Konzert in Berlin

Sleater-Kinney bringen die rebellischen Neunziger zurück

Gitarren fauchen, das Schlagzeug peitscht - und die Männerwelt erzittert: Die Riot Grrrls von Sleater-Kinney sind nach zehn Jahren zurück und spielen ein kraftvolles Konzert im Huxley‘s.

Foto: Redferns via Getty Images/Getty Images

Die Riot Grrrls wollen es nochmal wissen. Sleater-Kinney sind zurück. Nach zehn Jahren Funkstille hat das Frauen-Power-Trio aus dem amerikanischen Nordwesten gerade mit „No Cities To Love“ ein energiegeladenes neues Album aufgenommen und am Mittwochabend stehen die Musikerinnen im prallvollen Huxley’s auf der Bühne, als wären sie nie weg gewesen. Mit dem neuen Stück „Price Tag“ legen sie sofort ein Tempo vor, als müssten sie die männerdominierte Welt erneut aus den Angeln heben.

In den 90er-Jahren waren Sleater-Kinney - der Name bezieht sich auf die Ausfahrt der Interstate-5, die zum damaligen Proberaum der Band führte - die Speerspitze der Riot-Grrrls-Bewegung. Sie machten neben Gruppen wie Babes in Toyland, Bikini Kill oder L7 ihrem Ärger Luft über die Dominanz der Kerle im Rock’n’Roll. Es ging um Gleichberechtigung, Gesellschaftskritik, Selbstverwirklichung.

Sie nahmen großartige Platten auf, eine so gut wie die andere. Die Sängerinnen und Gitarristinnen Corin Tucker und Carrie Brownstein und die Schlagzeugerin Janet Weiss prägten einen ureigenen Sound, getragen von der Rotzigkeit des Punk, der Verspieltheit der Sixties-Girl-Groups und der Standhaftigkeit des Rock’n’Roll.

70 atemlose Minuten

Und das alte Feuer brennt. 70 atemlose Minuten peitschen sie im Huxley’s durch ein Programm, bei dem die Gitarren fauchen und brüllen und der Schlagzeugbeat unnachgiebig nach vorn prescht. Keine Balladen. Corin Tucker singt sich zum breitwandigen Akkordstakkato in schiere Ekstase, sorgt bei ihrem Spiel für die basslastigeren Parts, während Carrie Brownstein Soloeinlagen aus den Saiten schabt. Als Bühnenverstärkung haben sie an Keyboard und Gitarre Katie Harkin von der britischen Band Sky Larkin mit auf Tour genommen.

Tucker und Weiss haben die lange Auszeit mit eigenen Projekten überbrückt. Spielten in anderen Bands. Carrie Brownstein indes startete gemeinsam mit Comedy-Partner Fred Armisen eine neue Karriere als Autorin und Akteurin in der in den USA höchst erfolgreichen und mehrfach für den Emmy nominierten Comedy-Serie „Portlandia”. Aber nun feiern sie die Rückkehr auf die Bühne und das Publikum umarmt sie immer wieder mit frenetischem Applaus.

Viele neue Songs gibt es zu hören, wie „Fangless“ oder „No Cities To Love“, aber auch „Words and Guitar“ vom 1997er-Album „Dig Me Out“ oder „Entertain“ von der 2005 erschienenen Platte „The Woods“, in dem es trotzig heißt: „We’re not here ’cause we want to entertain/Go away, don’t go away.” Sie unterhalten dennoch prächtig und charmant wie ein Handkantenschlag.

„Gimme Respect! Gimme Equality! Gimme Love!“

„Es hat sich vieles verändert, seit wir angefangen haben“, sagt Corin Tucker. „Aber immer noch nicht genug!“ Frauenrockbands sind auch heute immer noch die Ausnahme. Es gibt noch viel zu tun. Mit der Parole „Gimme Respect! Gimme Equality! Gimme Love!” eröffnen Sleater-Kinney einen langen Zugabenteil mit dem neuen Song „Gimme Love“, der so rau, rüde und dröhnend daherkommt, als hätte es ihn schon in den rebellischen Neunzigern gegeben.