Es gab verschiedene Überraschungen bei der Umfrage. Die erste war, wie leidenschaftlich und ernsthaft das Publikum der Berliner Philharmoniker die Nachfolger-Wahl nimmt. Am 11. Mai wählt das Spitzenorchester seinen neuen Chefdirigenten. Bei den Konzerten am vergangenen Freitag und Sonnabend haben der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) und die Berliner Morgenpost an den Eingängen der Philharmonie Stimmzettel mit den acht meist diskutierten Kandidaten verteilt. Ein Favorit sollte angekreuzt werden. 1318 Konzertbesucher nahmen an der nicht repräsentativen Umfrage teil.
Auch das Ergebnis war so nicht zu erwarten: Mehr als die Hälfte des Publikums wünscht sich einen jungen Chefdirigenten an der Spitze des Weltklasse-Orchesters. Allein Andris Nelsons, 36, und Gustavo Dudamel, 34, kommen gemeinsam auf 51,4 Prozent aller abgegebenen Stimmen. Sie waren die jüngsten Dirigenten auf der Liste. An dritter Stelle steht der Berliner Dirigent Christian Thielemann, 56, mit 16,9 Prozent der abgegebenen Stimmen. Zwei Drittel der Besucher haben vor dem jeweiligen Konzert abgestimmt.
Die beiden Konzerte hatte Andris Nelsons dirigiert. An der Wahlurne waren am Ende des Abends höchst unterschiedliche Meinungen über ihn als Künstler zu hören. Die einen bewerteten ihn als sensationell, andere als mittelmäßig, einige fanden ihn charismatisch und dynamisch, wieder andere sein Dirigat zu gymnastisch. Manche werden sagen, es wäre bei der Umfrage ein Vorteil für ihn, dass er jetzt die Konzerte dirigierte. Aber genau in dieser Situation werden sich auch die Berliner Philharmoniker bei ihrer Wahl befinden.
Denn die 124 wahlberechtigten Musiker werden Andris Nelsons deutlich im Ohr haben, da vor der Wahl als Favorit nur noch Mariss Jansons am 9. und 10. Mai dirigieren wird. Zuletzt stand Riccardo Muti am Pult der Philharmoniker. Das Orchester wird letztlich einen ihrer 30 ständigen Gastdirigenten wählen. Der Italiener Muti, 73, bekam vom Publikum gerade mal 3,6 Prozent der Stimmen.
Der erste Wahlschritt
Die Befragung des Publikums ähnelt dem Wahlverfahren der Philharmoniker in ihrer ersten Abstimmung. Auch sie wählen aus einer Shortlist – die Namen sind nicht öffentlich bekannt – aus, weitere Abstimmungen folgen dann voraussichtlich.
Eine absolute Mehrheit für einen Kandidaten ist bei der Besucherbefragung nicht zustande gekommen. Aber es gibt einen klaren Favoriten. Ein Drittel wünscht sich den lettischen Dirigenten Andris Nelsons (34 Prozent), gefolgt von Gustavo Dudamel aus Venezuela (17,4 Prozent). Das macht eine große Strömung innerhalb des Publikums, die ein neues, frisches, unverbrauchtes Gesicht am Chefpult haben wollen, deutlich und ist zugleich eine Absage an die alteingesessenen Maestri wie Daniel Barenboim, 72, mit 9,5 Prozent oder Mariss Jansons, 72, mit 8,8 Prozent. Insgesamt erhielten Nelsons 448, Dudamel 229, Thielemann 223, Barenboim 125, Jansons 116, Chailly 56, Muti 47 und Nézet-Séguin 37 der abgegebenen Stimmen.
Auch das ist eine Überraschung, denn das Klassikpublikum gilt immer noch als konservative Hochburg im Kulturbetrieb, in der künstlerische Erfahrung und Reife mehr zählen als das Event. Ein Rentenalter gibt es am Pult nicht. Aber die Leitung des Orchesters will das Berliner Publikum dieser Umfrage zufolge in jüngere Hände geben.
17.363 Abonnenten
Die Philharmoniker haben in den Serien A bis N derzeit 17.363 Abonnenten. Dazu kommen im Kammermusiksaal in den Serien O bis Z 2408 Abonnenten. Rund 20.000 Klassikliebhaber haben ein Ticket für die Digital Concert Hall, in der die Konzerte live übertragen werden. Die Philharmoniker haben schon eine treue Kundschaft. Die erste Befragung fand am Freitag in der neueren Abo-Reihe D statt, am Sonnabend wurde das als konservativer geltende Publikum der Reihe N befragt. Die Unterschiede waren weniger groß als erwartet.
Das Publikum am Sonnabend zeigt sich etwas abstimmungsfreudiger. Ihr Votum für Nelsons fiel etwas eindeutiger aus, auch das für Dudamel. Beim etwas jüngeren Publikum am Freitag hingegen konnte sich Thielemann gegen Dudamel behaupten und kam auf den zweiten Platz.
Christian Thielemann ist der Favorit, der das Publikum am meisten polarisiert. An der Wahlurne gab es leidenschaftliche Verfechter zu erleben, aber auch andere, die seinen Namen von der Liste streichen wollten. Einig ist man sich schon darüber, dass er ein begnadeter Dirigent ist. Aber seine Äußerungen zur Pegida-Bewegung und auch lokalpolitische Querelen in Potsdam, wo Thielemann lebt, werden als Gegenargumente angeführt. Unabhängig davon, die Einwände beweisen, dass es den gern beschworenen Heimvorteil nicht gibt. Das Kontroverse überwiegt dann.
Das gilt wohl für Thielemann als auch für Barenboim. Das Publikum will etwas Neues von auswärts. Und das liegt längst in der Philharmoniker-Tradition. Die Chefdirigenten Claudio Abbado und Simon Rattle überraschten bei ihrer Wahl als Außenseiter.
Votum für eine Frau
Bei der Umfrage hatte das Publikum die Möglichkeit, in eine Extraspalte ihren Favoriten einzutragen, der nicht aufgelistet war. Auf einem Zettel stand „eine Frau“. Leider eine ungültige Stimme, denn eine Frau ist nicht wählbar. Fünf andere hingegen benannten konkret die Dirigentin Simone Young. Mehrfach genannt wurden auch Kirill Petrenko, Ingo Metzmacher, Daniel Harding, Kent Nagano und Tugan Sokhiev. Optional konnten die Befragten auch eintragen, ob sie männlich oder weiblich sind. Eine bedeutsame Auswirkung auf das Wahlergebnis ist nicht erkennbar. Vielleicht nur, dass der junge Dudamel von mehr Frauen gewählt wurde, wohingegen bei Altmeister Jansons der Männeranteil geringfügig höher war.



