Singer/Songwriter

James Taylor kommt im Tempodrom seinen Fans ganz nahe

James Taylor hat das Leben und die Liebe in den 70er-Jahren mit Hits wie „Fire and Rain“ oder „Your Smiling Face“ geprägt. Im Berliner Tempodrom zeigte er sich als Legende zum Anfassen.

Foto: Scott Roth / AP

Nach einer guten Stunde ist Pause beim Konzert. Das freut die Hausgastronomie, den Merchandising-Stand und die Raucher. „Ich weiß nicht, warum wir das überhaupt machen“, sagt Singer/Songwriter James Taylor kurz zuvor auf Deutsch. „Ich stehe dann doch nur dort hinten hinter dem schwarzen Vorhang herum. Und schaue ständig auf die Uhr.“ Tut er aber gar nicht. Während der ganzen mehr als 20 Minuten Pause sitzt er nämlich am Sonntagabend im mit rund 1800 Besuchern gefüllten Tempodrom am Bühnenrand, umringt von mit Smartphones fotografierenden Fans und gibt Autogramme auf Tickets, Platten, T-Shirts, was auch immer. Auch noch, als die Band schon wieder auf die Bühne zurückgekehrt ist und das Konzert längst weiter gehen soll.

James Taylor liebt diesen direkten Kontakt. Er sucht die Nähe zu seinen Fans. Er scheint sich selbst zu wundern, wie viele es noch sind. Frauen in den Vierzigern sind aufgeregt wie Teenager, wenn sie dem inzwischen 67-jährigen Musiker nahe kommen. Das Publikum ist bunt gemischt vom neugierigen Twentysomething-Pärchen bis zum graumähnigen Langzeitfan. Dieser Abend ist kein Jahrgangstreffen der Taylor-Generation, aber jede Menge Weggefährten sind schon gekommen zu diesem Konzert mit einem stilprägenden Sänger, der das Leben und die Liebe in den 70er-Jahren mit Hits wie „Fire and Rain“ oder „Your Smiling Face“ geprägt hat und der zum Vorbild unzähliger Liedermacher wurde – bis hin zu den weinerlichen Strubbelbart-Trägern der Neuzeit.

Vom Grübler zum Entertainer

Der Mann ist pünktlich. Lässig schlendert er kurz nach 20 Uhr in dunklem Anzug und mit Schiebermütze in den Applaus und eröffnet den Abend, unterstützt von seiner All Star Band, mit „Something In The Way She Moves“. Mit gutem Grund. Mit diesem Stück, so sagt er, habe 1968, „als noch die Dinosaurier die Erde bevölkerten“, seine Karriere begonnen. James Taylor, Sohn aus gutem Bostoner Hause und lange Jahre von Depressionen und Drogenproblemen geplagt, landete Ende der 60er-Jahre in England und wurde für sein Debüt-Album vom Beatles-Plattenlabel Apple Records unter Vertrag genommen. George Harrison mochte den Song „Something In The Way She Moves“ so sehr, dass er ein Jahr später die Titelzeile für sein Stück „Something“ verwendete.

Aus dem jungen James Taylor, dem getriebenen Grübler mit den traurigen Augen, ist ein gereifter Entertainer geworden, der es geschafft hat, die Fallstricke des Lebens, die ihn immer wieder aus der Bahn zu werfen drohten, hinter sich zu lassen. Respektvoll, aber nicht ohne ironischen Blick schaut er zurück auf sein musikalisches Erbe, ohne dabei in Nostalgie zu verfallen. Auch wenn man in unseren Breiten in den letzten Jahrzehnten seltener von ihm gehört hat, war Taylor in den USA stets aktiv. Im Sommer erscheint nach 13 Jahren mit „Before This World“ ein neues Album mit neuen Songs. Einige davon wie die Countrynummer „Today, Today, Today“ oder die melancholische Ballade „You And I Again“ spielt er auch an diesem Abend.

Eine großartige Band stärkt ihm den Rücken. Der Pianist Larry Goldings ist dabei, Gitarrist Michael Landau, Bassist Jimmy Johnson und Schlagzeuger Steve Gadd. Allesamt alte Hasen im amerikanischen Musikgeschäft. Als Background-Sänger komplettieren Arnold McCuller, Andrea Zonn und Kate Markowitz die All Star Crew, wobei Andrea Zonn einige Stücke auch mit ihrem Geigenspiel veredelt. Und mittendrin immer dieser altersweise lächelnde James Taylor, der so wunderbar die Gitarre spielt und dessen Stimme noch immer so unverkennbar warm und weich betört wie am ersten Tag.

Jubel schon nach den ersten Takten

Der Sound ist für Tempodrom-Verhältnisse elegant und zurückhaltend abgemischt. Musikalisch geht die Reise durch Blues, Gospel, Soul und Country. Immer wieder bekommen die Musiker Raum für solistische Einlagen und Taylor scheut sich nicht, sie als „Best Band in the World“ anzupreisen. Da wird neben den bekannten Balladen auch mächtig Druck gemacht beim neuen Stück „Stretch of the Highway“ oder dem treibenden „Steamroller Blues“, dem einzigen Stück des Abends, bei dem sich James Taylor eine türkisfarbene E-Gitarre umhängt und zur Blues-Harp greift.

Die Hits werden schon nach den ersten Takten bejubelt. Wie „Carolina On My Mind“ oder „Shower The People“, wie „Mexico“, „Sweet Baby James“ und natürlich „Fire And Rain“. Der eher als still und zurückhaltend bekannte Musiker ist lockerer geworden. Da ist einer mit sich im Reinen und kann über sich selbst lächeln. Den Klassiker „Country Road“ sagt er mit der Bemerkung „here is another of these tree-hugging-anthems“ an, eine kokette Anspielung auf die mitunter hippieseligen Texte der frühen Jahre.

Und natürlich spielt er auch jenen Song aus der Feder von Carly Simon, der ihm 1971 den ersten von bisher fünf Grammy-Musikpreisen eingebracht hat. Bei „You’ve Got A Friend“, dieser zeitlosen Hymne an die Freundschaft, die James Taylor als allerletzte Zugabe spielt, gerät das Tempodrom nach diesen zweieinhalb Stunden mit einer Legende ins Schwelgen. Der Mann hat viel bewegt. Und er kann immer noch bewegen. Der Applaus ist dankbar und lang anhaltend.