Oper

Rolando Villazón mag es als Regisseur prächtig und kitschig

Rolando Villazón ist bei seinem Berliner Regiedebüt an der Deutschen Oper gefeiert worden. Puccinis „La Rondine“ verlegt der Startenor in die 20er-Jahre. Und er weiß, seine Sänger in Szene zu setzen.

Foto: Deutsche Oper/Bettina Stöss

Als Startenor sieht sich Rolando Villazón seit Jahren an der Staatsoper gefeiert, nun ist er einige Hundert Meter weiter zur Konkurrenz gezogen und hat an der Deutschen Oper sein Berliner Debüt als Regisseur gegeben. Am Ende der Premiere von Puccinis „La Rondine“ wird er heftig umjubelt. Das Publikum mag offenbar alles, was ihn so umtreibt. Auf jeden Fall bleibt der Regisseur im Herzen ein Sänger. Sogar seine Lieblingsfigur ist auf der Bühne schnell auszumachen. Es ist der junge Dichter Prunier, der im Hause des Bankiers Rambaldo den gelangweilten Damen einen neuen Trend verkündet: Demnach geht es wieder hin zur romantischen Liebe. Álvaro Zambrano singt den Dichter, und er kommt zunächst daher wie Charlie Chaplin. Er darf einen Abend lang die meisten Grimassen schneiden und mit den Armen fuchteln. Fast so geht es auch in Villazóns Liederabenden zu, spätestens seit seinem Roman „Kunststücke“ wissen wir, dass er sich als Clown wohl fühlt.

Es ist nicht leicht, Puccinis „La Rondine“ (auf Deutsch: Die Schwalbe) zu inszenieren. Die lyrische Komödie entstand in den europäischen Wirren des Ersten Weltkriegs, in dem Puccini in seiner Loyalität hin- und hergerissen war. Schließlich wurde sie 1917 in Monte Carlo uraufgeführt. Irgendwann verschwand das Stück in der Vergessenheit und wurde vor einigen Jahren wieder rausgekramt. Dieser Puccini ist kein Repertoirestück, aber auch keine Wiederentdeckung. Derzeit sind Inszenierungen in 16 Städten weltweit gelistet. Immerhin. Und alle Regisseure stehen vor dem gleichen Dilemma: Es geht eigentlich um nichts – außer der Vergänglichkeit der Liebe. Dennoch kann man zwischen der Handlung von Puccini und der ebenso schlichten Geschichte von Villazón unterscheiden.

Vergangene Liebhaber

Bei Librettisten Alfred Maria Willner, einem der großen Wiener Operettentexter, ist Magda die Mätresse des Bankiers, die sich in den mittellosen Jüngling Ruggero verliebt. Sie fliehen an die Riviera und ersticken bald schon in unbezahlten Rechnungen. Der Bankier will sie zurück, Ruggero sie heiraten. Aber sie, die Verdorbene, glaubt, die Liebe nicht leben zu dürfen. Sie beichtet ihm ihre Vergangenheit und verzichtet. Frauenflüsterer Villazón hat eine andere, weniger chauvinistische Deutung parat. Er verlegt die Handlung in die goldig-verrufenen 20er-Jahre und versetzt das Ganze mit ein paar surrealistischen Elementen. Den Abend über laufen drei Männer in weißen Anzügen und mit gesichtslosen Masken über die Bühne, stehen stumm herum oder halten anderen einen Bilderrahmen vor. Die selbstbewusste Magda träumt von der großen Liebe, und sie lebt sie im Traum mit Ruggero aus. Am Ende zieht sie ihm eine gesichtslose Maske über. Ruggero, der vierte Mann im weißen Anzug, schmachtet ihr nach. Liebe ist schon eine komplizierte Sache.

Das Auge wird verwöhnt

Das Auge wird zwei Stunden lang von Villazón verwöhnt, er scheut weder Pracht noch Kitsch (Bühnenbild: Johannes Leiacker). In Magdas Pariser Salon ist im Hintergrund überdimensional Tizians „Venus von Urbino“ von 1538 zu sehen. Sie ist das einzig Nackte in dieser Inszenierung. Den zweiten Aufzug im berühmten Pariser Tanzsaal Bal Bullier hat Villazón in eine Art „Kit-Kat-Club“ mit allem Glitzerfummel verlegt. Aber er inszeniert kein doppelbödiges Cabaret, sondern vor allem die Sänger in ihrem Tun. Wenn sich das Liebespaar am Tisch sitzend findet, hat alles Laszive rundum auf Zehenspitzen zu gehen. Es geht ziemlich prüde zu in Villazóns sündigen Bilderwelten. Einmal nähert sich der umtriebige Dichter einer mondänen Dame von hinten. Sie dreht sich um, er erschrickt, es ist ein Mann. Na, so was.

Die Deutsche Oper hat Glück im Unglück. Hauptdarstellerin Dinara Alieva war erkrankt, nur vier Tage vor der Premiere sprang Aurelia Florian als Magda ein. Die Probenzeit reichte offenbar nicht aus, um sich von Villazóns Verrücktheiten einfangen zu lassen. Die Rumänin benutzt das ihr vertraute gestische Repertoire, und da sie gerade die „Traviata“ probt, passt es. Ihre Magda ist von zurückhaltend koketter Eleganz. Aurelia Florians Sopran verfügt über eine angenehme Tiefe, sie kann verschiedene Stimmungen heraufbeschwören, und wenn sie in den Höhen mehr Geschmeidigkeit statt Schneidigkeit wagen würde, dann würde man ihr zu Füßen liegen. Ihre Magda ist schon eine selten anmutige Frau.

Schmachttenor vom Dienst

Der Ruggero von Charles Castronovo hat es einfacher. Er ist der italienische Schmachttenor vom Dienst. Das bedient Castronovo souverän, und er sieht sich am Ende ebenfalls bejubelt. Wunderbar singt auch Alexandra Hutton ihrer Lisette das Quirlige auf den mondänen Leib. Sie ist die Zofe, die sich in den teuren Klamotten ihrer Herrin (Kostüme: Brigitte Reiffenstuel) in die Party stürzt. Stephen Bronk gibt sonor den Rambaldo, der immer die Rechnungen bezahlt.

Im Orchestergraben will Roberto Rizzi Brignoli das Leidenschaftliche, Dissonante in Puccinis Partitur aufspüren. Das hat großen Atem, fordert aber auch viel Puste der Sänger auf der Bühne, die es dadurch teilweise schwerer haben, sich ihre Schneisen durchs Orchester zu schlagen. Der Chor ist wieder einmal sing- und spielmächtig zu erleben.

Zwei Dinge hatte sich Puccini seinerzeit mit „La Rondine“ vorgenommen. Die Leute sollten schmunzeln, und es sollte keine Toten geben. In dieser Neuinszenierung gibt es wenig zu lachen. Man muss sich schon fragen, was das Faszinierende an Villazóns Regiearbeit ist. Möglicherweise hat er es doch geschafft, jenseits der kunterbunten Fassade etwas von sich einzubringen. Es ist ein Hauch von Melancholie. Villazón offenbart sich als Romantiker.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 34384343. Termine: 12., 14., 18., 27.3.; 29.6. und 3.7.