„Wir könnten uns das Leben viel leichter machen und an den beiden Wochenenden ,Die Zauberflöte‘, ,Don Giovanni‘ und ,Figaros Hochzeit‘ zeigen. Warum auch nicht? Es sind alles große Werke“, sagt Daniel Barenboim: „Aber Alban Berg ist mir sehr wichtig. Es ist an der Zeit, dass wir es als normale Musik annehmen. Es ist gar nicht modern, verrückt, komisch, schwer zu verstehen, unzugänglich – aber man muss es regelmäßig hören.“ Der Stardirigent bereitet dieser Tage an der Staatsoper einen Alban-Berg-Zyklus vor, das Gespräch findet abends nach einer Probe statt. Vom 6. bis 15. März werden die beiden von Andrea Breth inszenierten Berg-Opern „Wozzeck“ und „Lulu“ im Schiller-Theater sowie das sinfonische Werk in der Philharmonie aufgeführt.
Eine persönliche Rangliste
Ein Berg-Zyklus ist etwas Außergewöhnliches. Und ein Risiko, das große Dirigenten und Orchester normalerweise nicht eingehen. Auch Daniel Barenboim und seine Staatskapelle haben bislang bei den Zyklen auf die ganz großen Namen gesetzt. Beethoven war es Mitte der 90er-Jahre, Schumann um die Jahrtausendwende. Wagners zehn Opern wurden chronologisch bei den Festtagen 2002 aufgeführt, dazu gab es den Sinfoniker Brahms. Der Mahler-Zyklus folgte 2007. Der wurde auch in der New Yorker Carnegie Hall wiederholt, wo Daniel Barenboim vom Magazin „New Yorker“ als der wichtigste lebende Klassikmusiker betitelt wurde. In den letzten Jahren hat der Dirigent sein Herz für Arnold Schönberg, den Erfinder der Zwölftontechnik, entdeckt. Da liegt dessen Meisterschüler Alban Berg nahe.
Der 72-jährige Barenboim gehört zu jener Liga Dirigenten, die nicht dirigieren müssen, was ihnen angeboten wird oder der Zeitgeist fordert, sondern die sich aus dem Repertoire nehmen, was ihnen gefällt. Über die Jahrzehnte hinweg hat der Pianist und Dirigent seine Maßstäbe und seine persönliche Rangliste gefunden. „Wir wären ärmer ohne manche Werke von Mendelssohn. Aber historisch gesehen ist er nicht so wichtig“, sagt Barenboim.
„Was gibt einem Komponisten historische Bedeutung. Es ist nicht nur, weil er etwas Neues erfunden hat, sondern zugleich alles sublimiert, was vor ihm war. Das war der Fall bei Bach, bei Beethoven, bei Wagner, bei Debussy und Schönberg. Das sind für mich Komponisten von großer historischer Wichtigkeit. Das ist aber nur ein Aspekt. Mozart ist vielleicht der größte Komponist aller Zeiten, aber historisch gesehen glaube ich es nicht.“
Normales Repertoire
Bemerkenswerterweise fällt der Name Schönberg, aber der von Berg nicht. Dabei steckt auch er in der Schublade mit der Aufschrift „Zweite Wiener Schule“. Für Berg war der zehn Jahre ältere Schönberg fast eine Vaterfigur, wohl auch, weil der eigene Vater früh verstorben war. Berg wurde gemeinsam mit Anton Webern als Privatschüler bei Schönberg aufgenommen. Sechs Jahre studierte er bei ihm.
„Die Zweite Wiener Schule war lange völlig unbekannt. Man hat sie in ,Ghettos‘ für zeitgenössische Musik gespielt“, sagt Barenboim: „Jetzt gehören bei der Staatskapelle, den Wiener Philharmonikern, den Berliner Philharmonikern Schönbergs Variationen und Berg-Stücke zum ganz normalen Repertoire. Dafür muss man Pierre Boulez danken, der die Stücke in die große Familie der Orchester eingeführt hat.“
Die von Schönberg eingeführte Zwölftontechnik hat die Musikwelt im 20. Jahrhundert revolutioniert. Seither muss sich jeder Komponist und jeder Klassikliebhaber irgendwie dazu verhalten. Die Mehrheit der Hörer lehnt sie nach wie vor ab. Die Methode hatte bereits vor 100 Jahren für einen einzigartigen Skandal in der Musikgeschichte gesorgt. 1912 schrieb Berg die Fünf Orchesterlieder nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg.
Im Jahr darauf brachte Schönberg zwei dieser Lieder im Wiener Musikvereinssaal zur Uraufführung. Nach den Liedern gab es Tumulte, das Konzert musste abgebrochen werden. Auch dieser Zyklus wird am 8. März im Konzert mit Anna Prohaska und Thomas Hampson aufgeführt.
Biografische Querverweise
Dabei gilt Berg unter den drei Zwölftonmeistern als der Rückwärtsgewandte, der immer noch in den musikalischen Gefühlswelten der Romantik stöberte. „Ja und nein“, sagt Barenboim. „Letztlich ist das wie in politischen Prozessen. Große Revolutionäre sind keine guten Regierungsleute. Schauen wir nur auf Fidel Castro, schauen wir auf Jassir Arafat. Sie haben beide große Befreiungsbewegungen geleitet. Dann konnten sie aber nicht richtig regieren. Schönberg war der Revolutionär, aber Berg konnte einfach besser regieren. Und irgendwann zieht ein wenig Korruption ins Regierungsgeschäft mit ein. Bei Berg ist es an der Emotionalität der späten Stücke erkennbar. Der Vergleich ist natürlich scherzhaft gemeint.“
Berg habe in der Oper eine wichtigere Rolle als Schönberg, sagt Barenboim. „Was ist die logische Fortsetzung nach Wagners ,Tristan‘, ,Meistersingern‘ und ,Parsifal‘ – was kann danach kommen? Nur der ,Wozzeck‘ und die ,Lulu‘. Das ist seine historische Bedeutung.“ Schönbergs Wichtigkeit liege hingegen in der Erfindung der Atonalität, der Zwölftontechnik.
Bei kaum einem Komponisten lassen sich so viele biografische Querverweise in den Werken finden. Bergs „Lyrische Suite“, sein erstes Zwölftonstück, ist seiner langjährigen heimlichen Geliebten gewidmet. Das war die mit Franz Werfel verheirateten Hanna Fuchs, Berg benutzte in der Suite ihre Initiale h-f als zentrales Intervall. Sein Violinkonzert widmete er „dem Andenken eines Engels“ - die Tochter von Alma Mahler und Walter Gropius war 18-jährig verstorben. Beide Werke werden im Berg-Zyklus gespielt.
Muss der Hörer die biografischen Hintergründe wissen? „Mehr Informationen über die Komponisten zu haben, das schadet nie“, sagt Barenboim: „Es ist sicherlich wichtig zu wissen, dass Beethoven taub war. Aber hilft es einem, die 5. Sinfonie oder die ,Pastorale’ zu verstehen? Nein. Dass man die Biografie eines Komponisten gut kennt, heißt bei weitem nicht, dass man seine Stücke gut aufführen kann. Die Biografie kann eine Inspiration sein. Das Stück bleibt immer eine Welt in sich.“
Bleibt die Frage, ob Daniel Barenboim ein Lieblingsstück von Berg hat. Normalerweise reagieren Künstler auf diese Frage gern ausweichend und behaupten, dass alle Werke gleichermaßen ihre Lieblingskinder seien. Und was sagt Daniel Barenboim? „Ich liebe alle Stücke“, um gleich lächelnd hinzuzufügen. „Aber ich habe eine besondere Liebe zum Kammerkonzert. Ich habe es das erste Mal mit 22 Jahren gespielt. Es war damals total unbekannt und die französische Erstaufführung mit Pierre Boulez. Ich war fasziniert, die Jugendliebe zum Stück ist geblieben.“ Das Kammerkonzert wird auch am 15. März in der Philharmonie gespielt.





