Tanz

Choreografin Sasha Waltz bekennt sich zur romantischen Liebe

Die Julia soll kein naives Mädchen sein, der Romeo schon ein Rebell: Sasha Waltz zeigt „Romeo et Juliette“ von Hector Berlioz an der Deutschen Oper Berlin. Ein Gespräch über das heutige Rollenverhalten.

Foto: Reto Klar

Sie müsse schnell noch einmal auf die Bühne, sagt Sasha Waltz, und schon ist die Berliner Choreografin in den Gängen der Deutschen Oper verschwunden. Es herrscht Endproben-Stimmung. Am Sonnabend hatte ihre Inszenierung von Hector Berlioz’ „Romeo et Juliette“ Premiere. Es ist ein Kraftakt und nur für ganz große Bühnen machbar. Die Uraufführung war 2007 in Paris, jetzt hat sie das Stück mit ihren zeitgenössischen Tänzern einstudiert. Im Interview geht es um Liebe, das Tänzerdasein und Berliner Zwänge.

Berliner Morgenpost: Sie erzählen Romeo und Juliette als eine Begegnung zwischen Erwachsenen. Aber lebt diese größte aller Liebesgeschichten nicht gerade vom Pubertären?

Sasha Waltz: Das Wort Erwachsene habe ich nie benutzt. Ich möchte nur, dass die Julia kein naives Mädchen ist, das nicht im Leben steht. Wenn ich mir heute die 14-jährigen Mädchen ansehe, dann haben sie einen erstaunlichen Reifegrad, viel Eigensinn und Visionen. Im Stück muss Julia Rückgrat haben, um sich gegen die Autorität ihrer Eltern und den gesellschaftlichen Zwang durchzusetzen. Wahrscheinlich waren die Mädchen zu Shakespeares Zeiten, zumindest in Adelskreisen, beschützter und in ihrer Freiheit beengter. Aber nur Naivität, das interessiert mich nicht.

Ist das eine feministische Sichtweise oder Ihre Beobachtung des Berliner Alltags?

Ich habe eine zwölfjährige Tochter, ich weiß, wovon ich rede. Wobei das Stück ja bereits vor acht Jahren entstand. Ich finde es unglaublich, wie sich das Liebespaar in eine eigene Welt spinnt, für einen kurzen Moment. Es ist eine Art Nichtraum. So lese ich es in dem Stück. Alle anderen Attribute kann man zu der Liebe hinzudichten. Dazu gehört auch die Angst. Für mich ist Romeo auch mehr ein rebellischer Typ.

Unter Theaterleuten hört man, dass diese Liebe auf den ersten Blick Unsinn ist, weil es letztlich doch nur um das Eine geht.

Natürlich ist es auch ein Erwachen der Sexualität. Das ist latent da, aber es bleibt ein romantisches Werk. Es geht nicht nur um Eros, sondern um die Begegnung zweier Seelen. Der Komponist Karl-Heinz Stockhausen hat seine Frau auf der Straße getroffen. Über den Augenkontakt hat sich ihre Verbindung aufgebaut. Es gibt diese unglaublichen Liebesgeschichten. Sicherlich gibt es viele, wo die Beziehung über Jahre hinweg heran wächst. Das ist dann eine reifere Liebe. Aber in „Romeo und Julia“ ist es eine Liebe außerhalb von Raum und Zeit.

In Verona strömen tagtäglich Tausende zum berühmten Balkon. Am Eingang zum Hinterhof kann man beobachten, wie Teenager Zettelchen mit Herzenswünschen anheften.

Diese romantische Sehnsucht kann man auch an den Brücken sehen, wo Liebende ihre Schlösser anbringen. Um diese Verbindung sichtbar zu machen. Vielleicht gibt es diese Sehnsucht gerade auch jetzt, wo viele Kontakte in der digitalen Dimension verloren gehen, und so braucht man etwas, das einen zusammen kettet.

Die Uraufführung in Paris haben Sie mit klassischem Ballett gemacht, jetzt proben Sie mit den eigenen, zeitgenössisch ausgebildeten Tänzern. Was ist der feine Unterschied?

Es ist mein Ensemble. Es sind Tänzer, die man bereits aus vielen Stücken kennt. Mit einigen arbeite ich lange, bereits seit 1996. Daneben sind junge Tänzer. Einige haben eine klassische Ausbildung gemacht, sind dann aber den zeitgenössischen Weg gegangen. Es ist eine andere Verankerung im Boden. Sie gehen anders mit Gewicht, mit der Schwerkraft um. Für den Zuschauer wird aber der Unterschied kaum sichtbar sein.

Tänzer, mit denen Sie bereits 1996 gearbeitet haben. In klassischen Kompagnien ist das Tänzerleben normalerweise kurz. Mit 40 ist Schluss. Gibt es für Sie keine Altersbegrenzung?

Die Tänzer, die mit mir damals angefangen haben, waren 19. Aber für mich kann man tatsächlich so lange tanzen, wie der Körper es mitmacht. Für mich ist ein Tänzer sogar spannender, wenn er mit den Jahren immer ausdrucksstärker wird. Bei der Julia war das Alter, die Reife schon eine Diskussion für mich. Ich habe zwei unterschiedliche Julias, eine Tänzerin sieht fast kindlich aus, die andere wirkt reifer. Die Altersmischung finde ich sehr reizvoll, weil es die Gesellschaft viel stärker abbildet. Es ist glaubwürdiger als eine Einheitscompagnie mit lauter 20-Jährigen.

Sie sprechen immer von Ihren Tänzern, was eine ebenso schöne wie schwierige Bezeichnung ist. Offiziell haben Sie doch 2013 Ihre Tänzer entlassen, nachdem der Senat Ihnen höhere Zuwendungen verweigert hat?

Ich habe zwar kein festes Ensemble mehr, aber es ist mein Ensemble für dieses Stück. Die Tänzer arbeiten freischaffend.

Es war damals ein großer Schnitt. Wie viele sind Ihnen treu geblieben? Wie läuft Sasha Waltz & Guest praktisch?

Ich hatte keine andere Wahl, ich musste die Compagnie finanziell stabilisieren. Das Risiko war nicht mehr tragbar. Es war ein schmerzhafter Einschnitt, gerade auch emotional. Das vergangene Jahr war der Beginn, unser Repertoire im freiberuflichen Verhältnis weiter zu führen. Auf der organisatorischen Seite ist es viel komplizierter. Ein Tänzer hat ein tolles Stück gemacht, mit dem er nach Japan eingeladen wurde. Das wollte er natürlich wahrnehmen. So konnte er ganz kurzfristig in „Sacre“ nicht tanzen. Aber ich habe niemanden mehr, der dafür mal schnell einspringt. Die Umbesetzungen sind auch kostspielig. Auf der anderen Seite haben die Tänzer schnell gemerkt, dass sie sich auf mich verlassen können. Ich plane auch ziemlich langfristig, was ihnen Sicherheiten gibt. Aber ich möchte das nicht ewig so weiter betreiben.

Haben denn auch Tänzer die Zusammenarbeit aufgekündigt?

Es gab schon schwere Auseinandersetzungen. Wir haben lange zusammen gearbeitet. Manche haben ausgesetzt und sind inzwischen wieder zurück.

Sie sind in Berlin Chefsache. Daniel Barenboim dirigiert Ihren „Tannhäuser“ an der Staatsoper persönlich. „Romeo et Juliette“ wird an der Deutschen Oper von Generalmusikdirektor Donald Runnicles geleitet. Worüber reden Sie eigentlich mit den Dirigenten?

Es ist sehr auf die Arbeit, aufs Stück konzentriert. Mit Daniel Barenboim habe ich auch szenische Entscheidungen diskutiert. „Tannhäuser“ war ja eine Neukreation. Der Berlioz ist ein fertiges Stück, da habe ich mich mit Donald Runnicles über Tempi und Übergänge ausgetauscht. Ich bin eher zurückhaltend, weil die Aufführung von der Lebendigkeit lebt. Die Tänzer müssen so gut vorbereitet sein, dass sie jeden Abend neu auf die Musik reagieren können.