Berliner Philharmoniker

Das Duell der Jugend im Kampf um die Rattle-Nachfolge

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Volker Blech

Foto: picture-alliance

Bei den Philharmonikern zeichnen sich zwei Kandidaten für die Nachfolge von Sir Simon Rattle ab: Kirill Petrenko und Andris Nelson. Der neue Chefdirigent muss planbar, verfügbar, umgänglich sein.

„Die großartigen Berliner Philharmoniker“, schreibt der Kritiker der „New York Times“, „ein Ensemble, das außerordentlich innovativ und aufregend ist, seit Simon Rattle 2002 Chefdirigent wurde, eröffnete die Saison in der Carnegie Hall am Mittwoch mit einem Programm, das auf dem Papier kurz und festlich erschien.“ Nach 90 Minuten mit Rachmaninow, Bruch, Strawinsky wurden die Musiker bejubelt.

Die Berliner Philharmoniker gastieren dieser Tage in New York, einem der exklusivsten Orte der Klassikwelt. Und während Simon Rattle als amtierender Chefdirigent gelobt wird, geht just die Diskussion um seinen Nachfolger in eine neue Runde. Seit Rattle angekündigt hat, dass er 2018 die Philharmoniker verlässt, wird ein knappes Dutzend Namen durchdekliniert. Es reicht von Altmeistern wie Mariss Jansons über Charakterköpfe wie Christian Thielemann bis hin zu den jüngeren Charismatikern Gustavo Dudamel, Kirill Petrenko und Andris Nelsons. Dudamel wird bei den Philharmonikern für seinen energievollen, optimistischen Umgang mit Musik geschätzt, aber nicht für seine interpretatorische Tiefe. Inzwischen deutet daher einiges darauf hin, dass es auf ein Duell zwischen Petrenko und Nelsons hinausläuft – die beiden Schwergewichte der jüngeren Generation.

Beide Dirigenten sind polyglott und verzaubern auf unterschiedliche Weise. Der in Riga geborene Nelsons, 35, präsentiert sich in seiner souveränen Offenheit mehr als Pultstar. Er flirtet mit seinem Publikum und gibt ihm auch seine Show. Das ist Petrenkos Sache nicht. Der 1972 in Omsk geborene Dirigent wirkt fast scheu und überwältigt allein mit seinem hohen künstlerischen Ethos, indem er sich akribisch tief in die Partituren eingräbt. Beide stehen demnächst wieder am Pult in der Philharmonie: Nelsons präsentiert vom 16. bis 18. Oktober Mozart und Strauss, Petrenko widmet sich vom 4. bis 6. Dezember Mahlers Sechster.

Eine klare Ansage

Dass die Diskussion über die Rattle-Nachfolge gerade jetzt wieder aufflammt, hängt mit der „New York Times“ zusammen, die ihren Lesern pünktlich zum Gastspiel das Selbstbestimmungsmodell der Berliner Philharmoniker erklärte und damit auch das einzigartige Recht, sich selbst einen neuen Chefdirigenten zu wählen. Interessant dabei ist der wacklige Auftritt von Andris Nelsons. Er hat den Chefposten des Boston Symphony Orchestra übernommen, auch weil er sich, so die Zeitung „Die Welt“, noch zu jung für die Berliner Philharmoniker fühle. Gegenüber der „New York Times“ nun dementierte Nelsons seine Absage an die Philharmoniker. Der Artikel habe ihn falsch zitiert, sagte Nelsons, er habe nichts zu Berlin gesagt. Was andersherum bedeutet: Andris Nelsons steht als Kandidat zur Verfügung. Das ist schon eine klare Ansage.

Simon Rattles Nachfolger müsse „ein großer Dirigent mit großem Charisma“ sein, sagt Orchestervorstand Bernd Riegelbauer. Mehr sagt er nicht. Aber was soll er auch machen? Konkrete Vorgaben würden das Selbstbestimmungsrecht der Philharmoniker einschränken. Dabei sind in Gesprächen mit einzelnen Musikern schon einige gemeinsame Positionen auszumachen. So schwärmen zwar alle von den großen Maestri, mit denen einzigartige Konzerte zu erleben sind, aber diese Generation verabschiedet sich gerade. Von Seiji Ozawa, 79, spricht keiner mehr, Mariss Jansons ist schwer herzkrank und musste im Juni wegen einer Operation Konzerte absagen. Ein anderer Kandidat, Christian Thielemann, dürfte in dieser Woche nach dem Votum der „Opernwelt“ im Ranking weiter nach hinten gerutscht sein. Als Ärgernis des Jahres wurde die Dresdner Affäre um Serge Dorny genannt. Der innovative Belgier wurde im Machtkampf mit der Sächsischen Staatskapelle unter ihrem Chefdirigenten Thielemann zerrieben.

Der neue Chefdirigent muss planbar, verfügbar, umgänglich sein. Alles andere ist schlecht fürs Geschäft. Die Jüngeren garantieren, dass der Konzertbetrieb nebst digitaler Verwertbarkeit reibungslos verläuft. Und das von Riegelbauer betonte Charisma bezieht sich keinesfalls darauf, dass der neue Chefdirigent ein Pultdiktator wie einst Herbert von Karajan sein soll. Im Gegenteil: Die beiden letzten Philharmoniker-Chefs Abbado und Rattle stehen für den neuen, umgänglichen, ja fast kumpelhaften Dirigententypus. Ein charismatischer Motivator am Pult und hinter der Bühne wird gesucht.

Dirigent des Jahres

In diese Rolle ist Kirill Petrenko für alle sichtbar hineingewachsen. Zum Dirigenten des Jahres wählten ihn die Kritiker der Fachzeitschrift „Die Opernwelt“ am Dienstag. Und zum Opernhaus des Jahres wurde sein Münchner Haus gekürt. „Petrenko ist ein Star, aber kein Monomane“, heißt es in der Würdigung: „Wenn es um die Sache geht, kann er durchaus gesellig sein.“ Die Münchner siegten in vier weiteren Kategorien. So wurde auch das Orchester der Bayerischen Staatsoper seinetwegen zum Orchester des Jahres gewählt. „Kirill Petrenko gibt dem Haus ein musikalisch-geistiges Zentrum“, lobte ihn sofort öffentlich sein Opernintendant Nikolaus Bachler. Er hatte Petrenko im letzten Jahr nach München geholt. Und er könnte ihn 2018 wieder nach Berlin verlieren.

Wobei sich die Philharmoniker weniger für Petrenkos Erfolge bei den Bayreuther Festspielen und an der Münchner Oper interessieren, ihnen geht es – ähnlich wie bei Nelsons – mehr um die Offenheit und Vielseitigkeit im Konzertbereich. Das Berliner Orchester hat sich alljährlich durch ein großes Repertoire zu pflügen. Als Generalmusikdirektor an der Komischen Oper hatte sich Petrenko ab 2002 bereits einen guten Namen gemacht. Über die Stadt hinaus. In den fünf Jahren offenbarte er sich als fleißig, musikalisch unbestechlich und zugleich mutig. Gemeinsam mit Regisseur Calixto Bieito produzierte er mit Mozarts „Entführung aus dem Serail“ den größten Skandal in der Geschichte des Opernhauses. 2007 verabschiedete er sich vom Haus. Inzwischen wurde er zum dritten Mal als Dirigent des Jahres gekürt.

Noch steht das Duell der Jugend unentschieden. Und Andris Nelsons hat es charmant zusammengefasst. Man könne fast eine Oper über die Wahl von Orchesterleitern und Operndirektoren schreiben, so der Dirigent. „Die Intrigen sind wirklich spannend. Und dann, am Ende, sind die Ergebnisse völlig unerwartet.“