Konzert in Berlin

Tim Bendzko präsentiert sich als patenter Entertainer

Dem Berliner Singer/Songwriter ist es zu ungemütlich geworden in den großen Hallen. Deshalb geht er auf eine Wohnzimmer-Tour. Nach seiner Show im Admiralspalast bricht ein Jubelorkan los.

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Seit vor vier Jahren sein Debütalbum „Wenn Worte meine Sprache wären“ erschienen ist, ging es mit dem Berliner Sänger Tim Bendzko rasant bergauf. Gleich die erste Single „Nur noch kurz die Welt retten“ hielt sich 47 Wochen lang in den Charts und wurde mit Platin ausgezeichnet. Auch Album Nummer zwei „Am seidenen Faden“ stand wochenlang auf Platz 1. Eine gute Million Platten hat er umgesetzt, zwei Echo-Musikpreise und den Bambi erhalten und 2013 mal kurz vor nahezu 20.000 Fans in der Waldbühne gespielt. Bendzko schwimmt auf imponierende Weise durch den Mainstream des Singer/Songwriter-Genres.

Inzwischen hat der 30-Jährige, dem immer noch dieser lässige Oberschüler-Charme anhaftet, einen Gang heruntergeschaltet. Er sucht die Nähe zu seinen Fans. Er hat für seine aktuelle Tournee wieder kleinere Hallen und Theater gebucht. Und hat sein Programm „Mein Wohnzimmer ist dein Wohnzimmer“ genannt. „Fühlt euch hier wie zu Hause“, sagt er denn auch am Sonntagabend im ausverkauften Admiralspalast. Und beweist sich als patenter Entertainer, der genau weiß, was sein Publikum von ihm erwartet.

Etliche angejahrte Hängelampen und staubige Stehlampen dominieren das Bühnenbild. Im Hintergrund steht eine mit Flaschen vollgestellte Hausbar, vorn eine kleine Sitzecke mit zwei plüschig-roten Sesseln. Retro-Charme vom Trödelmarkt. Willkommen in Bendzkos guter Stube. Vier Klasse-Musiker hat er dabei, die er als Tim-Bendzko-Cover-Band vorstellt. Pianist Daniel Hassbecker gehört dazu, der Sohn von Silly-Gitarrist Uwe Hassbecker, Akustik-Gitarrist Daniel Hoffknecht, Stephan Pfaff, der einen halbakustischen E-Bass spielt und Schlagzeuger Peter Wanitschek. Ein bestens eingespieltes Team.

Kein Halten auf den Klappstühlen

„Am seidenen Faden“ gibt es zum Auftakt, gefolgt von „Ich will Dein Herz“, und das mehrheitlich weibliche Publikum hält es schnell nicht mehr auf den Klappstühlen. Der lautstarke Jubel ist von frenetischem Kreischen durchzogen, wann immer sich mitklatschen lässt wird mitgeklatscht, und textsicher wandelt sich das Auditorium immer wieder zum hellklingenden Chor. Bendzko singt von der Liebe in all ihren Facetten. Es sind Lieder mit Zeilen, die sich gut im Poesiealbum machen würden und sich mitunter nicht scheuen, auch mal ins schlagerhafte abzudriften.

Einmal geht er runter ins Publikum und holt sich von ganz hinten im Saal eine Besucherin auf die Bühne. Yvonne heißt sie. Sie plaudern und trinken ein Gläschen Sekt in der Sitzecke und Bendzko spielt ganz allein für sie „Unter die Haut“, nur mit Gitarre und gänzlich unverstärkt. Um dann seinen Hit „Nur noch kurz die Welt retten“ folgen zu lassen.

Dann wieder versucht er ein Pärchen beim Song „Sag einfach ja“ zu einem Heiratsantrag zu überreden. Klappt nicht so richtig. Macht aber nichts. „Wenn Worte meine Sprache wären“ bringt den Saal wieder zum Schwelgen. Bendzko singt mit wunderschön klarer, leicht souliger Stimme, ohne gleich wie Xavier Naidoo zu klingen. Er hat sich glücklicher Weise von seinem großen Vorbild freigesungen.

Hochmusikalische Leichtigkeit

Während der Tour haben sich die Musiker vorgenommen, immer auch ein Lieblingsstück zu spielen, das sie erst am Tag des Konzerts eingeübt haben. In Berlin ist das „Verdammt ich lieb dich“ von Matthias Reim. Andernorts war das Reinhard Meys „Über den Wolken“. Das spielen sie auch gleich noch mal, weil‘s heute das Heimspiel in Berlin ist.

Auch andere Coverversionen mischen sie ins Repertoire, wie „Männer“ und „Alkohol“ von Herbert Grönemeyer oder „Du trägst keine Liebe in Dir“ von Echt. Die Show ist von hochmusikalischer Leichtigkeit und die zweieinhalb Stunden mit diesem souverän-legeren Wohnzimmer-Unterhalter vergehen wie im Fluge. Solch einen Jubelorkan hat der Admiralspalast schon lange nicht mehr erlebt.