Berliner Philharmoniker

„Jeder lebende Dirigent ist wählbar“

Sir Simon Rattle hört 2018 auf. Die Philharmoniker Peter Riegelbauer und Ulrich Knörzer erklären, wie die Wahl seines Nachfolgers am 11. Mai abläuft.

Foto: Reto Klar

„Wir haben uns den ganzen Tag freigehalten“, sagt Kontrabassist Peter Riegelbauer. Am 11. Mai wählen die Berliner Philharmoniker den Nachfolger von Sir Simon Rattle, der 2018 aufhört. Wobei Riegelbauer gleich für etwas Verwirrung sorgt mit seiner Mitteilung, dass man aber keinen Chefdirigenten wähle. „Die Position heißt bei uns künstlerischer Leiter“, fügt er hinzu. Das bedeutet einiges mehr.

Der Chef der Philharmoniker plant nicht nur seine eigenen Konzerte, sondern auch die der anderen Dirigenten und ist fürs Haus mit verantwortlich. „Gerade auch Simon hat als künstlerische Leiter sehr viel Verantwortung für die Institution Philharmonie eingebracht“, so Riegelbauer. Er wird im folgenden Gespräch dann doch regelmäßig vom Chefdirigenten sprechen. Und sich lächelnd verbessern. So viel zur Tradition von Begriffen – Chefdirigent klingt einfach besser.

Peter Riegelbauer und Bratscher Ulrich Knörzer sind die beiden Orchestervorstände, die voraussichtlich am späten Nachmittag des 11. Mai vor die Mikrofone treten werden, um den Namen des Nachfolgers zu verkünden. Es geht um die wohl begehrteste Position im weltweiten Konzertbetrieb. Es hat ein bisschen was von einer Papstwahl. Wenn die Wahl dann auf einen Dirigenten gefallen ist, wird er gleich angerufen und gefragt. Claudio Abbado und Simon Rattle hatten am Telefon sofort ja gesagt.

Keine geheimen Vorgespräche

Sollte der Wunschkandidat nein sagen, werden die Musikern sofort beschließen, wie weiter verfahren wird. Natürlich könnte es auch sein, dass ein Dirigent sich einen Tag Bedenkzeit wünscht. Aber die beiden Vorstände rechnen nicht damit. Auch wenn keiner der Favoriten vorher informiert würde, heißt es. Zuletzt gab es bei der Nachfolgerwahl von Herbert von Karajan geheime Vorgespräche. Einige rechneten also fest mit ihrer Wahl, dann wurde Abbado gewählt, und sie waren hinterher verärgert. Man könne schließlich auch keine Frau fragen, so Riegelbauer, ob sie einen vielleicht heiraten wollte, falls man sie fragen würde.

Bereits um 10 Uhr werden sich die wahlberechtigten Philharmoniker treffen. Wahrscheinlich wird die Wahl diesmal nicht in der Philharmonie stattfinden. Am Tag darauf findet im Haus ein Festkonzert anlässlich des 50. Jahrestages der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel statt. Hochrangige Politiker werden erwartet, die Sicherheitsmaßnahmen laufen auf Hochtouren. Die Philharmoniker werden wohl an einem anderen Ort wählen. Der steht aber noch nicht fest.

Wahlberechtigt sind alle aktiven Philharmoniker. Offiziell wird immer mit 128 Spitzenmusikern geworben. Aber es sind nie alle Stellen besetzt beziehungsweise werden von Musikern besetzt, die noch in der Probezeit sind. Die dürfen nicht mitwählen. Im Gespräch am gestrigen Vormittag fällt die Zahl 123. Gegen Mittag kommt eine Mail, es seien nur 122 Wahlberechtigte. Nach dem Mittagessen sind es 124. Aber bis Mai ist ja noch etwas Zeit, um die Philharmoniker noch einmal durchzuzählen. Zu Beginn der Wahl wird gleich eine Shortlist der wichtigsten Dirigenten ins Spiel gebracht. Wie die Liste genau zustande kommt, das will keiner erklären. Das gehört zum philharmonischen Orakel. Überhaupt bleibt vieles vom Wahlprozedere geheim. Es gibt bereits einen Wahlvorstand und verschiedene Wahlgänge sind vorgesehen. Es wird traditionell mit Stimmzetteln und Wahlurne gewählt. Über die Namen der Favoriten kann man nur mutmaßen. In der Öffentlichkeit kursieren große Namen wie Christian Thielemann, Daniel Barenboim, Mariss Janson und aus der jüngeren Generation Andris Nelsons, Gustavo Dudamel und Yannick Nézet-Séguin.

„Es dürfte weltweit einmalig sein“, betont Riegelbauer, „das Musiker so autonom ihren Chef wählen können.“ Die 1882 gegründeten Philharmoniker sind stolz auf ihre Selbstbestimmung. Sie ist Teil ihrer Erfolgs und findet sich in ihrer Struktur wieder. Mit Simon Rattles Amtsantritt im Jahr 2002 wurde die öffentlich-rechtliche „Stiftung Berliner Philharmoniker“ gegründet. Formal gibt es einen Stiftungsvorstand, dem der künstlerische Leiter Sir Simon Rattle, Intendant Martin Hoffmann und zwei Orchestervertreter angehören. Sie treffen sich einmal im Monat und entscheiden über Programme, Solisten und Gastdirigenten. Die Philharmoniker führen eine interne Liste mit gut 30 Dirigenten, die regelmäßig eingeladen werden. Das ist auch der Pool, aus dem sie jeweils ihren neuen Chefdirigenten wählen. Auch wenn Riegelbauer und Knörzer jetzt im Gespräch betonen: „Jeder lebende Dirigent kann gewählt werden!“ Darüber hinaus wählt sich das Orchester neben Vorstand und Medienvorstand auch den Fünferrat, der den Vorstand berät.

Das Gehalt ist nicht üppig

Was den neuen Chefdirigenten betrifft, betont Riegelbauer: „Die Wahl ist auch bindend.“ Es könne also keine politische Einmischung geben, sagt er. Aber wir wissen, dass es immer Hebel und Hebelchen gibt. In dem Fall beginnen nach der Wahl die Vertragsverhandlungen mit dem Stardirigenten. Auch über das Gehalt, das „traditionell nicht so üppig ist“ wie etwa bei amerikanischen Orchestern, sagen die Vorstände. Und so sitzt die Landespolitik doch mit am Verhandlungstisch.

Bleibt noch die Frage nach der Geheimhaltung am Wahltag, wo doch heutzutage jeder twittern und simsen kann. „Wir werden verlangen“, sagt Knörzer, „dass die Handys ausgeschaltet werden.“ Und Riegelbauer fügt hinzu: „Die Verschwiegenheit gehört zur philharmonischen Ehre. Und wer dagegen verstößt, wird für den Rest seiner Laufbahn geächtet.“ Eine klare Ansage.