Film

Harry Baer fand die erste Zeit nach Fassbinder ganz schlimm

Ein Blick zurück – nicht immer im Zorn, sondern mit Lust und Liebe: Der Schauspieler über Rainer Werner Fassbinder, gemeinsame Erfolge, Bestrafungen und schlimme Frisuren.

Foto: Krauthoefer

Ein Hingucker in seiner Charlottenburger Altbauwohnung ist der originale Spielautomat aus den siebziger Jahren. Das ist auch die Zeit, aus der Harry Baer am meisten in Erinnerung ist. Baer war einer der ältesten und längsten Weggefährten von Rainer Werner Fassbinder, hat in fast all seinen Filmen mitgespielt, war auch Regieassistent und Produktionsleiter. Am 31. Mai wäre Fassbinder 70 Jahre alt geworden. Dazu gibt es ab 7. Mai eine neue Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Und am 30. April startet ein neuer Dokumentarfilm, „Fassbinder“, der am Montag Premiere in der Volksbühne feiert. Dazu wird Harry Baer mit weiteren Weggefährten auf der Bühne stehen. Wir haben den 67-Jährigen getroffen. Auffallend war dabei, dass Harry Baer während des ganzen Gesprächs Fassbinder nicht einmal beim Namen nannte.

Berliner Illustrirte Zeitung: Fassbinder wäre am 31. Mai 70 Jahre alt geworden. Wie hätte die Feier ausgesehen?

Harry Baer: Pff. Ein Veteranentreffen. Das kann ich mir aber beim besten Willen nicht vorstellen. Er ist 1982 von uns gegangen, seither ist ganz schön viel Zeit vergangen. Ich werde auch immer gefragt, ob er, wenn er noch leben würde, noch Filme drehen würde. Aber das ist alles hypothetisch, das kann man nicht beantworten.

2007 wurde der 25. Todestag von Fassbinder gefeiert, nun der 70. Geburtstag. Sind Sie es manchmal leid, rituell darauf angesprochen zu werden?

Aber nein. Erstens waren diese 14 Jahre eine unheimlich wichtige Zeit in meinem Leben. Es macht mich auch etwas demütig, dass ich heute noch hier sitze. Der Mann ist längst nicht mehr unter uns, obwohl wir nur drei Jahre auseinander sind. Ich habe halt Glück gehabt, man kann das nicht anders sehen. Und zweitens freut mich dieses stete Interesse an ihm, denn dadurch gerät er nicht in Vergessenheit. Er war einer der wichtigsten Regisseure der Nachkriegszeit, und es ist gut, wenn man sich das immer wieder in Erinnerung ruft. Es ist ja doch so, wenn man jüngere Leute auf der Straße fragen würde, könnten die mit dem Namen gar nichts mehr anfangen. Vielleicht hätten die den einen oder anderen Filmtitel schon gehört, aber das wäre es dann wohl.

Es gibt eine neue Ausstellung, einen neuen Dokumentarfilm. Hätte Fassbinder das gefallen? Oder hätte er darüber gelacht?

Die Ausstellung wäre ihm mit Sicherheit nicht recht. Über die Dokumentation hätte er sich aber gefreut. Weil er ja die Hauptrolle spielt. Da werden auch Materialien gezeigt, die man noch nicht kennt. Outtakes von Filmen, etwa von „Der amerikanischen Soldat“ mit der Urbesetzung Günter Kaufmann, der ja dann aus dem Film geschmissen wurde. Das habe ich noch nie gesehen. Aber natürlich bietet auch dieser Film kein neues Bild, keine neue Deutung von ihm. Wo soll die auch herkommen?

Wenn man den Film schaut, hat man den Eindrück, als müssten sich alle Weggefährten immer noch abarbeiten an dieser Zeit.

Abarbeiten – weiß ich nicht. Man merkt wohl in diesen Interviews, dass diese Zeit für jeden von uns etwas Besonderes war. Und jeder hat auch andere Erinnerungen an ihn. Die einen bessere, die anderen schlechtere. Das spürt man mit Sicherheit. Mein Gesabbel ist ja sowieso immer dasselbe. Aber mich haben zum Beispiel Schlöndorffs Reflexionen fasziniert, ich hätte nicht gedacht, dass ihm das so viel bedeutet hätte.

Es scheint manchmal, als werde Fassbinder heute im Ausland mehr rezipiert als in Deutschland. Woran liegt das?

Ist das noch so? In New York war er eine Zeitlang ziemlich angesagt, das ist aber auch schon wieder eine Weile her. Aber mehr als hierzulande? Nun ja, als er noch lebte, war er hier nicht angesagt. Als er gestorben war, wurde er noch mehr beschimpft. Das Bild hat sich erst so nach zehn Jahren gewandelt. Da haben die Leute doch begonnen anzuerkennen, was der alles gemacht hat. Und wie viel in so kurzer Zeit! Aber die erste Zeit danach war ganz schrecklich. Als er in Bogenhausen beerdigt werden sollte, hieß es: Was will die schwule Drecksau auf dem Prominentenfriedhof? Das war München, wie es leibt und lebt. Wir haben damals auch alle keine Jobs mehr bekommen, weil wir ja mit ihm gearbeitet hatten. Das war wie Sippenhaft, das lag wie ein Fluch auf uns. Deshalb bin ich damals auch von München nach West-Berlin gezogen. Den Scheiß wollte ich nicht mehr mitmachen. Leute, die dir zuvor fast die Schuhe geküsst haben, nur um mal in die Nähe zu kommen, haben dir, kaum war er tot, nicht mal mehr in die Augen geschaut. Das hat sich tief eingeprägt.

Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?

Ich habe Schlagzeug gespielt in der Schulband. Und mein direkter Sitznachbar in der Schule, Rudolf Waldemar Brehm, war bei Fassbinders antiteater. Bei der „Bettleroper“ fiel ein Schlagzeuger aus, da hat mich Brehm gefragt. Denen ist ganz schlecht geworden, als ich kam. Die wollten was ganz anderes als mein Rock’n’Roll-Getrommel. Eigentlich wollte ich ja Lehrer werden. Aber so bin ich da hineingeraten. Bald wurde ich Schauspieler, spielte Hauptrollen. Wurde Regie-Assistent. Und Produktionsleiter. Jeder musste ja neben der Schauspielerei auch noch was anderes machen bei ihm. So waren die Teams immer relativ klein, sieben, acht Leute. Unvorstellbar, heute hat ein normales Team um die 50 Leute.

Das mussten Sie sich dann alles selbst beibringen?

Und ich hab anfangs reichlich Fehler gemacht. Aber er hat da was in mir gesehen, was ich selber nicht mal erahnt habe. Das war sicher eine seiner großen Qualitäten. Wenn du Fehler gemacht hast, bist du allerdings fürchterlich bestraft worden. Seine Donnerwetter waren grauenhaft. Und es tat weh, wenn du in einem Film dann mal keine Rolle bekommen hast. Aber so habe ich das gelernt.

Was ist Ihre liebste Erinnerung an Fassbinder?

Die Krönung unserer Zusammenarbeit war für mich „Berlin Alexanderplatz“, wo ihn nur die Hauptdarsteller vorne interessiert hatten. Alles, was im Hintergrund passierte, hat er mir überlassen. Darauf bin ich sehr stolz.

Gibt es Verwundungen, die heute noch weht tun?

Dass er mich so oft hat ausziehen lassen, das ärgert mich im Nachhinein. All diese Nacktszenen, das war in gewisser Weise auch eine Bestrafung. Er hat mich auch gern umdekoriert und schlimme Frisuren verpassen lassen. Aber dennoch: Wir haben es miteinander ausgehalten. Und lange.

Schauen Sie sich heute noch die alten Filme an?

Selten. Zuletzt habe ich „Lola“ gesehen, aber im Hinblick auf eine Lesung, die ich im Juni mit Axel Pape in der Bar Jeder Vernunft machen werde. Da lesen wir das Drehbuch, ich hab’ dabei übrigens alle Frauenrollen erwischt. Sonst habe ich lange nichts mehr geschaut. Auch wenn ich die alten Filme natürlich alle habe. Ich kenn die aber in- und auswendig. Wenn ich aber zufällig mal im Fernsehen auf einen stoße, dann bleibe ich hängen.

Beschleicht einen da Wehmut, wenn man die noch einmal sieht?

Schlimm ist eigentlich nur, dass so viele Leute, die da mitspielen, schon nicht mehr leben. Ich selber bin leider eher eitel. Damals war ich jung und hübsch. Insofern sehe ich mich ganz gern. Und wenn ich gut war, sehe ich mich doppelt gern. Ein Blick zurück – nicht immer im Zorn. Sondern mit Lust und Liebe. Es waren schöne Zeiten, trotz des ganzen Durcheinanders.

Heute heißt es immer, mit Fassbinder musste es so zu Ende gehen. Er hat sich verbraucht. Haben Sie das damals auch schon so wahrgenommen?

Wir haben 45 Filme in 14 Jahren gemacht. Anfangs fünf im Jahr! Da hatte man überhaupt keine Zeit zum Nachdenken. Wir waren da alle leicht überfordert. Anfangs habe ich nicht kapiert, dass ich es mit einem Genie zu tun hatte. Das war ein Spezl, ein Freund von mir. Und ich hab den Kerl so oft gesehen, dass ich gar nicht mehr merkte, wie schlecht er aussah am Schluss. Wenn man heute noch sein letztes Interview sieht, wie er da auf seiner blöden Ledercouch in der Reichenbachstraße in München sitzt, dick und fett, er fällt fast um vor Müdigkeit, da erschrecke ich immer wieder. Er war wie eine Kerze mit zwei Dochten, die von beiden Seiten abgebrannt ist. Ich hab’s damals nicht gesehen. Oder wollte es nicht, ich weiß es nicht.

Hat Fassbinders Tod die Weggefährten eigentlich zusammengeschweißt?

Im Gegenteil. Das war vorher auch nicht so eng. All diese Geschichten vom Kollektiv, von der Kommune, das war ja nur am Anfang, da wird auch viel zu sehr hineininterpretiert. Er war einfach eine Dampfmaschine, und wir waren seine Rädchen. Und als das Zentrum der Gravitation weg war, ist alles auseinandergebrochen. Klar kennt man sich noch, die Irm Hermann treffe ich ab und an, die lebt ja auch in Berlin. Aber jeder ist danach seinen Weg gegangen. Man trifft sich jetzt nur noch zu Jubiläen und Filmpremieren, wenn man an einen Tisch gesetzt wird. Und sich wundert, dass die auch schon so alt geworden sind. Veteranentreffen, wie gesagt.

Wie nehmen Sie eigentlich den Deutschen Film heute wahr?

Ich bin ja in der Deutschen Filmakademie, die schicken immer eine Kiste mit all den Filmen für den Deutschen Filmpreis. Und ich finde jedes Jahr ein paar Volltreffer. Dass nach Fassbinder nichts mehr kam, wird ja immer mal wieder behauptet, ist aber Unsinn. Dass er ein Loch hinterlassen hat, dass eine Zeit lang nichts kam, dass man sich gefragt hat, was der Deutsche Film ist, das mag angehen. Aber ein Wenders und ein Schlöndorff haben trotzdem weitergemacht.