Philharmonie

Thielemann weckt Sehnsüchte nach alten Zeiten

Christian Thielemann gibt ein Gastspiel bei den Berliner Philharmonikern. Und wird vom Publikum bejubelt. Könnte er ein Nachfolger für Simon Rattle sein?

Gelassener Schritt, freundlich geneigtes Haupt: Betont zurückgenommen tritt Christian Thielemann vor die Philharmoniker. Ruhig und klar lässt er Franz Liszts halbvergessene Sinfonische Dichtung „Orpheus“ fließen. Dunkel schwelgen die Streicher, behutsam blühen die Bläser. Thielemann hüllt die Philharmonie in verführerische Farben. Er zelebriert wärmenden Schönklang und noble Sinnlichkeit.

Überraschend nahtlos fügt sich Hans Werner Henzes altersmildes Werk „Sebastian im Traum“ an. Ein neuromantisches Nachttableau von 2004, klangpoetisch bis ins kleinste Detail. Inspiriert durch den gleichnamigen Gedichtzyklus des Expressionisten Georg Trakl. Thielemann hält das opulente Opus hingebungsvoll zusammen. Der Anti-Avantgardist Henze liegt dem Maestro hörbar am Herzen. Und das verwundert kaum. Denn Henzes Musik hat viel von dem, was auch Thielemanns Erfolg ausmacht: die sendungsbewusste Traditionsverbundenheit, die unbeirrbare Lust an sinfonischer Pracht. Eigens für ihren Gastdirigenten haben die Philharmoniker Henzes „Sebastian“ neu einstudiert.

Kraftvoll schaufelt Thielemann den Musikern Ideen zu

Beethovens „Eroica“ dagegen kennen sie seit Ewigkeiten. Langeweile kommt unter Thielemann trotzdem nicht auf. Virtuos schichtet er die Partitur, kraftvoll schaufelt er den Musikern seine Ideen zu. Es ist ein bildergewaltiger Beethoven, den Thielemann in der Philharmonie hochzieht. Mit leichenblassen Streichern und gruftigen Bässen zu Beginn des langsamen Satzes, mit berauschenden Tutti-Fontänen im Kopfsatz und derben Späßen im Finale. Thielemann liebt das schnelle Umschalten – von samtig auf erdig, von dramatisch auf beschaulich, von schüchtern auf aggressiv. Schafft er es, diesen episodenhaften, wechsellaunigen Beethoven zu einer Einheit zu schließen? Beinahe scheint es so.

Denn trotz jäher Stimmungsumschwünge und fantastischer Anwandlungen setzt Thielemann stets auf emphatischen Orchester-Gesamtklang. Seine ausholenden Gesten gelten vor allem dem voluminös besetzten Streicherapparat. Färbend fügen sich die Bläser ein. Selbst im triumphalsten Fortissimo dienen Hörner und Trompeten dem breiten Kollektiv. Es ist ein Klang, der Sehnsüchte nach vermeintlich guten alten Zeiten weckt. Vollkommen unberührt von den Errungenschaften historischer Aufführungspraxis. Unerschütterlich auf die Ära Karajan zurückweisend. Thielemann lässt an Zeiten denken, in denen Dirigenten ihr Orchester mit starker Hand zusammen hielten. Und das Publikum jubelt ihm zu.

Unter den Philharmonikern gibt es einige, die sich Thielemann als Nachfolger von Simon Rattle, der 2018 aufhört, wünschen. Es wäre wohl ein künstlerischer Rückschritt mit Vor- und Nachteilen: Das Orchester hätte wieder einen unverwechselbaren Sound als Markenzeichen. Einen Sound, um den es die Musikwelt wahrscheinlich sogar beneiden würde. Die Philharmoniker müssten dann allerdings auch auf viele individuelle Freiheiten verzichten, die sie unter Abbado und Rattle lange genossen haben.