Konzert in Berlin

Larkin Poe zeigen im Fritz-Club handgemachte Rocksongs

Larkin Poe spielen im Fritz-Club im Postbahnhof und überraschen mit einem hitzig schleppenden Southern-Rock - und einer hörbar poppigen Note. Es knistert im Saal.

Foto: Redferns via Getty Images/Getty Images

Sie haben sich lang Zeit gelassen, um zu dem Sound zu finden, der in ihrem Unterbewusstsein offenbar schon so lange rumort. Bereits als Teenager standen die Schwestern Rebecca und Megan Lovell aus Atlanta gemeinsam mit ihrer großen Schwester Jessica als Folk- und Countrytrio The Lovell Sisters auf der Bühne und feierten bis ins Country-Mekka der Grand Old Opry Erfolge mit einem vom Bluegrass beflügelten Spiel und betörenden Harmoniegesängen.

Doch Rebecca und Megan sehnten sich nach rockigeren Klängen. Die Chance kam, nachdem sich Jessica durch Heirat aus dem Familienunternehmen verabschiedete. Die verbliebenen Schwestern orientierten sich neu und machten 2010 als Duo weiter. Sie legten die traditionellen akustischen Instrumente mehr und mehr bei Seite. Sie nahmen Platten auf, die lang genug waren, um als Album durchzugehen, die sie aber zurückhaltend EPs nannten. Sie gaben sich einen neuen Namen: Larkin Poe. So hieß ihr Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater, erzählen sie, ein Historiker und entfernter Cousin von Edgar Allen Poe.

Am Mittwochabend stehen Larkin Poe nun auf der Bühne des Fritz-Club im Postbahnhof und überraschen mit einem hitzig schleppenden Southern-Rock mit hörbar poppiger Note, der ihnen in den USA schon den Beinamen „die kleinen Schwestern der Allman Brothers“ eingebracht hat. Rebecca, die brünette Sängerin, hat die Fiddle und bis auf kleine Ausnahmen auch die Mandoline eingemottet und widmet sich ganz der himmelblauen E-Gitarre. Die blonde Megan, die die Refrains mit ihrer Stimme veredelt, spielt eine rauchig klagende Lapsteel-Gitarre, die sie den Songs sozusagen als dritte Stimme unterjubelt. Schlagzeuger Marlon Patton komplettiert die Band an diesem Abend.

„Danke, dass ihr diesen Abend mit uns verbringt“

Die beiden Mittzwanzigerinnen haben sich in ihrer Karriere mehrfach gehäutet, haben gesucht, verworfen, experimentiert, um ihren Weg zu finden. „Slip out of your dress, slip out of your skin, slip down to your soul” singt Rebecca Lovell denn auch im neuen Stück „Banks of Allatoona”. Es stammt vom Ende vergangenen Jahres erschienenen Album „Kin”, ihrem ersten richtigen Album, wie sie betonen. Ihrem Debüt-Album. „Danke, dass ihr diesen Abend mit uns verbringt“, ruft Rebecca ins begeisterte Publikum, das den Club zwar lange nicht füllt, das aber genau weiß, warum es heute hier ist.

Larkin Poe stehen für handgemachte Rocksongs, in denen es um das Leben, um die Liebe und immer wieder um ihre eigene Familiengeschichte geht. Wie in „Jesse“, einem Song über ihren Urgroßvater, der an Schizophrenie litt. „Wie haben da viel reingesponnen“, so Rebecca in ihrer Ansage. „Manches stimmt zwar, aber vieles ist einfach gelogen.“ Die Familie sei über das Stück nicht sehr amüsiert gewesen. Auch dem Großvater, der immer nah am Wahnsinn gewesen sei, ist mit „Mad As A Hatter“ ein Stück gewidmet.

Musikalisch sind Larkin Poe Retro im positivsten Sinne. Sie setzen auf Tradition, um sie sich auf ihre Weise zu Eigen zu machen. Sie setzen auf den flirrenden-fiebrigen Sound des Südens. Sie lassen sich mit sumpfigem Groove durch die Songs treiben, legen sich bluesig und soulig bei virtuosen Soloeinlagen ins Zeug, zitieren zwischendurch musikalische Vorlieben wie den Gospel „Wade In The Water“ oder auch mal kurz den Ram-Jam-Rockklassiker „Black Betty“. Sie sind rauer, schroffer, rockiger geworden. Zumindest live, denn auf ihrem Debüt-Album „Kin“ geben sie sich studiotechnisch polierter als auf ihren früheren Platten.

Zwei energische Vollblutmusikerinnen

Mit dem neuen Stück „Jailbreak“ gehen diese intensiven 90 Minuten mit zwei energischen Vollblutmusikerinnen in ein furioses Finale. Im Zugabenteil spielen Larkin Poe noch ihren erklärten Lieblingssong. Es sei einer der besten Songs aller Zeiten. Und in einer bewegenden, düster-romantischen Version singen sie „Bang Bang (My Baby Shot Me Down“), den Cher-Hit, den Ehemann Sonny Bono seiner Frau in den 60er-Jahren auf den Leib geschrieben hatte. Gänsehaut. Es knistert im Saal. Die Spannung entlädt sich in dankbarem Schlussapplaus.