Philharmoniker-Dirigent

Wer gute Chancen auf die Rattle-Nachfolge hat

Am 11. Mai wählen die Berliner Philharmoniker den Nachfolger von Sir Simon Rattle – eine Besonderheit im Klassikbetrieb. Die Morgenpost hat eine Shortlist der besten Dirigenten zusammengestellt – Teil 1.

Foto: Kirsten Johannsen

Hinter verschlossenen Türen werden die Berliner Philharmoniker am 11. Mai ihren neuen Chefdirigenten wählen. Es ist eine Besonderheit im weltweiten Klassikbetrieb, dass Orchestermusiker ihren Chef selbst wählen. Die Wahl wurde nötig, nachdem Sir Simon Rattle sein Vertragsende für 2018 angekündigt hatte. Inzwischen ist bekannt, dass der Brite nach London wechselt. In Berlin haben die Philharmoniker die Qual der Wahl: 30 bis 40 Dirigenten haben sie für den laufenden Konzertbetrieb gelistet. Einer davon wird es werden. Am Wahltag erstellen sich die Musiker zuerst eine Shortlist der Favoriten. Dann beginnt die Abstimmung.

Mariss Jansons, 72, wird auf der Liste stehen. Er ist wohl der beliebteste Dirigent, der derzeit in der Konzertwelt unterwegs ist. Niemand würde etwas Böses über den Großen aus Riga sagen. Dabei gehört der Lette zu jenen Pultstars, die genau wissen, was sie wollen. Aber der Ton macht die Musik. Er ist vielseitig, integer und ein höflicher Dirigent der alten Schule. Begonnen hat er in Leningrad, 1968 kam er nach Österreich und wurde ein Zögling von Herbert von Karajan. In dessen Berliner Chefdirigenten-Zeit fällt Jansons Debüt 1974 bei den Philharmonikern. Von ihm weiß man, dass er das Orchester liebt und den Scharoun-Bau ebenso. Gute Konzertsäle sind dem Dirigenten wichtig. Insofern müssen ihn die Konzertsaal-Streitigkeiten in München, wo er noch bis 2018 Chef des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks ist, nerven. Jansons ist ein Vollblutmusiker, leider aber gesundheitlich angeschlagen. Er dirigiert bemerkenswerterweise die beiden Konzerte direkt vor der Wahl.

Chance: 70 Prozent

Daniel Barenboim, 72, ist der Richtige, wenn die Philharmoniker einen echten Weltstar suchen. Einen Dirigenten, von dem man überall irgendwie schon einmal gehört hat. Das Magazin "The New Yorker" hat Barenboim einmal den wichtigsten lebenden Klassikmusiker genannt. Nicht zuletzt hat sich Barenboim mit seinem West-Eastern Divan Orchestra, in dem junge Musiker aus Israel und arabischen Ländern friedvoll miteinander spielen, einen Namen gemacht. Barenboim steht für etwas – etwas Gutes. Den Philharmonikern ist der argentinisch-israelische Pianist und Dirigent bereits seit mehr als fünf Jahrzehnten verbunden. Zur Wahl stand er auch schon zweimal. Im letzten Wahlgang fiel die Entscheidung auf Rattle, den Jüngeren. Das wurde als philharmonische Richtungsentscheidung gewertet. In Berlin sitzt Barenboim an der Staatsoper fest im Sattel. Und egal, welches Orchester er leitet, er bleibt die Nummer 1. Insofern wäre die späte Eheschließung Barenboims mit den Philharmonikern gut vorstellbar.

Chance: 70 Prozent

Christian Thielemann, 56, ist das, was man einen Instinktmusiker nennt. Natürlich möchte jeder Musiker sich als ein solcher sehen. Aber Thielemann ist es wirklich, das ist seine Qualität, mit der er künstlerische Highlights heraufbeschwören kann. Hierzulande ist er für viele eine Art Bannerträger, um die gute alte deutsche Musiktradition weiterzuführen. In einer Musikwelt, die immer globaler, austauschbarer, digitaler wird. Thielemann ist der Erbe Karajans. Dabei ist er ein Unikat, aber das ist wie immer Segen und Fluch zugleich. An ihm scheiden sich die Geister. Seine, nennen wir es, verständnisvoll-pathetische Reaktion auf die Pegida-Bewegung, als die vor seinem Haus, der Dresdner Semperoper, zu demonstrieren begann, hat viele irritiert. Nichtsdestotrotz hat er innerhalb der Philharmoniker eine große Fraktion, die sich gerne zu ihm bekennt. Seine Brillanz im spätromantischen Repertoire von Wagner, Bruckner bis Strauss ist unumstritten. Bei den Bayreuther Festspielen gibt er seit Jahren die musikalischen Leitlinien vor. Und alle Vorwürfe, nicht die nötige Vielseitigkeit und Kenntnis im Konzertrepertoire zu haben, hat er längst ausgeräumt. Als Berliner genießt er einen Bonus, allerdings weiß man aus seiner Zeit als Generalmusikdirektor an der Deutschen Oper, dass er ein trotziger Pultherrscher ist. Damit müssten die Philharmoniker leben lernen. Thielemann wird am 11. Mai auf ihren Anruf warten.

Chance: 60 Prozent

Andris Nelsons, 36, wäre eine Investition in die Zukunft. Nelsons gehört zu den hellsichtigsten, musikantischsten Dirigenten der jüngeren Generation. Ein Mann mit Charisma, der sich auch in Szene setzen kann. Der Lette ist ein Ziehkind von Mariss Jansons. Nelsons hat gerade erst das Boston Symphony Orchestra übernommen. Von dort ist zu hören, dass er sich mit großem Engagement, ja mit Durchsetzungskraft das Orchester und das Drumherum aneignet. Nelsons sucht nach etwas. Im letzten Sommer hatte er in einem Zeitungsinterview mitgeteilt, dass er sich für die Berliner Philharmoniker noch zu jung fühle. Kurz darauf hat er das wieder dementiert. Vom 23. bis 25. April wird Nelsons noch einmal die Philharmoniker dirigieren. Ein Programm mit HK Gruber und Mahler. Der Dirigent wird alles geben, darauf kann man sich verlassen. Vor diesen Konzerten und der Wahl will Nelsons, wie seine Agentur am Freitag mitteilte, keine Interviews in Berlin geben. Warum wohl?

Chance: 60 Prozent

Gustavo Dudamel, 34, wäre ein idealer Kompromisskandidat, wenn sich die Wahl zwischen den Lagern festläuft. Der Venezolaner genießt in Berlin viel Sympathie. Er gehört zu den fotogenen Dirigenten, die ihre Leidenschaften am Pult ausleben. Gerade auch bei PR-Leuten lässt er die Herzen schneller schlagen. In den letzten Jahren sind seine Interpretationen reifer geworden. Und vor allem steht auch er für etwas: Dudamel ist aus dem venezolanischen Erziehungssystem "El Sistema" hervorgegangen. Es ist ein Aufsteigermodell, in dem jeder eine Chance bekommt. Derzeit ist er Musikdirektor des Los Angeles Philharmonic Orchestra.

Chance: 40 Prozent

Riccardo Chailly, 62, hat die italienische Oper im Herzen. Als Nachfolger Daniel Barenboims führt er die Mailänder Scala. Genau genommen ist er ein Ziehkind Claudio Abbados. Seit gefühlt ewigen Zeiten leitet er – inklusive der Zerwürfnisse in der erzkonservativen Musikstadt Leipzig – das Gewandhausorchester. Die CD-Aufnahmen werden allgemein gelobt.

Chance: 35 Prozent

Yannick Nézet-Séguin, 40, ist Musikdirektor des Philadelphia Orchestra. Der Kanadier feilt an einer eigenen Dirigierästhetik. Oder auch Pultshow. Das Publikum liebt es. Musiker loben ihn. Er hat seinen Vertrag bereits bis 2022 verlängert. Aber was bedeutet das schon, jeder gute Vertrag enthält Ausstiegsklauseln. Altersmäßig läge Nézet-Séguin goldrichtig, um der Alles-Jung-und-Frisch-Fraktion zu gefallen und höchste Ansprüche zu erfüllen.

Chance: 30 Prozent

Riccardo Muti, 73, ist ein Stardirigent der Generation 70 plus. In seiner Altersklasse hat der Italiener allerdings starke Konkurrenz neben sich. Es ist bemerkenswert, dass wieder viele gute Dirigenten in der Generation 30 plus zu finden sind. Aber die Generation dazwischen ist dünn besetzt. Altmeister Muti leitet das Chicago Symphony Orchestra. Er gehört zu den italienischen Dirigenten, deren Name rund um die Welt klingt. Bei den Philharmonikern ist er seit 1972 ein gern gesehener Gast. Aber es ist – ähnlich wie bei Chailly – weniger damit zu rechnen, dass so schnell nach Claudio Abbado wieder ein Italiener das Amt übernimmt. Immerhin: Muti wird vom 15. bis 17. April die Philharmoniker leiten.

Chance: 30 Prozent

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