Der frühe, nicht unattraktive Revoluzzer und das späte, ausgepowerte Wrack. Alles dreht sich nur um ihn, die Lebenden um den Toten. Das hätte ihm sicher gefallen. Und es scheint manchmal, als kommentierten nicht die Weggefährten „den Rainer“, sondern dessen Werk ihren Weg.

Auf der Berlinale lief gerade erst eine andere Doku, „Fassbinder – Lieben, ohne zu fordern“ von Christian Braad Thomsen. Der Däne hatte den späten Fassbinder interviewt, als der völlig betrunken war, hat das Material damals nicht auswerten wollen und jetzt erst in einen allgemeineren Kontext verarbeitet. Quasi der inoffizielle Jubiläumsbeitrag. „Fassbinder“ dagegen ist die ganz offizielle Version. Das macht schon der schlichte, allgemeingültige Titel deutlich. Und die Tatsache, dass hier Juliane Lorenz als Produzentin fungiert.

Beredter Moment auf der Bühne

Hendels Film bietet keine neuen Enthüllungen, keine radikalen Neudeutungen zum Phänomen Fassbinder. Wie sollte er auch, ist doch alles schon gesagt. Aber der Film vereint noch einmal alle Veteranen. Und öffnet weit das Schatzkästlein der Foundation. Zeigt ganz frühe Aufnahmen von Fassbinder. Und Outtakes aus Filmen, die selbst die Schauspieler noch nie gesehen haben und hier bestaunen. Und schließlich, fast gespenstisch, das allerletzte Interview, gedreht nur einen Tag vor seinem Tod. Wo RWF in seinem Sofa schon fast zur Seite wegdämmert.

Bei der Filmpremiere in Berlin gibt es dann noch ein paar feine, vielsagende Beobachtungen zu machen. Wie die drei Diven sich tief und beredt in die Augen gucken, als Juliane Lorenz dem Moderator von ihrer Trauerarbeit erzählt. Und wie Frau Lorenz an ihren Ärmeln nestelt und die Augen rollt, als der Moderator die drei Diven befragt. Man steht zusammen auf der Bühne, aber ganz ist der Graben noch nicht überwunden. Ein Moment, der zwingend mit in den Film hinein gemusst hätte.

Foto: dpa Picture-Alliance / Gregor Fischer / picture alliance / dpa