Konzert

Partykönig James Last verabschiedet sich von Berliner Fans

Kein Hit war vor ihm sicher: James Last, mittlerweile 86 Jahre alt, gab in der Berliner O2 World sein Abschiedskonzert. Im lang anhaltenden Applaus schwang dennoch Hoffnung auf ein Wiedersehen mit.

Foto: Christian Charisius / dpa

Er war der Partykönig in einer noch jungen Bundesrepublik. James Last hat die Deutschen das Feiern gelehrt. Seine so leichtgängigen wie unbeschwerten Orchester-Arrangements brachten jede Tanzfläche in Bewegung. Man konnte sich dem überaus produktiven Bandleader, der seine Musik so lässig aus dem Handgelenk schnippt, einfach nicht entziehen. Auch wenn man es noch so sehr wollte. Mit seinem 1965 erschienenen ersten Album „Non Stop Dancing“ begann eine Erfolgsgeschichte, die bis heute anhält.

Doch nun soll Schluss sein. Nach einer lebensbedrohlichen Erkrankung im vergangenen Herbst weiß James Last, dass er sein Tourneeleben beenden muss. Es scheint mehr eine Vernunftentscheidung zu sein. Denn wirklich aufhören will er eigentlich gar nicht. So viel jedenfalls ist klar nach seinem Abschiedskonzert am Sonnabend in der Berliner O2 World. „Leute, auf Wiedersehen“ ruft er den rund 4000 Fans am Ende seiner großen Show zu. „Wir kommen wieder. Versprochen.“

Auch wenn das Programm der aktuellen Tournee recht zeitgemäß und popaffin ist, fühlt man sich wie in eine andere Zeit gebeamt. Was in den 60er- und 70er-Jahren noch die großen Tanzorchester von Hugo Strasser bis Max Greger waren, besorgen heute die DJs auf den Dancefloors der großen und kleinen Partytempel. Ein Show-Orchester wie das von James Last, das sich aktuelle Hits zu eigen macht und auf originelle Weise neu interpretiert, wirkt da geradezu anachronistisch, wenn auch auf höchst sympathische Weise.

James Last veröffentlichte bis zu zehn Alben im Jahr

James Last, der geschulte Pianist und gelernte Bassist, ist vor allem ein vorzüglicher Arrangeur. Kein Hit war vor ihm sicher. Er hat Songs von den Beatles und den Stones seinen Happy-Sound verpasst. Er hat Polka und Walzer, Volkslieder und Schlager, Rock’n’Roll und Klassik, Folklore und Countrysongs für seine „Non Stop Dancing“-Serie kompatibel gemacht. Immer eine LP-Seite lang und ohne Pause, mit darunter gemischten Partygeräuschen. Das war der Soundtrack zu ausgelassenen Nächten im Fetenkeller mit Schinkenröllchen und Käseigel, Pfirsichbowle und Eierlikör. Mitunter bis zu zehn Alben veröffentlichte er pro Jahr, rund 160 Platten hat er herausgebracht, mehr als 80 Millionen Tonträger hat er bis heute verkauft.

Es wird mächtig aufgefahren in der Friedrichshainer Mehrzweckhalle. Gut drei Dutzend Musiker sind auf der Bühne, davon allein 14 Damen und Herren in der Streichergruppe. Die Eröffnung ist so überraschend wie opulent. Auf einen Vorhang werden ein Peacezeichen, ein Herz und zwei Viertelnoten projiziert. Pünktlich um 19.30 Uhr beginnt das Orchester samt zweier Sänger und dreier Sängerinnen den Abend mit dem pulsierend-treibenden „My Songs Know What You Do In The Dark“, einem Stück der amerikanischen Alternative-Rockband Fall Out Boy, dem im Mittelteil plötzlich „Wochenend und Sonnenschein“ im klassischen James-Last-Trompeten-Sound eingeschoben wird.

Publikum versucht sich an „Happy Birthday“-Gesängen

Und unter Jubel erscheint James Last im Glitzerjackett, die ganze Halle erhebt sich von den Sitzen. Er geht lässig, langsam, vorsichtig geradezu und gibt mit dem angewinkelten rechten Arm den Takt vor. Gleich mit dem zweiten Stück bekommt die Jubelstimmung einen kleinen Dämpfer. „Thank You For The Prayers“ ist ein von Orgel und Streichern dominiertes, melancholisch-sakrales Instrumentalstück, das Last nach seiner Genesung komponiert hat. „Wir kommen langsam zum Ende einer höchst erfolgreichen Tournee“, sagt er auf seine nordisch-nuschelige Art in einer ersten Ansprache an das Publikum. „Ich habe viel Spaß gehabt. Wir hatten immer ein tolles Publikum. Wie heute in Berlin.“

Am Freitag ist James Last 86 Jahre alt geworden. Später am Abend versucht sich das Publikum an „Happy Birthday“-Gesängen. „Na, da kommen wir doch besser nächstes Jahr wieder“, sagt Last. „Und bis dahin üben wir das Ganze noch mal ein bisschen“. Er gibt sich charmant, jovial und bodenständig wie gewohnt. Er will sich nicht anmerken lassen, dass Altwerden keinen Spaß macht. Er sei früher oft in Berlin gewesen beim Tanz in den Mai. „Das ist aber 50 Jahre her“, sagt er. „Du warst auch dabei?“, fragt er einen Besucher vor der Bühne. „Und? Kannst Du noch laufen?“

In den Gängen wird Walzer getanzt

Ein erstklassiges Orchester hat er um sich geschart. Stilsicher spielen die Musiker alles, was sich auf den Notenblättern vor ihnen auftut. Filmklassiker wie „Theme From Rocky“ oder „Pirates of the Caribbean“ ebenso wie ein Bach-Präludium im tempogetriebenen Rock-Arrangement oder den Johann-Strauss-Walzer „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Hier wird tatsächlich in den Gängen Walzer getanzt. Bei moderneren Stücken wie „Roar“ von Katy Perry oder „Story of my Life“ von One Direction bleibt das Publikum etwas in der Defensive. Gitarrist Erlend Krauser kann bei einer Instrumentalversion von Christina Aguileras „The Voice Within“ brillieren. „Happy“ von Pharrell Williams wird indes relativ originalgetreu ins Publikum gewuchtet.

Mehr als 200 Goldene Schallplatten

Immer wieder werden mehrere Stücke in Medleys verpackt. Zu groß ist das Oeuvre des Mannes, der im Lauf seiner Karriere mehr als 200 Goldene Schallplatten gesammelt hat. Keineswegs ausschließlich mit Coverversionen. So werden auch Last-Kompositionen wie die Filmmusik zu „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“ eingebunden. Oder „Der einsame Hirte“, das Stück, das Last einst mit Panflötist Gheorghe Zamfir eingespielt hat und das es später auf den Soundtrack von Quentin Tarantinos „Kill Bill“ geschafft hat. „Biscaya“ ist ein anderer Last-Hit, bei dem gleich zwei Akkordeons zum Einsatz kommen.

Und immer wieder ist da dieser typische Last-Klang der Trompeten, die sich mehrstimmig an den populären Melodien reiben. Vor allem Solist Chuck Findley kann immer wieder mit solistischen Einlagen überzeugen, ob bei der Ballade „Somewhere“ aus dem Musical „West Side Story“ oder im Trompeter-Quartett bei Dizzy Gillespies Jazz-Standard „A Night In Tunesia“.

Das Konzert wirkt wie ein Abend unter Freunden, bei dem jeder sein Lieblingslied einbringen darf. Und bei dem die musikalischen Geschmäcker höchst verschieden sind. James Last schafft es, all diese konträren Genres in einen kompakten Easy-Listening-Sound zu gießen. Da nimmt ein Gigant der deutschen Unterhaltung Abschied. Der Partykönig dankt ab. Im lang anhaltenden Applaus schwingt dennoch ein wenig Hoffnung auf ein Wiedersehen mit.