Film

Wie Alan Rickman plötzlich zum Sonnenkönig wurde

Man kennt ihn aus „Harry Potter“ und „Stirb langsam“. Als Regisseur kennt man den Schauspieler Alan Rickman eher nicht. Jetzt hat er zum zweiten Mal selbst einen Film inszeniert. Mit Kate Winslet, die vor ihm Angst gehabt hat.

Foto: Alex Bailey / dpa

Alan Rickman war gerade mit Tom Tykwer, mit dem er einst „Das Parfum“ gedreht hat, essen. Um die Ecke im „Borchardt“. Deshalb kommt er zu spät ins „Regent“-Hotel. Und es ist ihm sichtlich peinlich. Aber wer Tom Tykwer kennt, weiß, wie gern er lange redet. Alan Rickman ist in der Stadt, um seinen zweiten Regie-Film „Die Gärtnerin von Versailles“ vorzustellen, der am Donnerstag in die Kinos kommt. Ein Historienfilm mit Kate Winslet in der Titelrolle. Und mit Rickman als Louis XIV. Eine Audienz beim Sonnenkönig.

Berliner Morgenpost: Herr Rickman, das ist erst Ihr zweiter Regie-Film seit 1997. Warum hat das so lange gedauert? Waren die Erfahrungen so schlimm?

Alan Rickman: Nein. Ich war einfach nicht frei. Du brauchst ein Jahr und mehr, um einen Film zu inszenieren. So viel Zeit hatte ich aber nicht, solange ich bei der „Harry Potter“-Reihe dabei war. Aber ich habe in dieser Zeit immerhin am Theater inszeniert. Da braucht das nur fünf, sechs Wochen.

Ihr Film handelt, historisch nicht sehr korrekt, von einer Gärtnerin am Hofe Louis XIV. Ist das eine Art Experiment, um einen weiblichen Charakter in einer männerdominierten Welt herauszustellen?

Das ist ein sehr männliches Wort, das Sie da gebrauchen: Experiment. Ich sehe es mehr als Metapher. Eine Frau zu erfinden, die so nicht hätte existieren können, und in diese Welt zu verpflanzen. Ich hoffe aber, dass man schon bald die Kostüme und das Historische vergisst und das Ganze als moderne Geschichte versteht.

Wie männerdominiert ist das Filmbusiness?

Nun, es war in all den Jahren das erste Mal, dass ich mit einer Kamerafrau gearbeitet habe. Es gibt nur wenige. Und wenn du mit jemandem wie Ellen Kuras gearbeitet hast, weißt du eigentlich nicht, warum. Aber es gibt immer mehr Frauen in allen Bereichen, da bricht endlich etwas zusammen. Angela Merkel haben wir schnell akzeptiert, bei Margaret Thatcher dauerte das noch länger. Und niemand kümmert sich mehr darum, dass Hillary Clinton eine Frau ist. Das ist also kein Problem mehr. Aber ja, Film ist nach wie vor eine Männerdomäne. Und eine sehr geschlossene.

Ist es nicht ironisch, dass keine Frau, sondern Sie den Film inszeniert haben? Eigentlich sollten Sie die Rolle des Le Nôtre spielen, der sich in die Gärtnerin verliebt.

Das Drehbuch kam eines Tages zu mir. Es war das erste Skript von Alison Deegan, sie hatte keinerlei Vorstellung, keine Erfahrung. Sie meinte, ich möchte vielleicht Le Nôtre spielen. Sie kannte auch meinen ersten Regie-Film und meinte, vielleicht möchte ich es auch inszenieren. Das kam völlig aus dem Heiteren. Aber dann hat es lange gebraucht, bis ich frei dafür war. Und dann war ich zu alt für Le Nôtre.

Stattdessen spielen Sie jetzt den Sonnenkönig. Ist das eine Traumrolle, um sich selbst zu inszenieren? Oder haben Sie das nur gemacht, um Geld zu sparen als Regisseur?

(lacht) Den wollte ich eigentlich nicht spielen. Aber es ist leider schrecklich schwierig, einen Independent-Film zu finanzieren. Und man sagte immer: Oh, wenn du den Louis spielen würdest …

Man hat Sie also gezwungen.

Sagen wir, ein Nein hätten sie nicht akzeptiert. Ich sehe das aber auch ein. Das verkauft sich vielleicht besser.

Gibt es Parallelen zwischen einem absolutistischen König und einem Filmregisseur? Einer hat das Sagen: Le cinéma, c’est moi?

Louis ist ja keine große Rolle, und er ist ein Fixpunkt. Er bewegt sich nicht. Das ist seine Natur, das alles um ihn kreist und er nur dasteht. Das fühlt sich schon ein bisschen wie bei einem Regisseur an. Auch da ist es zweckdienlich, seinen Gesichtsausdruck nicht zu verändern, keine Miene zu verziehen. Aber sonst gilt das wohl eher für Produzenten. Ich komme gerade von einem Mittagessen mit Tom. Und ich könnte mir keinen vorstellen, der weniger mit Louis XIV. zu tun hat.

Es ist Ihr zweiter Film mit Kate Winslet. Bei „Sinn und Sinnlichkeit“ war sie 19, jetzt ist sie doppelt so alt. Sie sagt, sie hätte damals wahnsinnige Furcht vor Ihnen, eine regelrechte „Rickmania“ gehabt. Wie war das, erneut aufeinanderzutreffen?

Das können Sie sich selber ausmalen. Da ist eine Menge Wasser den Fluss hinabgeflossen, bei uns beiden. Und doch arbeitest du da mit jemand zusammen, der so lebendig ist, so großartig und aufgeschlossen. Sie ist wundervoll.

Ihre Gärtnerin ist eine typische „Fish Out of Water“-Figur. Fühlten Sie sich auch so, als Sie nach Hollywood kamen?

O nein. Ich war als Schauspieler ja ein Spätzünder. Und dann kam ich nach Hollywood, wo alle hinwollen. Das war faszinierend, in gewisser, in jeder Weise. Aber bald musste man lernen, Kompromisse zu machen. Und dass du dein Los nicht allein bestimmen kannst.

Ihre allererste Filmrolle war gleich der Bösewicht in „Stirb langsam“. Wie haben Sie das, als Brite, eigentlich geschafft?

Ich habe „Gefährliche Liebschaften“ am Broadway gespielt, das war ein großer Erfolg. Leute aus Hollywood kamen, um es zu sehen. Und zu der Zeit gab es wohl keine amerikanische Darsteller, die deutsche Terroristen spielen wollten. Gibt’s wohl heute noch nicht.

Und stimmt es, dass Sie „Stirb langsam“ ursprünglich absagen wollten?

Ach, das wird immer so aufgebauscht. Ich dachte: Action, so was will ich eigentlich nicht machen. Aber dann hat man mir erklärt, du bist erst zwei Tage in L.A. und kriegst so etwas angeboten!

Jetzt sind Sie nicht mehr der Böse aus „Stirb langsam“, sondern Professor Snape aus „Harry Potter“. Stört es Sie, dass man nur noch diese Figur in Ihnen sieht?

Aber nein. Das „Harry Potter“-Fieber ist doch wie ein Virus. Die schauen sich dann vielleicht auch andere Filme von dir an. Und ich bin stolz, Teil dieser Welt gewesen zu sein. Das war etwas, was Kinder angeregt hat – mal abseits von Computern und Internet. Die Art, auf die sich diese Generation heute austauscht und die mir immer noch völlig fremd ist.

Trainieren Sie eigentlich Ihre Stimme. Rauchen Sie, trinken Sie, damit die so tief und sonor klingt?

(lacht) Das hab ich früher getan, als ich noch bei der Royal Shakespeare Company war. Da haben wir wie Schlote geraucht, drückten die Kippe aus, zogen die Perücke auf und gingen auf die Bühne. Ist aber lange her. Und das hab ich nicht gemacht, um die Stimme zu trainieren. Du hast die Stimme, die du hast. Das ist Teil deines physiognomischen Materials. Auf der Drama Scholl war meine Stimme aber ein großes Problem.

Wieso das? Sie haben doch eine Stimme, mit der man sich auch das Telefonbuch vorlesen lassen würde.

Das sahen meine Stimmlehrer anders. Die fanden, das war ein großes Problem. Sie trägt nicht weit genug, sagten sie, sie ist zuleise und sitzt an einem schwierigen Platz. Eine Art architektonischer Unfall im Mundinneren. Ich musste da viel üben, um jeden Tag genug Resonanz zu haben. Beim Film ist das sicher einfacher als auf der Bühne.

Heute gilt sie als perfekte Stimme. Britische Wissenschaftler haben doch vor einiger Zeit eine mathematische Formel für die perfekte Stimme entwickelt. Sie kamen dem am nächsten. Neben Jeremy Irons.

Tja, so stehts jetzt im Internet. Muss also wahr sein. Oder eine vollständige Lüge.

Jetzt, da „Harry Potter“ hinter Ihnen liegt, werden Sie noch öfter Regie führen?

Ich hoffe ja. Aber als nächstes drehe ist erst mal einen Film als Schauspieler. Und im Moment bin ich in einem strengen Erholungsmodus von der letzten Regie. Ich versuche, den Kopf wieder auf meine Schulter zu kriegen.

Foto: Alex Bailey / Tobis Film