Konzert im Postbahnhof

Die französische Kult-Band Indochine erobert Berlin

Indochine sind zum ersten in Berlin, ja in Deutschland aufgetreten. In Frankreich gehört die Band um Sänger Sänger Nicola Sirkis seit Jahrzehnten zu den Superstars des Pop.

Foto: Sebastian Reuter / Redferns via Getty Images

Bei der allerletzten Zugabe, die am Mittwochabend im seit Wochen ausverkauften Fritz-Club im Postbahnhof ein fulminantes Konzert beendet, ist ein interessantes Phänomen zu beobachten. Plötzlich tauchen etliche Din-A-4-Zettel in Händen des Publikums auf. „Danke“ ist darauf in großen Lettern zu lesen. Und „Merci“. Begeisterte Menschen halten die Zettel Richtung Bühne, auf der die französische New-Wave-Rockband Indochine um den drahtigen, strubbelköpfigen Sänger Nicola Sirkis sich gerade ein letztes Mal verausgabt.

Sie haben in dieser Nacht Berlin erobert. Man sieht ihnen beim finalen Verbeugen die Erleichterung an. Denn es ist es das erste Mal, das Indochine in Berlin auftreten. Überhaupt in Deutschland. Und das nach mittlerweile 34 Jahren Bandgeschichte. In Frankreich gehören sie seit Jahrzehnten zu den Superstars des Pop. Sie treten in den größten Stadien vor bis zu 80.000 Menschen auf. Ihre bislang zwölf Studioalben verkauften sich mehr als zehn Millionen Mal. Und Songs wie „L’Aventurier“ „3ème Sexe“ oder „J'ai demandé à la lune“ avancierten zu Klassikern des französischen Rock. Nur bei uns hat bisher eine eher kleine verschworene Gemeinde von ihnen gehört.

Indochine leiden wie viele großartige Bands am europäischen Syndrom. Egal in welchem Land - wer sich dazu entschließt, in seiner Landessprache zu singen und nicht von der britischen Insel stammt, hat schlechte Karten. Hier hat Europa immer noch starre Grenzen. Der trennende Schlagbaum heißt Sprachbarriere. Egal, ob Spanien, Italien oder eben Frankreich. So lassen sich aber immer wieder Entdeckungen machen, und man staunt, mit welcher Energie und Perfektion Indochine zu Werke gehen.

Fünf Musiker drängen sich auf der Bühne – Konzentration auf das Wesentliche

Keine gewaltige Bühne mit Laufstegen, keine gigantischen LED-Bildwände, kein Feuerwerk, keine Flammenwerfer, keine Konfettikanonen. Im Postbahnhof wird das Konzert auf das wesentliche konzentriert. Im Bühnenhintergrund prangt der leuchtende Schriftzug des Bandnamens. Das war es schon mit dem Bühnenbild. Davor drängen sich die fünf Musiker auf der kleinen Bühne und spielen mit rauer Eingängigkeit ihre Hits. Und das Schönste: das Publikum kennt sie alle. Und singt die französischen Texte Wort für Wort lautstark mit. Faszinierend.

Sänger Nicola Sirkis, inzwischen 55 Jahre alt, ist das einzige originale Bandmitglied. Er hat die Gruppe über die Jahre verjüngt. In Berlin ist neben Gitarrist Boris Jardel, Bassist Marc Eliard und Keyboarder und Gitarrist Oli de Sat mit dem Schweden Ludwig Dahlberg ein brandneuer Schlagzeuger dabei. Sirkis ist ein ausgebuffter Entertainer. Er ist ganz nah am Publikum, animiert immer wieder zum Mitmachen und die zahlreich wiederkehrenden Oh-ho-hos und A-ha-has werden kräftig mitskandiert.

Von Punk über Elektropop zum französischen Chanson

Man spürt bei manchen Songs, aus welcher Phase der Band sie stammen. Die aus den frühen 80er-Jahren klingen sehr punkverliebt, später wird das Ganze mit Elektropop angereichert, die neueren Stücke können ihre Nähe zum Stadionrock nicht immer verleugnen. Man hat Indochine schon als die französischen Depeche Mode, die französischen Cure und die französischen U2 apostrophiert. Ein bisschen ist da schon etwas dran, doch allein durch die Melodie der französischen Texte (in Berlin versucht sich Sirkis mitunter auch an englischen Übertragungen) wird der Sound von Indochine zu etwas ganz eigenem.

Textlich kann die Band ihre Nähe zum französischen Chanson nicht verleugnen. Sirkis gibt sich poetisch verspielt, singt von Verliebten über Geschlechtergrenzen hinweg, lässt sich durch Vorbilder von Marguerite Duras bis J. D. Salinger leiten, widmet sich in einem Stück auch dem Thema Gewalt unter Schülern. Das kontroverse Schwarzweiß-Video zu „College Boy“ hat der französische Regisseur Xavier Dolan inszeniert. Das Stück stammt vom 2003 erschienenen, bisher letzten Album „Black City Parade“, das in den Berliner Hansa-Studios abgemischt wurde.

Immer wieder singt der ganze Saal mit. Bei der Ballade „J’ai demandé à la lune“ von 2002 ebenso wie beim punkpoppigen neuen Stück „Salomé“. Mit einem gut 20-minütigen Medley, bei dem sich Indochine einmal durch die Bandgeschichte spielt, geht ein aufwühlender Konzertabend zu Ende. Doch gleich für mehrere Zugaben kehren Sirkis & Co. Noch einmal zurück und bringen den Laden mit „Trois nuits par semaine“ in schweißtreibende Bewegung. Hätten sich Indochine auf englische Texte verlegt, sie wären vielleicht so populär wie ihre Kollegen von Air oder Daft Punk. Doch gerade der konsequente Einsatz der französischen Sprache macht diese Band so einzigartig. Zettel in die Höhe. „Danke!“ und „Merci!“.

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