Philharmoniker

Rattle wird Musikdirektor des London Symphony Orchestra

„Wie eine Heimkehr.“ Sir Simon Rattle wechselt 2017 nach London. Nach den Berliner Philharmonikern könne er sich keine „bessere und inspirierendere“ Aufgabe vorstellen. Mit seiner Familie lebt er weiterhin in Berlin

Foto: Stuart C. Wilson / Getty Images

Sir Simon Rattle, das ist die Nachricht, geht nach London und bleibt in Berlin. Und alle Seiten scheinen damit zufrieden zu sein: die Londoner, die Berliner und seine Familie. Vor zwei Jahren hat Rattle offiziell verkündet, als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker im Sommer 2018 aufzuhören. Weshalb sein Berliner Orchester jetzt am 11. Mai seinen Nachfolger wählt. Am gestrigen Dienstag gab nun das London Symphony Orchestra (LSO) bekannt, dass Simon Rattle bei ihnen 2017 als Chefdirigent antritt. Von September 2017 bis zum Abschied in Berlin werde er in beiden Städten aktiv sein, erklärte Rattle die Überschneidung. In der Übergangssaison will er neun Wochen in London sein, Berlin habe Priorität.

Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass Stardirigenten mehrere Orchester gleichzeitig leiten. Rattles amtierender Vorgänger beim LSO, der Russe Valery Gergiev, ist fast ein Sammler. Er ist Chef in St. Petersburg, München und London. Für Rattle hingegen ist es untypisch, er gehört zu den Chefdirigenten, die sich ziemlich monogam auf ein Orchester einlassen. Allerdings wird er in seiner letzten Saison bei den Philharmonikern sowieso nur noch als Dirigent gebraucht, die künstlerische Zukunft plant dann bereits der Neue. „Wir gratulieren Sir Simon zu dieser neuen spannenden Aufgabe in seiner englischen Heimat“, sagte Philharmoniker-Intendant Martin Hoffmann, „und freuen uns gleichzeitig sehr auf die weitere Zusammenarbeit und viele schöne Projekte mit ihm als Künstlerischem Leiter der Stiftung Berliner Philharmoniker.“ Das Ganze sieht nach einem Abschied in Harmonie aus. Was bei den Philharmonikern ja nicht immer der Fall war.

Rückkehr eines verlorenen Sohnes

Die Briten feiern die Personalie Rattle jetzt wie die Rückkehr eines verlorenen großen Sohnes. Und Rattle, der 1955 in Liverpool geboren wurde und als charismatischer Lockenkopf vom City of Birmingham Symphony Orchestra überraschend nach Berlin verpflichtet wurde, spielt die Rolle dankbar mit. „Es fühlt sich an wie eine Heimkehr“, sagte er am Dienstag in London. Kürzlich hatte er noch im Interview mit der Berliner Morgenpost gesagt, er würde gerne musikalisch mehr für sein Heimatland tun. „Die Briten sind ja immer noch Teil Europas“, scherzte er, „selbst wenn sie es nicht wissen“. Zu dem Zeitpunkt dürften die Verhandlungen bereits auf Hochtouren gelaufen sein.

Zwar verlasse er, so Rattle, ein Weltklasse-Orchester, „aber ich gehe zu einem Weltklasse-Orchester eines ganz anderen Typs“. Er könne sich für die nächsten Jahre „keine bessere und inspirierendere“ Aufgabe vorstellen. Es ist zunächst ein Fünf-Jahres-Vertrag. Tatsächlich ist es ein würdiger Wechsel, zumal von einem klassischen Kulturkreis in einen anderen. Traditionell haben Chefdirigenten die Philharmoniker entweder schwer krank oder tot verlassen. Rattle hingegen ist auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Laufbahn. Viele haben sich gefragt, was man nach den Philharmonikern als Chefdirigent überhaupt noch machen kann, ohne den Ruch eines Abstiegs. Der Wechsel nach London aber macht rundum Sinn für den britischen Dirigenten.

Rebellische Musiker

In gewisser Weise sind die beiden Orchester vergleichbar. Die Berliner Philharmoniker entstanden 1882, als 54 Musiker der „Bilseschen Kapelle“ entschieden, sich vom autokratischen und geizigen Benjamin Bilse zu lösen. Auf ihre Selbstverwaltung sind sie bis heute stolz. Auch das LSO ist 1904 als erstes unabhängiges und selbstverwaltetes Orchester Englands aus einer Art Rebellion hervor gegangen. Beide Orchester werden von den besten Dirigenten geleitet, setzen maßgeblich auf mediale Verbreitung und auf Education. Rattle hatte in Berlin mit dem Nachwuchs-Projekt „Rhythm Is It!“ eine Welle der Begeisterung und Nachahmung ausgelöst. „Wir teilen den Traum“, sagte Rattle gestern in London, „dass Aufführung, Lehren und Lernen untrennbar miteinander verbunden sein sollen mit dem Ziel einer größeren Verbreitung unserer Kunst.“

Rattle war 1977, damals 22-jährig, erstmals beim LSO. Inzwischen hatte einen überaus glanzvollen Auftritt: Während der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 in London dirigierte er das LSO mit Schauspieler Rowan Atkinson alias Mr. Bean. Zuletzt hat er im Januar mit dem Orchester zwei Konzerte mit Werken von Schumann, Strawinsky, Webern, Berg und Ligeti im Barbican Centre, dem Sitz des LSO, gemacht.

Forderung nach neuem Konzertsaal

Zu dem Zeitpunkt wurde in den britischen Medien bereits darüber spekuliert, ob Rattle nach London wechselt. Für Schlagzeilen sorgte er, als er dem Rundfunksender BBC sagte, London fehle ein Konzertsaal mit erstklassiger Akustik. Das Barbican Center bezeichnete er lediglich als „brauchbar“. Der britische Finanzminister George Osborne von den Konservativen sagte daraufhin eine Machbarkeitsstudie für eine neue Konzerthalle zu. Rattle betonte, dass er für das LSO auf ein neues Konzerthaus hoffe. Rattle hat also eine neue Herausforderung gefunden. Das wird ihm gut tun.

Dennoch will der Stardirigent weiterhin in Berlin leben. „Ich kann mir gegenwärtig nicht vorstellen, nicht in Berlin zu wohnen“, sagte er. Rattle ist mit der tschechischen Sängerin Magdalena Kozená verheiratet, das Paar hat drei Kinder. Und der Dirigent hat bereits angekündigt, an den beiden großen Berliner Opernhäusern zu dirigieren. Es sieht danach aus, als würde Rattle ab 2018 in London das Sinfonische ausleben und für einen neuen Konzertsaal kämpfen, in Berlin hingegen das Familienleben pflegen – und die Oper.