Oper

Moses legt sich am Ende auf einen riesigen Leichenberg

Moses und Aron erinnern an zwei Varieté-Künstler, die das kindische Publikum mit Zaubertricks bei Laune halten. Barrie Kosky zeigt Schönbergs Oper als eine Parabel aufs 20. Jahrhundert.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Es ist eine grandiose Opernproduktion, gerade auch, weil sie einen am Ende erst einmal völlig ratlos zurück lässt. Arnold Schönbergs „Moses und Aron“ hat Barrie Kosky an seiner Komischen Oper auf die Bühne gebracht. Virtuos hat er knapp zwei Stunden lang die verschiedensten Fährten ausgelegt. Gleich zu Beginn gibt es auf dem Vorhang einen kurzen Dialog zwischen Estragon und Vladimir zu lesen. In Samuel Becketts absurdem Theaterstück warten die beiden auf Godot, der bekanntlich nie erscheint. Dann öffnet sich die Bühne, und statt eines brennenden Dornbuschs entflammt Moses seine Schuhe, die dann wie von Geisterhand gesteuert davongehen. Beckett soll einmal gesagt haben, Godot gehe auf das französische Wort für „Schuh“ zurück. Schuhe, weggehen, verbrennen?

Der bessere Propagandist

Moses und Aron erinnern an zwei heruntergekommene Varieté-Künstler, die das kindische Publikum mit Zaubertricks bei Laune halten, um es auf den unsichtbaren, allmächtigen Gott einzuschwören. Der aber nie erscheint und jedes Bild von sich verweigert. Also braucht das zweiflerische Volk immer neue Tricks. Moses übt einmal, wie er ein Tuch aus dem Ärmel zieht. Mal ist es reinweiß, mal mit einem Davidstern darauf. Arons Tricks sind effektvoller. Er ist der bessere Propagandist als sein etwas unbeholfener und kommunikationsunfähiger Bruder. Kosky liest Schönbergs in den 30er-Jahren in Berlin entstandenes Opernfragment als eine Parabel auf das 20. Jahrhundert, auf die Manipulation von Massen und auf die europäisch-jüdische Geschichte.

Aber spätestens hier beginnt etwas Missdeutiges. Der Begriff Manipulation wird heute mit den jeweils negativsten Geschichtserfahrungen verknüpft: Der Deutsche denkt sofort an Hitler und den Nationalsozialismus, der Russe an Stalin und seinen blutigen Sozialismus. Und Kosky, dessen jüdische Familie es nach Australien verschlagen hat, denkt offenbar beim Thema Manipulation an Verfehlungen, Gottes- und Selbstzweifel, Heimatsuche und Traumata über die Jahrtausende hinweg. In seiner Inszenierung werden, und das ist eine talmudische Tradition, immer mehr Themen und Fragen aufgeworfen als beantwortet.

Der Teppich von Siegmund Freud

Das terrassenförmige Bühnenbild von Klaus Grünberg legt eine weitere Fährte aus. Es sind Teppiche ausgebreitet. Wie bei einem Wüstenvolk? Oder ist es ein Flickenteppich der Geschichte? Irgendwann weiß man, dass es sich um den Smyrnateppich von Siegmund Freud handelt, den der Wiener Psychoanalytiker in seinem Behandlungszimmer hatte. Koskys Bühne ist also eine Art Durchgangszimmer für verwirrte oder zweifelnde Geister. Den Teppich hat Freud mit ins Exil nach London genommen, ebenso wie die legendäre Couch und kleine Figuren, die er kokett seine „alten und dreckigen Götter“ nannte.

Kleine Figuren finden sich bei Kosky auf der Bühne wieder. Sie stehen in Kindergröße linkerhand hinter einer großen Stummfilmkamera, es sind Theodor Herzl, der Begründer des modernen politischen Zionismus, natürlich Sigmund Freud, der dritte könnte Filmemacher Fritz Lang sein. Es erinnert daran, dass die amerikanische Filmindustrie von Juden, die aus Europa kamen, gegründet worden war. Auch der Komponist Schönberg ging 1933 nach Kalifornien ins Exil. Gemeinsam lässt sie Kosky auf der Opernbühne die Orgienszene drehen.

Tanzshow um das Goldene Kalb

Das Volk hatte das lange Warten auf Moses und Gottes Gesetze satt, und in die beginnende Gewalttätigkeit hinein organisiert Aron die Tanzshow ums goldene Kalb. Der Götzendienst ist ein ebenso glamouröses wie gespenstisches Unterhaltungsprogramm. Ägyptische Tempeltänzer, die einem frühen Stummfilm entsprungen sein können, sind die Verführer des Vergangenen. Zwischendurch tanzen wohlbeleibte Geschäftsleute im eleganten Anzug und mit klischeehaft krummen Nasen. Das Volk erscheint mit unzähligen Puppen, die Kippa und Tallit, den jüdischen Gebetsschal, oder eine Uniform tragen. Man tanzt, umarmt sich. Irgendwann werden die ersten Puppen gegen die Wand geknallt. Dann beginnt das große Morden, teilweise werden die Puppen ausgeweidet. Ein riesiger Leichenberg stapelt sich auf der Bühne. Die Opernpremiere ist dem 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz gewidmet.

Musik und Szene finden eng zusammen

An Koskys Neuproduktion von „Moses und Aron“ fasziniert, wie eng Musik und Szene zusammenfinden. Wladimir Jurowski bringt das Orchester zu Spitzenleistungen, die an sich spröde Zwölftonoper gewinnt an Farben, Emotionen, ja Mystischem. Die Chorsolisten des Hauses, verstärkt vom Vocalconsort Berlin, sehen sich am Ende als die Stars des Abends bejubelt. Das im Stück mehrfach in sich zersplitterte Chorvolk ist außergewöhnlich spielstark und musikalisch überzeugend. Die Vorbereitung, von 100 Proben ist die Rede, hat sich gelohnt. Robert Hayward ist ein sonorer Moses, eine Sprechrolle. John Daszak ist sein tenoral redegewandter Bruder Aron.

Moses wird am Ende des 2. Akts, die Oper blieb unvollendet, resigniert feststellen: „O Wort, du Wort, das mir fehlt!“ In Koskys Inszenierung wickelt er sich in einen Teppich und legt sich auf den Leichenberg. Ein starkes Bild. Mehr Hoffnung in der Verzweiflung kann es nicht geben.

Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel. 47997400 Termine: 24., 28.4.; 2., 10.5.; 7.7.