Klassik

Um ein großer Dirigent zu sein, braucht es eine Utopie

Die Berliner Philharmoniker wählen am 11. Mai den Nachfolger von Simon Rattle. Der neue Chefdirigent muss vieles können, vor allem seine Musiker herausfordern. Aber Pultstars waren schon immer rar.

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Chefdirigent der Berliner Philharmoniker zu sein, sagte Simon Rattle kürzlich, das sei kein Job, den man 100 Jahre lang machen könne. Inzwischen wissen wir, dass der Brite, der 2018 die Philharmoniker verlässt, nach London wechselt. Und die Philharmoniker wählen am 11. Mai seinen Nachfolger. Der Neue sollte am besten ein Superman sein: Ein großer Musiker selbstverständlich, darüber hinaus ein fotogener Typ, der das Zeug zum Publikumsliebling hat. Marketing ist die halbe Miete. Er muss ein Herz für den Nachwuchs haben, um Rattles Education-Vorlage fortzuführen. In der Hinterhand sollte er eine global aufgestellte Plattenfirma haben und einen inneren Kompass für die digitale Welt, damit er sich in der Digital Concert Hall der Philharmoniker zurecht findet.

Da die Philharmoniker, was in der Klassikwelt einzigartig ist, sich ihren Chefdirigenten selber wählen, muss er die typische Musikerzerrissenheit aushalten. Der heutige Stardirigent ist zum Zwitterwesen verurteilt: Einerseits soll er möglichst stark sein und klare Ansagen machen, aber vielleicht besser kein Herbert von Karajan sein. Dagegen ist der Kumpeltyp am Pult, der im Miteinander die Impulse gibt, auf andere Weise anstrengend. Claudio Abbado hat es vorgemacht. Auf jeden Fall darf der Neue, der innerhalb der Philharmoniker-Stiftung Künstlerischer Leiter heißt, nicht störrisch und egomanisch sein.

Gemeinsam mit Musikern und dem Intendanten plant er auch die Programme, die andere, sprich: seine Konkurrenten dirigieren. Er hat überhaupt mehr Verantwortung für das gesamte Haus. Er muss fließend Englisch sprechen und bei der Antrittspressekonferenz in Berlin mindestens „Guten Tag“ auf Deutsch sagen können. Allein die Stellenbeschreibung macht deutlich, wie schwer es für die Philharmoniker sein wird, den neuen, zu ihnen passenden Vorzeige-Dirigenten zu finden. Die älteren, erfahrenen Kandidaten neigen eher zum Pultherrschertum, die jüngeren sind noch hemdsärmliger, umgänglicher. Und überwiegend auch zuverlässig. Planbarkeit ist eine der wichtigste Bedingungen für das Unternehmen Philharmoniker. Absagen und Umbesetzungen sind ein Fluch des modernen, streng durchgetimten Konzertbetriebs.

Eine neue Welt erschließen

Immer wieder ist zu hören, dass man bei den Jüngeren natürlich nicht wissen könne, wo es hingeht. Die Bindung soll schließlich dauerhafter sein. Das führt zum Kern des Auswahlproblems. Der neue Chefdirigent muss ein Kick für die Philharmoniker sein, er muss sie herausfordern, ihnen irgendeine neue Welt erschließen können. Künstlerische Routine führt zu Langeweile und zu Qualitätsverlust. Das gewisse Etwas gilt es zu finden. Aber was genau soll das sein? Was macht heute ein Dirigentengenie aus?

Dafür lohnt sich ein Blick in die Geschichte der Philharmoniker und des Dirigentenberufs. Unter den Musikerberufen ist der Dirigent einer der jüngeren. Als Urtypus gilt Jean-Baptiste Lully, ein italienischer Komponist und Balletttänzer, der die Pariser Hofkapelle des Sonnenkönigs leitete. Er stampfte den Takt nicht mehr mit dem Fuß, sondern nahm dazu einen langen, reich verzierten Stab. 1687 schlug er damit auf seinen Fuß, bekam Wundbrand und verstarb wenig später. Lully prägte das Modell des dirigierenden Komponisten.

Der Taktstock setzte sich im 19. Jahrhundert durch

Der die Hand verlängernde, weithin sichtbare Taktstock setzte sich erst im 19. Jahrhundert durch, als Orchester und Konzerthäuser immer größer wurden. Der Typ des Komponistendirigenten war bis ins 20. Jahrhundert hinein prägend. Inzwischen ist er – ebenso wie die Neue Musik – in der Nische des zeitgenössischen Konzertbetriebs verschwunden. Ein Genie hatte sich nochmal dagegen gestemmt: „West Side Story“-Komponist Leonard Bernstein dirigierte, lehrte und vermittelte, wo er nur konnte. Die Berliner Philharmoniker hat er nur einmal dirigiert, sie fanden seine Exaltiertheit befremdlich. Der letzte Große dieser Zunft ist wohl der Franzose Pierre Boulez, 90. Unter den amtierenden Berliner Chefdirigenten gibt es noch zwei Komponisten: Ivan Fischer am Konzerthaus und Henrik Nanasi an der Komischen Oper. Ihre Kompositionen kennt man leider nicht.

Im 19. Jahrhundert hatten sich in Deutschland zwei große Dirigentenschulen herausgebildet. Der von Berlin nach Leipzig gewechselte Felix Mendelssohn Bartholdy hat Dirigenten-Standarts eingeführt. Er begann, das zu vergessen drohende klassische Repertoire zu pflegen, und gründete das erste Konservatorium in Deutschland. Mendelssohn habe zwar große Werke komponiert, sagt der Berliner Stardirigent Daniel Barenboim, aber ohne ihn wäre die Musikgeschichte nicht anders verlaufen. Sprich: ein Genie war er nicht.

Wagner war Komponist und Dirigent

Bei seinem Antipoden Richard Wagner ist das unbestritten. Als Komponist (kaum als Dirigent) hat er Musikgeschichte geschrieben. Als „Taktstock Wagners“ bezeichnete sich gern Hans von Bülow. Er war der erste reisende Stardirigent, ein herrischer Pultmagier und gern karikierter Typ, der nur mit weißen Glacéhandschuhen auftrat. 1887, fünf Jahre nach Gründung der Philharmoniker, wurde er ihr Chefdirigent. Mit ihm begann eine Reihe der strengen Zuchtmeister: Arthur Nikisch, Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan. Letzterer definierte sich dann nur noch als Dirigent.

Mit genialem Instinkt hat Karajan die Chancen der aufkommenden Platten- und Fernsehindustrie ergriffen. Die im Klassikbetrieb längst vollzogene Aufspaltung in Schöpfer und Ausführenden hat er weiter geführt, indem er, der Interpret, sich selbst medial zum Schöpfer stilisierte. Sein Karajan-Sound wurde quasi für alle Ewigkeiten in Schallplatten gepresst, seine markanten Dirigentenposen auf Film gebannt. Dass die Philharmoniker teilweise nur als Staffage benutzt wurden, ist das Tragische der Karajan-Epoche. Aber sie war einmalig.

Technik und Humanismus

Es sieht danach aus, als würden die ganz Großen unter den Dirigenten künftig an ihren humanistischen Potenzialen und Utopien mit und jenseits der Musik ermessen. Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra, in dem junge Musiker aus Israel und arabischen Ländern gemeinsam spielen, ist eine dieser wunderbaren Schöpfungen. Aber auch unter den jüngsten Favoriten ist einer, der das Zeug zu mehr hat. Gustavo Dudamel, 34, ist aus dem venezolanischen „El Sistema“, einem Jugendförderungsprogramm, hervorgegangen. Er ist ein Dirigententyp, der aus seinen Erfahrungen Funken schlagen könnte. Die Klassik-Welt gehört immer den Mutigen.