Geige lernen

Zakhar Bron - der große Virtuosenmacher in der Geigenwelt

Wer bei Zakhar Bron Geige lernt, der steht wie David Garrett und Daniel Hope ganz auf der Seite des Erfolgs. Zakhar Bron gilt als großer, strenger Lehrer der Stargeiger. Ein Gespräch.

Foto: zakharbronchamber

Stargeiger Daniel Hope wurde einmal in einem Fernseh-Interview mit einem Einspieler überrascht. Sein Lehrer Zakhar Bron erschien hinter ihm auf dem Bildschirm, wirkte in seiner Ernsthaftigkeit irgendwie deplatziert in dieser heilen Bildschirm-Welt und rang sich in gebrochenem Deutsch einige Worte ab. Es mündete in den Satz: „Du bist… ein… unglaubliche Exemplar.“

Er sei schockiert darüber gewesen, sagt Hope heute. Es gäbe Bron-Schüler, heißt es, die nie im Leben ein lobendes Wort von ihm gehört haben. Und immer noch darauf warten. Für alle bleibt er der Herr Professor.

Russische Schule

Zakhar Bron ist der große Virtuosenmacher in der Geigenwelt. Zu seinen Schülern zählen neben Hope auch David Garrett, Vadim Repin, Maxim Vengerov und Igor Malinovski. Er würde mir die lange Liste seiner erfolgreichen Schüler zukommen lassen, sagt Bron beiläufig im Gespräch.

Am heutigen Montag ist der selbstbewusste, charismatische Mann mit seinem Schweizer Chamber Orchestra aus Interlaken im Kammermusiksaal der Philharmonie zu erleben. Als Dirigent und Geiger präsentiert er mehrere junge bis gereifte Schüler. Bachs Konzert für zwei Violinen BWV 1043 spielt er etwa gemeinsam mit Latica Honda-Rosenberg, die inzwischen selbst Geigenprofessorin an der Universität der Künste ist.

In unserem Gespräch kommt es gleich zu einem Missverständnis. Es geht um die Frage, ob ein Geiger, der Karriere machen will, wirklich mit fünf Jahren beginnen muss? In der westlichen Welt herrscht ja das Denken, man könne alles machen, wenn man es nur richtig wolle. Selbst, wenn man sich erst mit 20 oder 60 dazu entschließt. Bron deutet die Altersfrage anders herum. „In Japan und Korea beginnen Kinder bereits mit zwei oder drei Jahren“, antwortet er: „Aber das bringt nichts.“ Das mit den fünf Jahren sei eine Tradition der letzten 100 oder 150 Jahre, fügt er hinzu. Seine Eltern haben ihn auch in dem Alter beginnen lassen.

Die Eltern waren Musiker

Und dann erzählt er die eigene Geschichte. Seine Mutter war eine professionelle Pianistin aus Polen, sein Vater, der aus Rumänien kam, träumte immer davon, Geige zu spielen. Aber die Großeltern wollten es nicht, er sollte etwas Besseres werden. Ende der 30er-Jahre flohen seine Eltern als Juden vor den Deutschen in die Sowjetunion. Zakhar Bron wurde 1947 in Uralsk im westlichen Kasachstan geboren. Er lernte Geige in der Stoljarski-Schule in Odessa, später studierte er am Moskauer Konservatorium bei Igor Oistrach. Nach dem Studium entschied sich Bron bald schon, den Weg als Pädagoge zu gehen. 1974 wechselte er nach Nowossibirsk. Dort in Sibirien legte er den Grundstein der Bron-Schule. Allerdings ist er nie wirklich sesshaft geworden. Er unterrichtet anschließend in London, Lübeck, Madrid, Köln, Zürich. Sein verstärktes Engagement beim Festival Interlaken Classics ist eine Art Alterssitz für die Zeit nach der Pensionierung.

Daniel Hope war 1992 zu Zakhar Bron gekommen und seinem Lehrer von London nach Lübeck gefolgt. Er kann sich noch genau an die Unterrichtssituation erinnern. Alle Schüler waren irgendwie immer da und übten. Irgendwann mussten sie vorspielen. „Für uns gab es keine verbindlichen Uhrzeiten“, sagt Hope, „sondern nur eine Reihenfolge.“ Eine Lektion beim Lehrer konnte auch schon mal zwei oder drei Stunden dauern.

Dann wurde weiter geübt. Bron war die ganze Zeit da, von früh an, er ließ sich sogar das Essen bringen. Hope empfand ihn wie einen Sporttrainer, der einem einen Spiegel vorhält. Man spürte sofort die Verbesserungen. „Der Erfolg im Unterricht machte süchtig“, so Hope: „Von ihm unterrichtet zu werden, war wie ein Hauptgewinn im Lotto.“

Im Westen war man überrascht, was Zakhar Bron für Elitegeiger in der früheren Sowjetunion hervorbrachte. Noch heute spricht man von der großen russischen Schule, auch wenn Bron sie selber so nicht nennt, weil Professionalität an keinen Ort, kein Land gebunden sein muss. Er erinnert sich an eine Reise, die ihn 1986 nach England führte. Dort spielte, unterrichtete und redete er.

„Anschließend erschien ein eigentlich sehr guter Artikel über meine Arbeit“, sagt er: „Darin stand aber auch, dass meine Methode die gleiche ist wie die vom Genossen Stalin. In einer Pressekonferenz wurde ich von einem Journalisten danach gefragt. Ich fragte zurück, er solle mir bitte erklären, wie Demokratie in Fragen der Intonation und Rhythmus funktioniert? Dann können wir weiter sprechen.“ Ja, er sei ein strenger Lehrer, fügt Bron hinzu. „Aber mein Ziel war es nie, eine Kopie von mir zu machen, sondern das freizulegen, was Gott diesen Geigentalenten geschenkt hat.“

Streng, aber familiär

Daishin Kashimoto, der seit 2009 Erster Konzertmeister der Berliner Philharmoniker ist, kam bereits als Elfjähriger zu Bron. Ein Wunderkind, Bron nennt solche Kinder liebevoll „Blumengarten-Talente“. Kashimoto war in London geboren worden, hatte in Tokio als Dreijähriger mit der Geige begonnen und war zunächst in New York auf der Julliard-School. 1991 brachte ihn seine Mutter dann zu Bron nach Lübeck.

Das war zu der Zeit, als der Geigenauktionator Bongartz seinen Sohn David regelmäßig dorthin zum Unterricht fuhr, der später unter dem Mädchennamen seiner Mutter als David Garrett Weltkarriere machte.

An das knappe Dutzend der Schüler kann sich Kashimoto gut erinnern. „Es war eine kleine Familie“, sagt er. Natürlich gab es auch so etwas wie Wettstreit untereinander. Kashimoto blieb bis 1999, er spricht mit Warmherzigkeit über diese ihn prägenden Jahre. Er erinnert sich an ein Klassenkonzert in Italien, wo sich beim Mittagessen zwei Schüler mit zu vielen Muscheln den Magen verdorben hatten.

Bron bestand darauf, sie mussten abends im Konzert spielen. Egal, wie sie sich fühlten. Ein Künstler hat für sein Publikum verlässlich da zu sein. Bei den Philharmoniker gibt es neben Konzertmeister Kashimoto einen weiteren Bron-Schüler: Thomas Timm, den 1. Stimmführer der zweiten Geigen.

Woran man ein großes Geigentalent erkennt?, frage ich den Lehrmeister. Bron verweist auf eine alte italienische Geigenbauerfamilie aus Cremona. Heute noch würde man mit chemischen Analysen von Holz und Lack versuchen, die wertvollen Instrumente zu kopieren. Es gelinge keinem. „Aber wenn ein Geigenbauer wie Stradivari ein Stück Holz in der Hand hielt“, sagt Bron, „dann hat er intuitiv gespürt, wie dieses Holz einmal als Geige klingen wird. Und es entstanden immer individuelle Instrumente.

Wenn ich ein Talent höre, dann kommen mir immer Ideen, was es für seine Formung braucht.“ Das Geheimnis der Talentfindung wäre mit Brons Antwort zwar nicht gelöst, aber er hat klargestellt, dass er alle seine Schüler mit Stradivaris vergleicht. Perfekter im Klang geht es nicht.

Kammermusiksaal der Philharmonie: Montag, 20 Uhr. Tel. 01806-570070

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