Als ein Gesicht des Neuen Deutschen Films kennen wir sie. Als gestandene Theaterschauspielerin. Und nicht zuletzt als „Tatort“-Kommissarin, auch wenn die Konstanzer Fälle im nächsten Jahr auslaufen. Nun aber spielt Eva Mattes in einer neuen Heimatfilm-Reihe des ZDF mit, „Lena Lorenz“, in der sie eine grantige Milchbäuerin spielt. Verrat an den hehren alten Prinzipien? Wir haben die Schauspielerin im Kino Filmkunst 66 getroffen, wo die ersten beiden Folgen in einer Premiere zu sehen waren.
Berliner Morgenpost: Frau Mattes, in „Lena Lorenz“ sehen wir Sie als patente Milchbäuerin auf dem Land. Wie sind Sie denn da hineingeraten?
Eva Mattes: Das frag’ ich mich auch. Ich weiß auch nicht, plötzlich war das Angebot da. Und ich kann so schlecht Nein sagen. Ich fand das Drehbuch sehr schön. Und ich hatte Lust, mal wieder Bayerisch zu spielen. Denn das ist wirklich lange her, in meinen Anfängen mit Fassbinder, Hauff. „Wildwechsel“. „Rozznjogd“ im Münchner Modernen Theater mit Fred Stillkrauth, damals war ich 16. Und erst jetzt haben wir uns wieder getroffen. Aber vor allem war es wohl die Rolle, weil sie mürrisch und grantig ist. Ich mag die bayerische Direktheit.
Sie spielen mal nicht die Hauptrolle, sondern „nur“ die Mutter der Hauptfigur. Ist das auch mal schön, wenn Sie einen Film nicht allein tragen müssen?
Das ist völlig in Ordnung. Das fühlt sich fast wie Urlaub an. Das darf man ja auch mal sagen, oder? Ich konnte auf diese Weise die Berge mal wieder sehen. Das Team hat schon lange gedreht, bevor ich zum Set kam. Bis dahin hat es nur geregnet, und es war nur schlechtes Wetter. Und dann kam ich und es schien nur noch die Sonne. Du stehst da oben auf dem Berg und kriegst den Mund nicht mehr zu vor lauter Wunder der Natur. Das habe ich sehr genossen. Schön verbrachte Lebenszeit!
Sie sind am Tegernsee geboren, aber in München aufgewachsen, jetzt leben Sie in Berlin. Sind Sie ein reiner Stadtmensch oder schlummert in Ihnen auch ein Landei?
Ich bin tatsächlich ein reines Stadtkind. Ich bin nie länger auf dem Land gewesen. Aber in Kreuzberg lebe ich jetzt auf dem Dach, mit sehr viel Grün und Bäumen. Und ganz ruhig. Da fehlen eigentlich nur noch die Kuh und die Hühner. Wir haben auch ein Haus im Wald, da ist es ganz still und wunderschön. Ich mache wahnsinnig gern Gartenarbeit und schau den Blumen beim Wachsen zu. Aber mit Tieren hab ich es nicht so, bäuerisch veranlagt bin ich gar nicht. Aber diese Ruhe dort ist fantastisch. Und das ist auch der Ort, an dem ich alles vergesse, was mit Arbeit zu tun hat.
Nachdem bekannt wurde, dass Sie beim „Tatort“ aufhören werden, haben Sie gesagt: „Ich möchte wieder kritischere Filme drehen, auch mal provozieren und weniger gefällig sein.“ Da hat es schon überrascht, dass jetzt eine Heimatreihe folgt.
Stimmt, das passt gar nicht (lacht). Aber als wir „Lena Lorenz“ gedreht haben, war noch nicht klar, dass ich mit dem „Tatort“ aufhören werde. Das war erst im Herbst danach. Jetzt fängt für mich die Neuzeit an. Und ich habe mir auch vorgenommen, wieder strenger zu sein.
Heißt das, mehr abzulehnen, Nein zu sagen, abzulehnen?
Genau.
Ist das etwas, was Sie schwer können?
Ja, es fällt mir schwer. Ich halte mich ja eigentlich für faul, aber ich bin wohl doch ein Workaholic. Ich hab’ da so ein merkwürdiges Verpflichtungsgefühl. Dass ich denke, ich kann denen das nicht antun abzusagen. Ich war früher, in meinen Anfängen, sehr viel strenger. Aber natürlich denkt man später auch anders, an die Familie und das tägliche Brot, das man sich verdienen muss. Da macht man dann auch Abstriche. Das finde ich aber in Ordnung, dazu stehe ich. Mal sehen, was passiert, wenn ich jetzt etwas strenger werde.
Sie werden 2016 nach dann 14 Jahren aus dem „Tatort“ aussteigen. Wieso?
Das haben der Sender und ich unabhängig voneinander entschieden. Man hat da wohl überlegt, wie man den Konstanzer „Tatort“ reformieren könnte. Aber mir war für mich klar, dass ich nicht mehr weiter machen möchte.
Läuft sich so eine Serienfigur irgendwann tot, will man dann nicht mehr?
Ja, irgendwann ist einfach die Luft raus. Man merkte das auch an den Drehbüchern. Das stagnierte immer mehr, und ich wusste nicht recht, warum. Aber das kommt wohl zwangsläufig, wenn man das 14 Jahre macht. Irgendwann ist es einfach auserzählt.
Andere machen das aber schon 20 Jahre ...
... aber da verändert sich auch nichts mehr. Das kann man ja trotzdem mögen, und die Zuschauer wollen das ja. Aber das wäre für mich keine Herausforderung mehr. Ich merkte, wie mir allmählich die Inspiration ausgeht, zwischen den Zeilen zu lesen und zu spielen.
Ihre „Tatorte“ kamen in der Kritik oft nicht gut weg. Schmerzt so etwas eigentlich?
Nein, interessanterweise hat mir das nicht weh getan. Man kann es einfach nicht jedem recht machen. Und der „Tatort“ lebt ja auch davon, dass er ganz unterschiedliche Töne hat. Das war aber, wohlgemerkt, kein Grund aufzuhören. Im Übrigen haben wir ein großes Publikum, das unsere Fälle offensichtlich gern sieht.
Wenn Sie jetzt die letzten Folgen drehen, schwingt dann so etwas wie Wehmut mit? Oder auch Erleichterung?
Ein bisschen Wehmut schon. Es hat ja großen Spaß gemacht, sonst hätte ich schon viel früher aufgehört. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich das überhaupt so lange machen würde. Das familiäre Gefüge, das sich da ergab, wenn man zwei Mal in einem Jahr zusammen dreht, ist einfach schön. Und warum soll man es nicht schön haben dürfen bei der Arbeit?
Dürfen Sie sich aussuchen, wie Sie aus dem „Tatort“ scheiden?
Ich habe zwei, drei schöne Vorschläge, und ich werde mich demnächst mit unserem Redakteur treffen. Mal sehen. Der wird ja erst im November gedreht und dann frühestens im Herbst 2016 ausgestrahlt. Aber, das habe ich bereits klar gemacht, sterben will ich nicht. Das passt einfach nicht zu der Figur.
Beim „Tatort“ meinten Sie am Ende, man stecke doch in einer Art Schublade. Haben Sie nicht Angst, dass Ihnen das mit „Lena Lorenz“ gleich wieder passieren kann?
Eva Mattes, die Milchbäuerin? Ich glaube nicht, dazu ist die Rolle nicht groß genug. Ich bin ja nicht die tragende Figur, nur eine Rand-, eine Nebenfigur.
Wenn das Provozierende erst danach kommt, was könnte das dann sein?
Ich mache ja sehr gerne Kino. Aber dafür sind Rollen leider spärlich in meinem Alter. Ich würde gern mal mit einem Christian Petzold oder einem Oskar Roehler zusammenarbeiten. Und ich würde gern Figuren spielen, die widersprüchlich, die kompliziert sind, die nicht so gerade gestrickt sind.
Hat es da weniger Angebote gegeben, weil Sie durch den „Tatort“ so definiert sind?
Das weiß ich nicht. Ich fürchte, es gibt einfach nicht so viele Angebote in der Altersklasse. Es wird immer noch viel mehr an die jungen Menschen gedacht. Auch wenn ich gar nicht weiß, ob das noch die Zielgruppe ist, ob die wirklich ins Kino gehen oder nur ins Internet.
Sie sagten, Sie wohnen so ruhig. Sie wohnen aber am Görlitzer Park. Kriegen Sie mit, was da passiert? Wohnt man da noch gern?
Ich wohne nur einen Straßenzug vom „Görli“ entfernt. Ich gehe auch tags da durch, schon wenn ich zur Post muss. Nachts bin ich da allerdings noch nie durchgelaufen, auch vor 20 Jahren nicht. Momentan ist das natürlich eine furchtbare Situation. Aber nicht für uns. Ich habe keine Angst als Anwohner. Ich habe Angst um die Menschen da. Die haben keine Arbeit, die dürfen keine annehmen, bevor sie als Asylanten anerkannt sind. Das treibt einen ja förmlich in krumme Geschäfte. Nur eine Straße entfernt von uns ist auch die Schule, in der einige untergebracht sind. Da bekommt man das unweigerlich mit, wenn die auf dem Dach stehen und runterspringen wollen, wenn sie nicht bleiben dürfen. Das alles ist ganz schrecklich, da muss noch viel getan werden. Aber man müsste das Problem ganz anders, schon in Afrika angehen.
„Lena Lorenz“, ZDF, 9. und 16. April 2015, 20.15 Uhr





